Infos

Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Engels.

Calendar
September 2010
M D M D F S S
« Aug    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930  

Archiv der Kategorie Engels

Engelhart und die Aussichtskugeln 2

Engelhart wusste, er lief langsam Gefahr, sich zu verzetteln. Es war schon  wieder so weit. Er war völlig unschlüssig. Noch vor kurzem hatte er genau gewusst, was er brauchte. Jetzt wusste er nur noch, was er wollte - und nicht einmal darin war er so eindeutig.

l1050314-kugeln-10-15.jpg

Die große, grünlich-braun gefleckte Kugel war das Optimum schlechthin. Da fragte auch niemand mehr nach dem Preis. Sie war unbezahlbar.

l1050312-kugeln-11-15.jpg

Daran gab es nichts zu rütteln. Die besten aus seiner Jahrgangsstufe besaßen dieses Modell. Schon seit Jahren. Und erzielten damit immer Spitzen-Voraussagen.

l1050313-kugeln-12-40.jpg

Und – was soll man sagen – die Aussichten waren nicht nur wochen- sondern sogar monatsweise sichtbar. Und das in einer Klarheit, die seine Verkündigungen zukünftig zu einem Kinderspiel machen würde. Zu einem sicheren Kinderspiel. Nicht mehr dieses peinliche Um-den-Brei-herum-Reden. Mit diesem Werkzeug würde man ihn schätzen und ehren und immer willkommen heißen. Zu jeder Zeit.

Doch da sah er…

l1050308-kugeln-13-40.jpg

…den heißen Super-Aussichtsboliden: Den GTI. Den hatte er sich immer gewünscht, als er noch jünger war. Ein Traum. Power pur. Scharf, schnell, heiß. Nichts für den großen Überblick, aber…

l1050309-kugeln-14-15.jpg

…der machte so viel Spaß! Man sah damit natürlich nicht alles, aber man erkannte das Wesentliche. Das, worauf es ankam. Das Besondere, das Aufregende, das Spannende. Es machte den, der ihn besaß, zum Retter, zum Schreckenverkünder, zum Held, zum Feind, je nachdem. Aber er ließ keinen einfach so kalt und unberührt. Er war Emotion pur.

l1050316-kugeln-15-15.jpg

Jetzt hatte er die Wahl und damit das Problem.
Exklusivität durch feinste Materialien? Qualität durch zuverlässige Aussichten? Spaß und „Thrill“ durch heiße Kurven?

l1050317-kugeln-16-40.jpg

Halt: Einer fehlte doch noch: Genau, die Salzkugel aus dem Ausseerland. Also Tradition und Erfahrung.

l1050318-kugeln-17-15.jpg

Und damit hatte es sich. Er entschied sich nicht. Noch nicht. Er wollte Rat einholen. Bei Edelgart. Oder Edeltraut. Oder Engelbert. Das konnte dauern.

l1050319-kugeln-18-15.jpg

Engelhart und die Aussichtskugeln 1

l1050326-kugel-1-15.jpg

Engelhart musste sich eine neue Aussichtskugel beschaffen. Seine alte war einerseits schon ganz verrostet (die erste noch, aus Eisen!), uralt schon, und andererseits rollte sie nicht mehr anständig. Und sehen konnte man auch fast nichts mehr mit ihr.

l1050328-kugeln-2-15.jpg

Er hatte sich schon in eine klare, wässrige Kugel verguckt, als er ein anderes, bernsteinfarbenes Modell entdeckte, eine Farbe, die gerade sehr in Mode war.

l1050322-kugeln-3-40.jpg

Diese Kugeln, das hatte er schon von Bekannten gehört, gehörten zu den Spitzenprodukten im Aussichts- und Vorherschau-Markt.

l1050323-kugeln-4-15.jpg

Nicht nur, dass sie eine hervorragende Bequemlichkeit besaßen. Sie vermittelten auch Eleganz und Stilbewusstsein des Benutzers, gekoppelt mit dem Luxus und der Exklusivität ganz seltener Stoffe und Materialien.

l1050304-kugeln-5-20.jpg

„Kann ich mir wahrscheinlich sowieso nicht leisten“, dachte Engelhardt, „aber ausprobieren kann ja nicht schaden.“

l1050306-kugeln-6-20.jpg

Und er sprang hinauf und war sofort begeistert. Die Sicht war gewaltig. Klarheit und Weite wie nie zuvor gesehen.

