Heinerblog

4.1.2008

Goethe - Reineke Fuchs

Abgelegt unter: Kunst, Tiere, Bücher, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:28

Ich habe vor mir die Ausgabe des Insel Verlages als Taschenbuch, „gebunden“ Nr. 2564 von Johann Wolfgang Goethe „Reineke Fuchs“ In zwölf Gesängen, mit 117 Illustrationen von Joseph Hegenbarth. 1. Auflage Frankfurt 1999.

l1040087-fuchs-1-15.jpg

Worum geht es in dem Text nochmal?

„Der listenreiche Übeltäter Reineke Fuchs, gegen den die Tiergemeinschaft Klage bei ihrem König erhebt, wird zum Tode verurteilt und dann doch noch hoch geehrt und zum Reichskanzler ernannt. (…) Es siegt in dieser Geschichte nicht die Vernunft, oder gar das Gute, sondern der, der sich schamlos der List und der Macht bedient.“ (eine amazon Kritik).

l1040093-fuchs-3-15.jpg

Die handelnden Personen sind:

Reineke, der Fuchs
Ermelyn, seine Frau
Reinhardt und Rossel, seine Söhne
Nobel, der Löwe und König
Isegrim, der Wolf
Gieremund, Isegrims Frau
Eitelbauch und Nimmersatt, seine Söhne
Grimmbart, der Dachs
Braun, der Bär
Hinze, der Kater
Lampe, der Hase
Henning, der Hahn
Kratzefuß, die Tochter von Henning
Kreyant und Kantart, seine Söhne
Markart, der Häher,
Boldewyn, der Esel
Bellyn, der Widder
Wackerlos, das Hündchen
Ryn, die Dogge
Lüdtke, der Kranich
Lupardus, der Leopard
Marke, die Ziege
Hermen, der Bock
Bokert, der Biber
Tybbke, die Ente
Adelheid, die Gans
Martin, der Affe
Pflückebeutel, der Rabe
Und noch ein paar Unbedeutende mehr.

l1040095-fuchs-4-15.jpg

Die Geschichte und damit Reinekes Verhalten ist eigentlich unmoralisch und anarchisch, unsozial und verantwortungslos, aber auch gegen alle Scheinheiligkeit gewendet, rücksichtslos ehrlich oder rücksichtslos verlogen und gleichzeitig erhellend, aufklärerisch, weil er / sie nichts einfach so gelten lässt und hinnimmt sondern aufdeckt und zum Vorschein bringt und hinter Absichten und Beweggründe blicken lässt. „Sapere aude!“

l1040092-fuchs-5-15.jpg

Es ist ein sehr genussvolles Lesen gewesen. Ohne Einschränkung.

Goethe stellt die (gelogene, erfundene) Geschichte, die Reineke dem König erzählt, von der Verschwörung und dem geplanten Umsturz, dem Aufstand gegen ihn selbst, den König, durch Braun, den Bären, Isegrim und Reinekes eigenen Vater, um einiges blumiger und ausführlicher dar, als Willem das tut. Auch die Beschaffung der notwendigen Söldner, Art und Höhe der Entlohnung usw. sind für Goethe offensichtlich wichtiger als für Willem. Goethe war ja Beamter. Und Reineke muss Zeit schinden, um seinen Kopf zu retten.

Goethe ist an manchen Stellen etwas zurückhaltender oder ungenauer, zum Beispiel bei der Beschreibung der Verletzungen des Paters, die ihm von Hinze, dem Kater zugefügt werden (vergl. das Zitat bei Willem). Bei Goethe heißt es dazu nur (S. 42):

„Hinze dachte zu sterben; da sprang er wütend entschlossen
Zwischen die Schenkel des Pfaffen und biss und kratzte gefährlich.“

l1040091-fuchs-6-15.jpg

Dafür scheut sich Goethe nicht, die zwei Vergewaltigungen von Gieremund, der Frau Isegrims, durch Reineke Fuchs zu erwähnen. Auf Seite 40, als sie mit dem Kopf im Bretterverschlag feststeckt und später im 11. Gesang, als Frau Gieremund hilflos mit dem Schwanz im Eis festgefroren ist (Isegrim behauptet in seiner Klagerede, Reineke habe sie dazu gebracht, dabei war es ihre eigene Fressgier, wegen der sie ihren Schwanz in das Loch des zugefrorenen Sees hängen ließ) und Reineke sie dabei „übermannt“ (S. 174) Tststs.

Merkbar und zitierfähig für alle Gelegenheiten ist einiges in dem Buch, zum Beispiel der Grabspruch von Kratzefuß, die von Reineke „erlegt“ wurde (S. 19):

„Kratzefuß, Tochter Henning des Hahns, die beste der Hennen,
legte viel Eier ins Nest und wusste klüglich zu scharren.“

Sehr schön. Das klügliche Scharren.

Reineke zieht den Kopf aus der Schlinge, weil das Versprechen, das in seinen Lügen steckt, für die anderen (z.B. den König) zu verlockend erscheint. Damit bringt er sie dazu, das zu tun, was er will. Die Königin fällt wohl zuerst auf die versprochenen Schätze herein. Der König bleibt noch ein Weilchen standhaft: „Denn ein größerer Lügner ist wahrlich niemals gewesen.“ (S. 80) Das weiß er. Und handelt dann doch gegen sein Wissen. Er glaubt ihm. Er will ihm einfach glauben. Obwohl er weiß, dass es falsch ist.

Die „Moral“ also? Wir wollen betrogen werden. Bei uns allen setzt der Verstand aus, wenn wir an unserer Gier, Eitelkeit, Eifersucht, etc. gekitzelt werden. Und wir handeln gegen unseren Verstand. Oft.