Aber er sah leider auch noch andere Modelle, die ihn interessierten.

l1050305-kugeln-7-20.jpg

Zum Beispiel die Aussichtskugel aus Salz, die im österreichischen Ausseerland hergestellt wurde. Der Name sagte es ja schon.

l1050303-kugeln-8-20.jpg

Man sah damit nicht nur gut aus - obwohl das Design sehr reduziert war - die Aussicht war einfach grandios. Wochenlang war das „Vorausschaun“ möglich, das würde ihm in seinem Job als Verkündigungsengel natürlich besonders helfen. Je weiter, desto besser würden seine Auskünfte sein.

Doch daneben lag ein Riesenteil, das sehr „klassisch“ aussah.

l1050311-kugeln-9-15.jpg

(Fortsetzung folgt demnächst.)

Irving - Die vierte Hand

Ich habe gelesen: John Irving „Die vierte Hand“ Zürich (Diogenes) 2002, 437 Seiten, als TB € 11,90.

Das ist die Geschichte, um die es geht:

l1050295-irving-1-20.jpg

Was ist mir im Gedächtnis geblieben?

Ein abgemagerter Handchirurg, der die Köttel seines Hundes „Medea“ aufsammelt und sie auf die Eichhörnchen in Nachbars Garten schleudert (S. 67). Sehr lustig.

Eine sehr sympathische Beschreibung der Reise des Fernsehjournalisten Patrick zum „Frauenkongress“ nach Japan.

l1050289-irving-2-15.jpg

Ein Türsteher (Concierge) in dem Appartementhaus, wo er früher gewohnt hat, der offensichtlich 3 unterschiedliche Namen hat, von denen abwechselnd immer 2 falsch sind. Er hält den Fernsehreporter Patrick, der die Hand verloren hat, für einen bekannten Footballspieler und lässt sich auch durch offensichtliche Logik nicht davon abbringen. („Ich sag keinem was!“) Sehr skurril.

Es macht richtig Spaß, wie er die Spannung seitenlang aufbauen kann, z.B. vor dem zu erwartenden Tod Ottos, des Handspenders, der immer wieder durch Banalitäten (naja “Banalitäten” - es ist die Nacht des Superbowl) unterbrochen wird.

l1050291-irving-3-20.jpg

Da ist ganz klar und deutlich, was ein großartiger Geschichtenerzähler Irving ist.

Dann wird aber die Situation mit Doris Clausen schwierig. Sie hat dem Journalisten die Hand ihres Mannes Otto verschafft und macht ihn jetzt zum Erzeuger ihres Kindes. Sie hat aber nur immer eine Beziehung zu der Hand, nicht zu dem Menschen Patrick Wellingford. Daher kommt das Problem…

Und so wird es langsam unruhig und unbestimmt, etwas ziellos und undurchschaubar.

l1050292-irving-4-15.jpg

Patrick trennt sich von Doris, bekommt daraufhin Phantomschmerzen. Eine eifersüchtige Kollegin vom Fernsehstudio macht ihm zu schaffen (dafür wird sie später seine Chefin, ganz intrigant). Er reist nach Boston zum Chirurg. John F Kennedy Junior stürzt vor Martha’s Vineyard mit dem Flugzeug ins Meer und Patrick hat eine Beziehung zu einer 51-jährigen Frau.

Aus der Diskussion um den richtigen Tonfall bei der Berichterstattung über das Kennedy Unglück entwickelt sich der Rauswurf aus dem Studio. Patrick verliert seinen Job.

l1050293-irving-5-15.jpg

Er unternimmt eigentlich nichts mehr aktiv. Er lässt sich treiben, profitiert davon, dass ihn alle Frauen haben wollen, auch seine neue Chefin bekommt er ins Bett (oder sie ihn). Auch sie will ein Kind von ihm, endlich. Und dann klappt es auch noch mit der 20-jährigen Maskenbildnerin.