Die Verleumdungen von Reineke sind perfide und die Gewalt blutrünstig, (Verbrennungen, Vergewaltigungen, Fell-Abziehen, etc.) aber in den Versen Goethes kommen sie sehr verspielt und kindlich daher, jedenfalls auch ironisch, irgendwie freundlich, fast harmlos, märchenhaft nett.

l1040089-fuchs-8-15.jpg

Der Hase Lampe – als Begleitschutz zusammen mit Bellyn, dem Widder, dem freigelassenen Reineke zur Seite gestellt – wird von Reineke betrogen, von Reinekes Familie umgebracht (gefressen), sein blutiger Kopf als kleines „Dankeschön“ (als ein „wichtiger Brief“) durch Bellyn, dem ahnungslosen Widder, zurück zum König gebracht. Was natürlich zum Eklat führt, und dazu, dass der ganze Königs-Betrug ans Tageslicht kommt.

Damit schafft es Reineke aber auch, seine Verwandten Isegrim und Braun, den Bären, zu rehabilitieren, die er in seiner Verteidigungsrede als Verräter angeschwärzt hatte, da er sich mit diesem Akt selber als Lügner offenbart. Die Familienehre ist also wieder hergestellt. Nach einigen blutigen Opfern.

Schön ist, wie Reineke es schafft, den König ein zweites Mal davon zu überzeugen, dass die Opfer, die er getötet oder misshandelt hat, selber schuld oder selber die eigentlichen Täter waren. Und sich als besten Freund des Königs darzustellen. Und seine Gier und Eitelkeit bringen den König wieder dazu, Reineke zu glauben. Obwohl er ausreichend gewarnt war.

l1040094-fuchs-9-15.jpg

Und so endet also der letzte Gesang:

„Hochgeehrt ist Reineke nun! Zur Weisheit bekehre
Bald sich jeder und meide das Böse, verehre die Tugend!
Dieses ist der Sinn des Gesangs, in welchem der Dichter
Fabel und Wahrheit gemischt, damit ihr das Böse vom Guten
Sondern möget und schätzen die Weisheit, damit auch die Käufer
Dieses Buchs vom Laufe der Welt sich täglich belehren.(…)“

Reineke kommt als Übeltäter und „Gewinner“ mal wieder supersympathisch und positiv weg. Man kann ihm eigentlich nicht böse sein. Und man fragt sich: Warum eigentlich nicht?

29.10.2007

Lully, Hans und die Pins 2

Abgelegt unter: Kunst, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:21

Lully und Hans erinnerten sich auch noch sehr genau an die allererste Consumer Computer Messe in Hannover, die „CeBIT Home“. Und daran wie das IBM Signet und das Motto entstanden waren.

l1030617-lully-pins-8-15.jpg

Dann war die große Zeit des „network computing“ ausgebrochen, also noch vor der „e-business“ Ära. Die Pins waren aufregender und aufwändiger gearbeitet als vorher.

l1030618-lully-pins-9-50.jpg

l1030621-lully-pins-10-15.jpg

Eine schöne Zeit. Dann kam das große Fragezeichen: „Kann Ihre Software das auch?“ war die Frage, die dahinter stand. „Ein Fehler, sich so was ohne Erläuterung ans Revers zu heften…“, wandte Hans wichtig ein.

l1030611-lully-pins-11-15.jpg

„Ich habe erfahren, dass jede Rezeption auf Missverständnissen beruht, die positive wie die negative. Man kann die Missverständnisse nicht beeinflussen oder vermeiden. Es muss sich einfach eine gewisse Menge von Missverständnissen ansammeln. Und das heißt dann Erfolg“. „Auch ein Mosebach-Zitat, was?“ „Ja, genau. Auch aus dem Spiegel Interview.“ „Ist aber nicht immer richtig. Hier: Die CeBIT Home noch mal“:

l1030614-lully-pins-12-15.jpg

„War ein Versuch, hat keine Missverständnisse hervorgerufen, war eindeutig nicht erfolgreich, wurde geschlossen.“ Hans war richtig in Fahrt gekommen.

l1030612-lully-pins-13-15.jpg

„Aber schön war sie doch. Die Zeit damals…,“ murmelte Lully ganz gedankenverloren und sentimental. „On demand und so. Die schönen Maschinen…“

Hans ließ plötzlich auch einen Laut der Verzückung hören. „Guck mal, Lully, Das hier hat auch Klasse. So was kleines, feines gefällt mir. Ohne Schnörkel.

l1030629-lully-pins-14-50.jpg

Und so endete dann ihr Museumsbesuch an diesem Sonntag. Den Katalog wollten sie nicht mitnehmen, der war ihnen wie meistens etwas zu teuer. Sie freuten sich auf den nächsten verregneten Sonntag.

27.10.2007

Lully Hans und die Pins

Abgelegt unter: Kunst, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:13

Es gab im Museum die Ausstellung über „Pins des ausgehenden 20. Jahrhunderts“.  Lully und Hans hatten sich an einem verregneten Sonntag Nachmittag aufgerafft und waren hingegangen. Lully war ein alter Sammler von Pins.

l1030609-lully-pins-1-15.jpg

Das abgewrackte Feuerzeug gefiel Lully ganz außerordentlich. Auch die alte französische Lilie, obwohl er nicht genau wusste, was sie bedeutete.

l1030610-lully-pins-2-15.jpg

Hans murmelte etwas von altmodisch und reaktionär – überlebt. Es wäre ja nichts Neues, hätte ja keine Aussage, sondern sei nur ein Abklatsch von alten Symbolen, also auch nichts wert. Was das hier in der Ausstellung solle, verstünde er überhaupt nicht.

Lully konterte: “Der Gedanke, dass Kunst ausschließlich in Erneuerung bestehe, ist Wahnsinn. Es gibt große Kunst, die gar nicht innovativ sein will und dennoch auf eine ganz schwer wägbare Weise Neues bringt.“

l1030606-lully-pins-3-15.jpg

„Das Neue in der Kunst ist stets das Temperament des einzelnen Künstlers. Jeder Mensch ist neu. Und was er tut, wird von sich aus, notgedrungen, unvermeidbar einen neuen Ton erzeugen.“ „Das ist aber auch nicht von dir, Lully, oder?“ fragte Hans etwas ängstlich-respektvoll. „Nein, Martin Mosebach hat das vor ein paar Tagen im Spiegelinterview gesagt. Aber hab ich mir gemerkt.“

l1030632-lully-pins-4-15.jpg

„Trifft das auch auf so was zu?“ fragte Hans, als sie zur Abteilung für „Gebrauchspins“ kamen.

l1030623-lully-pins-5-15.jpg

Der Indianer gefiel ihm dort besonders. 1996 schätzte er spontan. Der Pin war wegen seines Alters auch schon leicht angegilbt.

l1030625-lully-pins-6-15.jpg

„Hatten die damals kein anständiges Email, das nicht schon nach 10 Jahren vergilbt?“ fragte er sich. Andererseits gefiel ihm auch die Alters-Patina ganz gut. War auch was Besonderes.

Und dann fand er auch den Beweis für die Jahresangabe (Schätzung): Olympia 1996.

l1030613-lully-pins-7-15.jpg

Fortsetzung folgt in ein paar Tagen.

22.10.2007

Worms

Abgelegt unter: Reisen, Kunst, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:39

Beim Dom muss man schon genau hingucken.

Er hat viel Ähnlichkeit mit Speyer, ist beeindruckend, aber natürlich nicht so groß.

Ein Chor im Westen und einer im Osten machen das Bauwerk aus.
Vom Osten nähert man sich dem Klotz und den beiden Türmen, die ziemlich dicht hinter einer Häusereihe stehen.

l1000911-worms-1-20.jpg

Von den Osttürmen – believe me or not – hat der nördliche (das ist der rechte hier) 6 Stockwerke, der südliche (links) nur 5. Man bemerkt es nicht, wenn man davor steht, so groß sind sie. aber es stimmt. Bei gleicher Gesamthöhe. Warum? Weiß keiner.

l1000914-worms-2-20.jpg

Das sind die Säulenfundamente auf denen die Türme ruhen. Elefantenfüße.

l1000978-worms-3-15.jpg

Tiere gucken von den „Sohlbänken“ herunter: Widder und Bären und Löwen usw.

l1000915-worms-4-15.jpg

Innen ist erst mal alles sehr romanisch und dunkel mysteriös.

l1000942-worms-5-20.jpg

Und dann kommen die Glasfenster ins Blickfeld.

l1000919-worms-6-15.jpg

Richtung Osten blicken wir auf den sehr schönen Hochaltar, den Balthasar Neumann „als offenes Ziborium in die Apsis hineinkomponiert“ hat.

003a-worms-7-31.jpg

l1000923-worms-8-15.jpg

Im Westen macht die Apsis einen ganz besonderen Eindruck, weil sie etwas breiter ist als das Mittelschiff und sich erst beim Näherkommen vollständig öffnet.

l1000934-worms-9-15.jpg

Ganz außergewöhnlich darin ist das Rundfenster, das von den „Gewölbediensten“ überschnitten wird, also irgendwie zu groß für das Wandstück ist. Wodurch diese „Fehlkonstruktion“ zustande kam, kann niemand richtig sagen.

Auch von außen bemerkt man das.

l1000949-worms-10-20.jpg

Hier fällt auch auf, dass die „Zwerggalerie“ des hinten liegenden Mittelturmes oben von den beiden äußeren Türmen übernommen wird und die drei Teile so optisch zusammengehalten werden. Auch das ist etwas besonderes an Worms. Überhaupt verschwindet das gesamte Langhaus hinter diesem Turm-Ensemble. Ich zitiere mal: „Der Westchor stellt wiederum einen Höhepunkt der romanischen Architektur des Oberrheins, ja ganz Deutschlands dar.“ (Dethard von Winterfeld „Die Kaiserdome Speyer, Mainz, Worms und ihr romanisches Umland“ Regensburg (Schnell + Steiner), 2000, S. 178)

l1000948-worms-11-15.jpg

Innen standen Heiligen-Statuen.

l1000924-worms-12-15.jpg

Da hingen die Kommunionsuniformen.

l1000932-worms-13-15.jpg

Und natürlich fand man auch einige Reliquien im Kasten.

l1000940-worms-14-50.jpg


Draußen wurde man dann durch die schöne moderne Architektur wieder erfrischt und auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht.

l1000981-worms-15-20.jpg

29.9.2007

Gehscha 9 / Gabel

Abgelegt unter: Kunst, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:55

An einem Samstag bei schlechtem Wetter machten sie einen Ausflug in den städtischen “Skulpturenpark”. Ein Künstler hatte unter dem Motto “Große Küche” einzelne Kochutensilien auf den Marktplatz gestellt und gelegt. Zum Begehen.