„Was war eigentlich gegen sexuelle Anarchie einzuwenden?“ fragt er sich auf Seite 313. Nichts. Aber als Leser fragt man sich „Was hat das mit der vierten Hand zu tun?“

Schließlich endet die Geschichte in einer Familienidylle mit Klein-Otto und der Mutter, der Exfrau des Handspenders, in Wisconsin. Als Leser wartet man dringend darauf, dass noch etwas Aufregendes passiert, das tut es aber nicht. Idyllen sind langfristig nicht interessant und nicht lustig.

l1050294-irving-6-15.jpg

Das plätschert also dann so dahin. Händchenhaltendes Glück der Familie.

Aber egal. Ein toller Erzähler.

Gehscha 19 / Beichte 2

“Du musst”, hatte Edeltraut gesagt. “Es kann nur besser werden.”

l1040423-gehscha-donut-8-50.jpg

(Endlich war auch dieser Farbstich weg.)

“Und sie wird es verstehen!”

“Aber”, wollte Lully sich wehren,

“Kein Aber!” Edeltraut war zwar weinerlich, aber hartnäckig: “Ich bin doch da!”

l1040422-gehscha-donut-9-15.jpg

“Lully, ich warte auf Deine Erklärung!? Was ist denn los?”

Undine Gehscha, die in der Zwischenzeit ihren Meditationsring verlassen hatte, war kurz vor der Hysterie. Sie konnte Edeltraut nicht sehen - er war ja Lullys Schutzengel - und verstand deshalb überhaupt nicht, warum er sie warten ließ.

l1040425-gehscha-donut-10-1.jpg

“Also gut, Undine. Die Wahrheit ist: Ich habe die Frauen gebraucht,…”

“Also doch!”

“Nein, als Vorlage habe ich sie gebraucht…”

“Als was?”

“Als Modell!”

“Als Modell? Zu was?”

“Zum Malen! Ich habe sie gemalt. In Öl. Und dafür habe ich ihnen auch Geld gegeben, weil das ja anstrengend ist, wenn sie so lange so rumstehen müssen.”

l1040426-gehscha-11-15.jpg

Undine spürte den leichten Hauch einer möglicherweise nahestehenden Erlösung. “Du hast sie gemalt? Und sonst? Was hast du sonst mir ihnen gemacht? Wie hast Du sie denn gemalt? Als Akt? Angezogen? Oder nackt?”

l1040427-gehscha-donut-12-1.jpg

“Na beides. Klar. Auch nackt. Das war sehr schön. Aber für sie im Winter manchmal etwas kalt. Die Heizung im Keller funktioniert ja nicht richtig, Du weißt…”

“Lenk jetzt nicht ab, mein lieber Bruder Lully! Du sagst, Du hast sie als Modelle bezahlt und sonst war da nichts zwischen ihnen und Dir. Bist Du Dir da ganz sicher? Überleg Dir bitte gut, was Du jetzt sagst, Lully. Es hängt sehr viel davon ab!”

Gehscha 18 / Beichte 1

Undine brauchte dringend Klärung von Lully: Welche Rolle spielte Sabse, seine “Haushälterin”? Was geschah in seinem “Hobbykeller”, wo er die Frauen empfing, die ihm Sabse - nach seiner Wunschliste - zuführte? Und warum mussten solche Enttäuschungen immer ihr passieren?

l1040424-gehscha-donut-1-15.jpg

Sie hatte ihn nicht zuhause angetroffen, was sie schon wieder in Rage brachte, stattdessen einen Zettel hinterlassen, wo sie zu finden wäre und war zuhause in ihren Meditationsring gestiegen.

l1040413-gehscha-donut-2-15.jpg

Dort konnte sie am besten nachdenken, ohne ständig wütend werden zu müssen.