Gehscha fand das sehr beeindruckend.

l1020273-lully-gabel-1-20.jpg

Lully eher nichtssagend.

l1020276-lully-gabel-2-50.jpg

Sie versuchten, eine Aussage oder einen Sinn darin zu finden, ließen es dann aber bleiben und hatten einfach so ihren Spass damit.

l1020291-lully-gabel-3-15.jpg

Mittlerweile wohnte Lully ja bei Gehscha in deren Wohnung, die sie für einige Monate am Stadtrand gemietet hatte. Eigentlich war er seinen Ordensregeln nach verpflichtet, die Nächte in seiner Mönchskammer zu verbringen, aber es war noch niemand aufgefallen (es hatte noch niemand offiziell darüber gesprochen), dass er abends nicht mehr nach Hause kam.

l1020277-lully-gabel-4-15.jpg

Tagsüber ging er seinen regulären Lehr- und seelsorgerischen Verpflichtungen nach, ein bisschen verschlafener vielleicht als früher…

l1020287-lully-gabel-5-15.jpg

…aber abends und bis in die frühen Morgenstunden gehörte er ganz Gehscha.

l1020286-lully-gabel-6-15.jpg

Es interessierte ihn auch nicht, was die Leute dachten, die ihn bei ihr ein- und ausgehen sahen.

l1020285-lully-gabel-7-50.jpg

Er setzte alles auf diese Karte und riskierte damit viel. Gehscha war ihm das allerwichtigste. Und Gehscha ließ ihn in seiner Unvernunft tun und lassen, was und wie er wollte. Es tat ihm gut. Er blühte auf.

l1020281-lully-gabel-8-15.jpg

18.9.2007

Burg Eltz

Abgelegt unter: Reisen, Kunst, Pflanzen, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:50

In einem Reiseführer hatte ich ein Bild der Burg Eltz gesehen und musste dringend hinfahren. Sie sah auf dem Bild so klassisch rittermäßig-romantisch aus, wie man sich eine Burg eben so vorstellt. Wie aus dem Bilderbuch:

Hoch droben auf dem Berg, über dem Tal, mit weitem Blick in die Landschaft, um früh den Feind zu erspähen. Hohe Zinnen, starke Mauern, spitze Dächer auf runden Türmen. Man war geradezu erwartungsfroh gespannt auf das Burgfräulein, das sich aus dem Fenster lehnte, und befahl die Zugbrücke über dem Burggraben herabzulassen, weil ihr allerliebster Retter / Ritter Einzug halten wollte, um seine Minne darzubringen (oder was man mit seiner Minne sonst macht.)

Erstmal gings ins Rheintal runter, vom Rheintal rauf, ins Moseltal runter:

l1000682-eltz-1-15.jpg

Dann, vom völlig überfüllten Parkplatz der Burg Eltz, den zu finden auch nicht so einfach ist, ging der Fussweg, steil: Abwärts! zur Burg! Die IM TAL! lag! Zwar auf einem Felsen, und darum herum floss auch ein Flüsschen, aber das war nicht Main, Rhein, Mosel, sondern etwas ganz Nichts-Sagendes.

l1000687-eltz-2-20.jpg

l1000689-eltz-3-15.jpg

Von unten sah die Burg dann wieder sehr beeindruckend aus, und sehr geschmackvoll: Das rote Fachwerk an den wie “draufgesetzten” Türmchen.

Das übertreiben in die Höhe gebaute Mauerwerk gibt der Burg etwas “Gotisches”, wahrscheinlich kommt da der besondere Reiz des Bauwerkes her. Sie sieht fast verzerrt aus, manieristisch nach oben gezogen, weniger gedrungen wie es sonst Burgen an sich haben.
l1000695-eltz-4-15.jpg

Und wenn man sich alle Touristen wegdachte, konnte man sich die Geschichten von edlen Rittern, hoher Minne, tapferen Jungfrauen, wilden Kämpfen zu Pferde und ohne, mit Rüstungen, Lanzen und Schwertern (”Böse Wunde, die Sie da haben!” “Ach woher, ist nur ein Kratzer!”) wieder richtig gut vorstellen.

l1000696-eltz-5-15.jpg

Auf dem steilen Rückweg durch den Wald zum Auto (bergauf!) gab es dann noch 1a Flechten im Wald, ein gefundenes Fressen für das Makro.

l1000698-eltz-6-50.jpg

22.8.2007

Mowing Girl 7 / Erdmännchenrennen

Abgelegt unter: Kunst, Tiere, Allgemein — Heiner.Eberle @ 19:19

Nachdem die Sache mit dem Fliegen-Riesen-Monster geklärt war, machten Mowing Girl und Cable-Joe Wettrennen. Das machten sie gerne. Ihr fahrbarer Untersatz war dafür wie geschaffen. Zwar war Joe mit dem Quad (und ohne Kabelanhänger) geländegängiger, dafür konnte Mähchen engere Kurven fahren.

Sie hatten sich heute den Rundkurs beim Erdmännchen ausgesucht.

l1010855-erdmaennchen-1-15.jpg

Joe startete von links, Mähchen von rechts.

l1010843-erdmaennchen-2-50.jpg l1010841-erdmaennchen-3-50.jpg

Joe hatte leichte Startschwierigkeiten - Mähchen ging reativ schnell und problemlos gleich in der ersten Runde in Führung.

l1010840-erdmaennchen-4-15.jpg

l1010844-erdmaennchen-5-15.jpg

Mit ziemlicher Speed ging es durch die Holzbeinschikane durch, gleich danach in eine abschüssige Rechtskurve, die Mähchen auch noch als erste nahm.

l1010846-erdmaennchen-6-15.jpg

Dann wurde sie von Joe aber heftig attackiert und zur Seite gedrängt. Sie stieg in die Eisen, um nicht gegen die Holzbeine zu schrammen, schimpfte laut, aber…

l1010847-erdmaennchen-7-15.jpg

… natürlich war Joe der Sieger des Zweikampfes.

l1010852-erdmaennchen-8-50.jpg

Aber nur diesmal. Da war sie sich ganz sicher. Und sie machte ihm das auch deutlich klar. Sie war sauer. Sie würde das nicht auf sich sitzen lassen. Beim nächsten Mal würde sie ihm zeigen, wer den heißeren Reifen fährt.

l1010853-erdmaennchen-9-15.jpg

Für heute verabschiedeten sie sich vom Erdmännchen und ließen den Tag ruhig ausklingen.

l1010854-erdmaennchen-11-15.jpg

l1010858-erdmaennchen-10-20.jpg

18.8.2007

Das Wurstbuch

Abgelegt unter: Kunst, Bücher, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:48

Ich habe am 29.06.07 davon geschrieben, welche Bücher noch auf meinem Stapel liegen. So nach und nach kann ich die als erledigt abhaken. Dazwischen haben sich ja aber andere eingeschlichen, die nicht vorgesehen waren. So so ist das nun mal: Der Stapel lebt.

Heute also folgendes: “WURST” von Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach und Vincent Klink. Köln 2006 (DuMont Kunst- ud Literaturverlag), 158 Seiten, schön in rotes Leinen gebunden, Fadenheftung, dickes Papier, mit vielen durchgängig vierfarbigen Gemälden zur Wurst.

l1010777-wurst-25-1.jpg

Gekauft am 2.1.2006, ich denke ich wollte es meinem Onkel zum Geburtstag schenken, habe es dann aber aufgepackt, weil ich doch mal reingucken wollte, konnte nicht an mich halten, habe drin gestöbert und schließlich innerlich schon so davon Besitz ergriffen, dass ich es nicht mehr herschenken konnte. Brauchte also ein anderes Geschenk.

Jetzt lag es also im Regal und musste warten, bis ich wieder darauf aufmerksam wurde. Das Rezept mit dem Wurstsalat hat mich zwar nicht so überzeugt, aber ansonsten ist das eine richtige Kaufempfehlung. (Vielleicht gibt es mittlerweile sogar eine Taschenbuchausgabe davon… Hauptsache die Bilder sind in Farbe drin!)

Denn die sind fast das Wichtigste. Was Nikolaus Heidelbach da in alter Manier malt, ist wirklich ganz außerordentlich. Man kennt ihn ja von nahezu allen Buchillustrationen und Buchumschlägen des gotthabihnselig Haffmans Verlages und dem einen oder anderen Band mit Zeichnungen, die leicht jugendgefährdend waren. Aber hier lässt er seine Gedanken und seine Pinsel dermaßen lieb und phantastisch an der Wurst aus, dass jedes Bild zum Einrahmen schön ist.

Das zum Beispiel, gehört am Rande zu einer Geschichte von Vincent Klink über 2 Küchen-Kollegen aus Afrika, die - weil Moslems - noch nie Schweinefleisch gegessen hatten und auf dem Münchener Oktoberfest zum ersten Mal von einer bayrischen Roten Wurst probierten. Wie das ausging sage ich aber nicht.

l1010780-wurst-3-18.jpg

Vincent Klinks Geschichten sind das zweitbeste im Buch, folgen aber nur ganz kurz hinter den Highlight-Gemälden von Herrn Heidelbach. Klink ist daneben ja auch Herausgeber des “Häuptling eigener Herd” (mit W. Droste), hat früher bei Haffmans (da ist er schon wieder) die “Rübe” herausgegeben und immer noch bei Klett-Cotta den “Kulinarsichen Almanach”. Er kann also schreiben. Er kann auch musizieren und daneben die Wilhemshöhe (1 Michelinstern) in Stuttgart führen und im Fernsehen kochen. Wann lebt der Mensch eigentlich?

In der Einführung philosophieren sie gemeinsam über das Universum Wurst und dass doch nur durch die Wurst alles erklärt werden kann usw. usf. Mir blieb dabei nur das Wort “darmummantelt” hängen, das wie bei Mosebachs “Bambussopha” ein von mir bislang ungelesenes war. Es sieht auch schon so aus.

Das Buch hat einen hohen Nutzwert, wenn den jemand sucht. Z.B. lernt man ab S. 30 viel über Roh-, Brüh- und Kochwürste und was der Unterschied zwischen den dreien ist. Oder die Einsicht Herrn Klinks auf S. 54: “Würste sind wie das Leben: kaum zu greifen.” Weil es beim Wurstmachen so glitschig zugeht, natürlich.

Ich zitiere mal, damit man versteht, warum mir das gefällt: (S. 57) “Jetzt geht es ans Verpacken. Was wir brauchen, ist nun nicht ein schweinisches Darmende, sondern ein Schweine-Enddarm, vulgo Last-Exit der lebenden Sau. Diese schlauchartigen Dinger kann uns jeder Metzger besorgen.” Oder “Mexter”, wie unsere Oma immer sagte.

Das stimulierende (potenzierende) Geheimnis des “Rhaz el Hanout”, eines Gewürzes, das in französischen Meguez verwendet wird, findet man übrigens auf Seite 68.

l1010783-wurst-4-60.jpg

Auch eine schöne Einsicht: “Fett ist prima, solange man es sieht.” Und “Nur der Herrgott weiß, was in der Wurst ist. Man erfährt hier endlich mal, was der Unterschied zwischen Frankfurter und Wiener Würstchen ist (und dass Frankfurter besser sind).

Das Lesen macht Lust, mal neue Sachen auszuprobieren. Zum Beispiel Kalbsnierenfett (”hat einen dermaßen guten Geschmack”). Dann aber ist es auch wieder genug, wenn man sich z.B. vorstellt, zuhause im Topf 2 Schweinskopfhälften und Bauchlappen, Schweineleber und Milz zu einem Wurstbrei zu verkochen, aus dem man dann letztendlich eine Leberwurst wird.

Wiglaf Drostes Beiträge sind so launisch, wie seine Beiträge inmer sind. Er hackt halt gerne herum: Auf die hilflosen Biker z.B. (S. 88).