Lully kam. “Hallo Undine, …!?” grüßte er zögernd, “Ich habe gehört, Du hast gehört…, man hat Dir erzählt,…”

l1040415-gehscha-donut-3-15.jpg

“Ja, genau. Das hat man”, antwortete sie. “Und jetzt sag mir bitte ganz genau, was Du mir seit Monaten verschwiegen hast. Was war mit den vielen Frauen? Was tut Sabse für Dich? Warum bezahlst Du sie? Wofür? Ich muss das von Dir jetzt wissen, Lully. Von den anderen weiß ich schon genug…!”

l1040419-gehscha-donut-4-15.jpg

Lully hatte währen dieser Rede ein stilles aber heftiges Stoßgebet richtung Himmel geschickt und um schnellen Beistand gebeten, wo doch jetzt alles rauskommen sollte. Und er spürte auch schon seinen Schutzengel hinter sich. Gottseidank, das funkionierte noch.

l1040418-gehscha-donut-5-15.jpg

“Alle wird sich aufklären!” fing Lully an, doch dann verließ ihn der Mut wieder. Undine war mittlerweile ganz in Gedanken versunken, Lully hastete schnell zu Edeltraut, der aber auch keinen besseren Rat hatte, sondern nur leise vor sich hin seufzte.

l1040420-gehscha-donut-6-50.jpg

“Doch, Lully, Du musst! Und es wird nicht schlimm sein!” sagte er.

l1040421-gehscha-donut-7-15.jpg

Fortsetzung in 2 Tagen.

Geiselberger (Hrsg.) - Und jetzt?

Es geht um dieses Buch:

„Und jetzt? Politik, Protest und Propaganda“ Herausgegeben von Heinrich Geiselberger. Frankfurt (edition suhrkamp 2500), 2007, 364 Seiten € 12,–

„Über diese Versuche, über zeitgenössische Formen von Politik, Protest und Propaganda berichtet „Und jetzt?“. 16 Akteure, Projekte und Organisationen werden vorgestellt. Der Überblick ist naturgemäß selektiv: Es fehlen die adbuster, die argentinischen Fabrikbesetzer, die kleine Organisation Freifunk Augsburg, die Gaspreisboykotteure in NRW (…) Doch Systematik geht hier vor Vollständigkeit. Erörtert werden der Zustand, die Problem und die Chancen von drei Typen von Akteuren (Parteien, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen) sowie drei Typen des politischen Handelns außerhalb der klassischen Arenen: Protest, politischer Konsum und Medienaktivismus.“ (S. 12/13)

l1040079-und-jetzt-1-20.jpg

Zum Thema Gewerkschaften will Klaus Dörre in seiner Einleitung den Gedanken noch lange nicht aufgeben, dass sie auch im 21. Jahrhundert noch eine gewaltige Rolle spielen werden (S. 56). Das wollen wir alle hoffen.

Heinrich Geiselberger beschäftigt sich mit den amerikanischen Varianten der Gewerkschaftsbewegung („Tomaten des Zorns“), von denen man sich hier in Deutschland vielleicht noch was abgucken kann, vor allem deren strategische Einbindung der Öffentlichkeit und der Verbraucher. (S. 81). Der (das?) „Social Movement Unionism“ geht gegen Großkonzerne vor und setzt dabei nicht am Verhältnis Arbeiter und Firma an, sondern an der Beziehung des Unternehmens zu den Konsumenten. „Die Images und Marken, mit milliardenschweren Kampagnen auf Hochglanz poliert, sind heute die Achillesferse der Großkonzerne.“ (S. 83) Wäre auch mal eine Idee für die Lokführergewerkschaft.

Ein weiterer Bericht zum Thema (von M. Candeiras und B. Röttger) handelt über die erfolgreiche Beteiligung der Basis und die Schaffung einer Öffentlichkeit bei dem Konflikt um die Heidelberger Druckmaschinen Fabrik in Kiel.

l1040080-und-jetzt-2-15.jpg

Iris Nowak beschäftigt sich danach in „Euromayday“ mit den Schwierigkeiten des Phänomens „Prekariat“, allerdings ohne weiteren Erkenntnisgewinn.

Das Interview mit Chantal Mouffe habe ich schlichtweg nicht verstanden.