Klink erwähnt die Räucherkammer von Metzger in Maloja, der völlig zurecht beschrieben “so aussieht als hätte er seit 400 Jahre ohne Barbier verbracht.” Dafür kann er ziemlich gut spanische Gitarre spielen. Das weiß man aber nur, wenn man bei ihm mal gewohnt hat. Man muss den Fahr- oder Fussweg am Ortseingang (von Sils her) rechts abzweigen, wo es auf den Lunghin hoch geht. Nach ein paar Minuten kommt man in eine Senke, dort steht das Wohnhaus, das Gästehaus (da haben wir gewohnt, unvergesslich), die Scheune, der Schweinestall und: die Räucherkammer vom Metzger PILA, den Klink “Giovannoli” nennt, “weil sowieso alle in Maloja Giovannoli heißen”.

Wenn man ihn sucht, fragt man am besten nach dem “Pila”, so ist er auch auf guten Wanderkarten verzeichnet. Oder fragt einfach mich. Ich erkläre es gerne. Jedenfalls hat er das beste an Räucherwürsten, Bündner Fleisch und vor allem das derbe Hirsch-Bündner Fleisch. Das habe ich sonst noch nirgends gefunden. Und wenn man es doch irgendwo findet, dann kommt es mit Sicherheit vom Pila.

Hier noch ein Tip zum Weiterlesen: Iso Camartin “Die Bibliothek von Pila”, Suhrkamp Taschenbuch 2723. Aber ich ufere aus. (So ist das halt, wenn eins mit dem anderen zusammenhängt.)
Zurück zum Buch über die Wurst:

l1010787-wurst-2-18.jpg

Die doofen Wurst-Kalauer von Herrn Droste tragen nicht viel zur Erheiterung bei. “Wo die Wurst den Tag umarmt” das ist nur albern. Oder was ist witzig an “Moby Wurst”, “Bei Anruf Wurst”, “Die Würste am Quai”? Hätte man auch lassen können. Den Geschmack einer Wurst, die er mal auf einer Transitstrecke-Raststätte in der DDR gegessen hat, beschreibt er als “metallurgisch”. So wohlfeil es ist, altes DDR Essen schlecht zu finden, denke ich, er meinte doch eher “metallisch”. Metall kann ja einen Geschmack haben, die Metallurgie sicherlich nicht. Gell, Herr Droste? Nächstesmal genauer hinschauen.

l1010781-wurst-5-25.jpg

Dagegen sind Vincent Klinks Beobachtungen und Beschreibungen ganz exzellent, genau und nachfühlbar. Z.B die Krachatmosphäre im Franziskaner in München zum vormittäglichen traditionellen Weißwurstessen.

Nur zur Warnung: Bei den Rezepten, die Vincent Klink auch aus alten Kochbüchern abguckt, geht es natürlich nicht um leichte Salat- oder Nudelgerichte, sondern um Eisbein, Kalbsfuß, Schwarten, Speck, Fett, Darm und andere derbe Sachen. Aber die gehören auch zur Küche und sind wohl nicht so ungesund wie sie sich anhören.
Eine klare Kaufempfehlung. Guten Gewissens. Kein tieferer Sinn, sondern nur die Lust am Essen und Zubereiten und Herausfinden was drin ist in der Wurst. Und am Angucken von wundersam schönen Bildern des Herrn Heidelbach.

l1010782-wurst-6-25.jpg

12.8.2007

Geschmackssache

Abgelegt unter: Kunst, Bücher, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:09

Ich möchte ausdrücklich loben und verweisen auf die samstägliche FAZ Kolumne “Geschmackssache” von Jürgen Dollase.

Nicht nur kulinarisch-gastronomisch kann man da noch einiges lernen - vor allem solche “Redundanzesser” wie wir - sondern auch sprachlich bietet Herr Dollase ein Niveau, das ich bisher in diesem Metier noch nicht gelesen oder gehört habe. (Ich bin aber da auch nicht so bewandert.)

Dazu kommt eine Überzeugung, ein Verständnis von geradlinig Richtigem und zweideutig Falschem in der Kochkunst, dass man denkt, es gäbe tatsächlich noch Koch-Werte, die unbedingte und letztendliche Gültigkeit haben. Alle Achtung: Das verdient Respekt.

Wer ihn und seine Texte kennt, kann jetzt weg- und woanders weiterlesen. Für alle anderen habe ich ein paar Beispiele aus Kolumnen der FAZ der letzten Monate zusammengebaut.

Genauso ein Genuss sind übrigens die den Texten beigegebenen Miniaturen von Oliver Sebel - ganz wunderbare Zeichnungen, die ich teilweise hier zum Anklicken und Vergrößern eingeklinkt habe. De facto haben sie z.T. kaum Spaltenbreite. Wie kleine Kostbarkeiten, die die Geduld, das Augenmaß, die Mühe, den Witz und die Akribie des Künstlers erkennen lassen. Liebe zum Detail und Versessenheit im Umgang mit dem Thema. Bei Kritiker und Zeichner. Sonst nichts.

Nr. 216/06:

Essen als Geschmacksakkord vs. serielles Essen: “Bei der ersten Variation wird mit Hilfe einer Frischkäsecreme plus Langustinenjus eine sehr homogene Verbindung zu einem kalten Gurkengelee installiert.” Durch die “ausgeprägt wirksame Funktion des “Gewürzraumes” (des Nachhalls von Aromen im Mund) ergeben sich beim sozusagen seriellen Essen immer neue Zusammenhänge.” “Die Gemüse (…) bieten eine mit viel Gespür für die Verzahnung von Aromen aufgebaute Begleitung“. “Eine Brickteig-Scheibe (…) gefällt durch ein breites Texturen- und Aromenspektrum sowie eine klare, erfrischend wirkende Säuresteuerung.” “Diese Variation kann seriell oder gemischt gegessen werden.” “Krosse Bananenscheiben und ein gleichfalls mit Krossheitswerten spielender Streusel von Brioche, Koriander und schwarzem Pfeffer sorgen für eine sehr schöne Originalität“.

l1010816-dollase-1-18.jpg

Nr. 11/07:

Bei einem belgischen Koch, Viki Geunes, lobt Dollase, wie “handwerkliche Meisterschaft mit einem hervorragenden Nachdenken über Proportionen und Beziehungen kombiniert sind.” Dass “Ravioli, Air und Schäumen eine klare aromatische und sensorische Funktion zugedacht wird“. Es gibt “einen feinst abgestimmten sphärischen Raviolo aus Knoblauchcreme mit einem Tropfen Paprikapüree“. Der Koch arbeitet “durchgehend mit der additiven Aromenbildung der strukturalistischen Küche“. Es ist die Rede von der “hochintelligenten Feinmechanik” der “Strukturen von Jakobsmuscheln“. Dollase schmeckt den “nötigen Hauch” der Foie gras, einen “kleine Blitz” vom Räucheraal und bewundert “die einseitig angerösteten Würfeln der Petersilienwurzel”, weil “eine Rundum-Röstung zuviel des Krossens gewesen wäre.”

Nr. 35/07:

Optimierung von klassisch österreichischer Küche von unten: “Die dünnen Gurkenstreifen werden durch eine leichte Crème-fraiche-Hülle dezent gehalten und ein paar Fäden Olivenöl schaffen eine minimale Irritation, die dem Akkord einen Hauch von Individualität gibt.”

l1010817-dollase-2-18.jpg

Nr. 47/07:

Emanzipation der schwäbischen Regionalküche anhand von Blutwurst und allem vom Kalb: Es gibt “Kalbsbries mit Topinambur und Salat von gepökeltem Kalbskinn im Kalbskopfcanneloni mit Petersilienvinaigrette“. Daraus ergibt sich “zunächst ein Akkord, der wie ein veredelter Kartoffelsalat wirkt“. (!?) Das “Kalbskopfcarpaccio” liegt tellertechnisch jenseits des Petersilienpürees, “das in der Lage ist, die ganze Komposition umzudeuten und ihr eine ungemein erdige Komponente zu geben.” Dann gibt es ein “Ragout von geschmorten Schweinebäckle mit Kartoffelstampf und Sauerkraut (ein “teildekonstruierter Schweinebraten”)“. Die Knödel haben einen “ständig changierenden Leberwurstanteil“. Das Zanderfilet liegt danach auch auf gesäuerten Kalbskopfgraupen, Kalbskopfwürfeln und einem Kalbskopfchip.

Nr. 65/07:

Kritik an der elsässischen Harmonie. Horizontale und verikale Geschmacksebenen, Kritik an der Zurückhaltung: “Im Zusammenhang mit dem Linsenpüree bleiben die getrockneten Muschelstreifen aromatisch blass, die Passionsfrucht ist kaum zu identifizieren, und das kalte Foie-gras-Puder aus dem Paco-Jet ist ebenfalls sehr zurückhaltend dosiert. Es bleibt so etwas wie eine aromatische Luftaufnahme, bei der sich die Konturen der Aromen nicht genügend aus der Ebene lösen“. Man versteht schon so langsam irgendwie, wo der Esser hin will, oder? Obwohl “der horizontalen Ebene der harmonisierten Aromen (…) sozusagen ein aromatisch und texturell vertikales Element hinzugefügt” wird, beibt der Eindruck, dass die Ideen des Koches “zwar Potential haben, die befreiende Klarheit in der Ausführung aber vermissen lassen“. Tough. Dann geht es aber doch noch besser: “Was in der Summe (also alles zusammen gegessen) undifferenziert bleibt, ermöglicht als Wechselakkord (also in Reaktion mit dem Gewürzraum, den Reh und Aromen aufschließen,) eine spannende Degustation.” Puh.
Nr. 77/07:

Die Objekte der entwickelten Wahrnehmung: Man isst ein “Thunfischquadrat von etwa 5 cm Kantenlänge, Miniwürfel aus konfierter Steckrübe und Roter Rübe, die (…) noch über einen Eigengeschmack verfügen, der sich (…) knapp halten kann“. Minipuffreis sorgt “für eine texturelle Belebung“. Solche “Elemente brauchen im Prinzip über keinerlei Aroma zu verfügen weil ihre Funktion (…) eine nichtaromatische ist und ein identifizierbares Aroma sogar kontraproduktiv sein könnte. Eine solche Küche kann am Redundanzesser als angenehm frisches Häppchen vorbeirauschen.” Oder aber “zum Objekt einer entwickelten Wahrnehmung werden“.

Nr. 82/07:

Degustation und Dekonstruktion: “Die Dekonstruktion (grob: Veränderung der Form unter Beibehaltung des Aromas, etwa eine Gemüsesuppe in Geleeform) als Element des Aufbrechens von Wahrnehmungsautomatismen hat noch nicht ausgedient, schon gar nicht in den Kreisen der klassischen Gourmets.

l1010818-dollase-3-18.jpg

Nr. 93/07:

Struktur ist erste Priorität. Kritik an gleichförmiger Sensorik. Zu Gast bei Anne-Sophie Pic in Valence: “Schon die ersten Kleinigkeiten wie einige Blätterteigstangen mit Algen und “Epices doux” zeigen einen Gestaltungswillen, der kein Element als selbstverständlich oder normiert akzeptiert.” Herr Dollase kritisiert dann aber doch, wenn “die Kombination einer crème brulee aus Foie gras mit Apfelspuma und einem zu großen Stück Popcorn dann doch etwas aus der Spur gerät.” Denn “wenn das Popcorn-Aroma wegen der Größe des Stückes kurzzeitig dominiert, wird die Foie gras trivialisiert.”

l1010818-dollase-3-60.jpg

Nr. 110/07:

Hart am Rande zur Banalität - Kritik an Verschwommenheit statt filigraner Arbeit: Im Restaurant von Jean-Luc Rabanel in Arles. “Das Essen ist ganz wesentlich davon bestimmt, dass man ständig das Gefühl hat, hart am Rande zur Banalität zu stehen.” Aber dennoch ist zu loben: “Der Spargel wird von einer Gemüse-Pistazien-Crème wattiert.” Aber er hat eine Mengenproblem: “Der Wildlachs mit einer Emulsion aus Kartoffen und Sesam ist so karg dimensioniert, dass man kaum seine Qualität feststellen kann.” (Das ist dumm.) “Es folgt ein Mini-Lammkotelett mit viel Knoblauch, Kräutern und (…) etwas sinnfrei auf den Tellerrand gepinselter Schokolade.” Es hört sich nicht an, als sei Herr Dollase satt geworden.

Nr. 143/07:

Erlebsnisarchitektur: Er erlebt “eine wundervolle Deklination des Schmelzenden durch die Kombination des Kalbs-Carpaccios, mit einem Langustinen-Carpaccio und einem Morchel-Gelee.” Dann aber: “Ein Lamm-Carreè auf Lammherzragout mit Orangen-Thymian-Gnocchi und Saubohnen (!) hat in seiner souveränen Machart das Zeug zu einem Klassiker.” “Wie selbstverständlich liegt der Glattbutt auf einem mit Agar-Agar thermisch belastbar gebundenen Petersiliengelee, und überhaupt finden sich auch hier längst bestens adaptierte neue Gelierformen oder luftge Schäume.”

l1010819-dollase-4-60.jpg

Nr. 155/07:

Auf dem Weg zurück zur Spitzenklasse. Kritik an unangenehm deutlichem Aroma: Langustinen sind mit einer hauchdünnen Tempuraschicht umgeben, werden durch den “Pfeffer aromatisch dezent erweitert“. “Eine weitere Würze kommt von einer kleinen Menge Püree mit der Anmutung einer echten Fischsuppe (?). Dazu gibt es eine Art Texturtörtchen, dessen perfekt abgestimmte, aromatische und texturelle Proportionen das Essen ausgesprochen beleben.” Auch zum Wolfsbarsch gibt es dann ein “Texturtörtchen, das in diesem Falle mit einer dicken Kartoffelscheibe, Artischockenstückchen, kleinen Tintenfischen und extrem soufflierten “pommes de terre soufflèes” als krossem Element allerdings nicht ganz die Spannbreite der Langustinenbegleitung erreicht.” (Schade eigentlich.)
Nr. 161/07:

Geschmack nicht tarnen, sondern verstärken: “Erst die Zurücknahme des schnell penetranten Gurkenaromas ermöglicht ein Zusammenspiel von einem Hauch von Säure mit feinsten Gemüse- und Fruchtnoten, in dem schon einzelne Salz- oder Leinsamenkörner eine deutliche texturelle Funktion bekommen.”

l1010820-dollase-5-18.jpg

Nr. 167/07:

Gegen die Mehrheitsfähigkeit. Elharouchi lässt Meisterschaft erahnen: “Der warme Joghurt mit einem Kürbiseis, gerösteten Kürbiskernen und Olivenöl ist zwar eine instabile Angelegenheit, die schnell gegessen werden muss, dafür aber pure plastische Sensorik mit einem präsenten Eis, einem mild-warmen, wie wattiert wirkenden Hintergrund und den unterschiedlichen aromatischen Blitzen, die die gerösteten Kerne erzeugen.”

l1010821-dollase-6-60.jpg

Also bitte von hier aus weiteresen: Jeden Samstag in der FAZ (Feuilleton). Lohnt sich. Erweitert den Horizont und den Wortschatz.

2.8.2007

Weltkultur Lorsch

Abgelegt unter: Reisen, Kunst, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:03

Weg von den Glascontainern auf dem Parkplatz, vorbei an den geschmackvollen Sitzgelegenheiten des späten 20. Jahrhunderts…

l1010473-baenke-1-15.jpg

(auch in braun-grau)

l1010534-baenke-2-20.jpg

…hinein ins Weltkulturerbe.

Die Königshalle ist wichtig, weil sie das am vollständigsten erhaltene Gebäude karolingischen Ursprungs in Deutschland ist. Lorsch wurde erstmals 764 schriftlich erwähnt (!).

l1010481-koenigshalle-1-20.jpg

l1010482-koenigshalle-2-50.jpg l1010488-koenigshalle-3-50.jpg l1010490-koenigshalle-4-50.jpg l1010491-koenigshalle-5-50.jpg

l1010496-koenigshalle-6-15.jpg

Dahinter steht der Rest einer Basilika, ebenfalls aus der Karolingerzeit, die zu einer um 1150 beeindruckenden Klosteranlage gehört hat. (Die Pläne und Bilder dazu gibt’s auf der Website. Heute ist außer diesem Gebäude nichts mehr zu sehen.)

l1010499-basilika-1-20.jpg

Zum Nachlesen der Geschichte und aller Details bitte hier klicken:

http://www.kloster-lorsch.de/

l1010494-basilika-2-50.jpg l1010495-basilika-3-50.jpg l1010501-basilika-4-50.jpg

Das wars dann auch schon. Schönes kleines Weltkulturerbe.

Auf dem Rückweg holt den Besucher dann die Erinnerung an die Sauberkeit beim Kacken von Hunden wieder in die Realität zurück.

l1010476-hundeklo-20.jpg

Und die harte Kapitalismuskritik der Lorscher - sie haben wohl die Bedrohung des Weltkapitals und des Globalisierungsdingens verstanden:

l1010537-kapitalismuskritik.jpg

Trotz Karolinger, Nibelungen, Weltkultur usw.

Das kann man nur loben.

« Vorherige SeiteNächste Seite »

läuft stressfrei mit WordPress ( WordPress.de )