Den Begriff „NGO“, der danach (S. 131, Einführung von Tanja Brühl) behandelt wird, möchte ich lieber nicht verwenden, weil er mir zu viel Heterogenes umfasst. Er definiert ja nur, was die Organisationen nicht sind, also lässt er alles nach außen offen. Das ist nicht beschreibbar. Zu vielfältig.

Im Artikel über „attac“ von Klaus Raab habe ich zum erstenmal erfahren, dass die Gruppe mit dem Thema Devisenbesteuerung angefangen hat. „Steuersysteme beziehen sich auf den Nationalstaat und nicht auf die globalisierte Welt. Transnationale Konzerne und Finanzmärkte sind dagegen international organisiert. Die Konsequenz muss sein, Steuern auf internationaler Ebene zu erheben, analog zur globalisierten Wirtschaft, um Fehlentwicklungen der neoliberalen Globalisierung entgegenzuwirken und zwar international koordiniert.“ (S. 152)

l1040083-und-jetzt-3-15.jpg

Hindeja Farah schreibt in „Corporate Accountability International“ über die Kampagne gegen „schädliches Verhalten internationaler Konzerne“ am Beispiel Nestlè 1977-1984 (das Thema damals: Säuglingsmilch in der Dritten Welt), die ursprünglich von „Infact“ gestartet worden war. Heute ist die Gruppe vor allem im Bereich „Wasser“ aktiv. Auch hier gegen den Einfluss und die Oligopole der Großkonzerne, Coca Cola, Nestlè usw. („Think outside the bottle“.) CAI verlangt eine objektive Kontrolle und Rechenschaftspflicht (accountability) der Unternehmen, nicht nur eine freiwillige „social corporate responsibility“.

Caroline von Lowtzow schreibt über die Ansätze zu einer Online Demokratie: „Avaaz“, „MoveOn“, „Campact“. Aber: Obacht! Nicht zuviel erwarten! Das sollte man erst mal noch weiter beobachten, wie sich das Thema entwickelt.

Dieter Rucht analysiert in seiner Einleitung zum Kapitel „Protest“ („Das Elend der Latschdemos“) sehr schön die Aspekte der Aufmerksamkeit, die auf Zustimmung gerichteten öffentlichen Aktionen, die Toleranz des Werbens und Überzeugens von Protesten, sowie die Selbstbezüglichkeit des Protestes als Vergewisserung kollektiver Identität und Stärke (S. 184)

l1040084-und-jetzt-4-15.jpg

Ein Zitat von Jakob Schrenk in seinem Aufsatz über die französischen Studentenproteste: „Die 68er wollten keine Spießer sein und wurden genau das. Die Jugendlichen von heute wären gerne Spießer, dürfen das aber nicht sein.“ (S. 207)

Nadja Klinger bringt eine bedrückende Reportage über Fred Schirrmacher, den Organisator der gescheiterten Montagsdemonstrationen gegen die Hartz IV Gesetze in Leipzig und anderswo.

Bettina Dyttrich erklärt die Hintergründe und beschreibt Proteststrategien und Taktiken gegen das World Economic Forum in Davos der letzten Jahre.

Im Interview setzt Ulrich Beck auf den mündigen Bürger und sein politisches Konsumentenverhalten, im Anschluss an sein Buch über die Weltrisikogesellschaft.

Boris Holzer gibt eine gute Einführung in das Thema „Politik im Supermarkt“ und den politischen Konsum.

Thomas Moorstedt wagt die Voraussage, dass nach dem design-orientierten Zeitalter das ethische Verbraucherverhalten in den Vordergrund tritt. Am Produkt wird gezeigt werden, welche Haltung der Käufer / Verbraucher hat. Immer stärker.

Die Einführung von Frank Apunkt Schneider / monochrom zum Thema „Medien“ ist sehr lesenswert. („Über die implizite Ideologie des Medienaktivismus, seine aktuellen Chancen und generelle Verstricktheit“). Die Empörung über die Zustände der Welt führt nicht zu interventionistischem Verhalten. Hat es noch nie geführt. Wie das Medium (Fernsehen) das falsche ist.

l1040085-und-jetzt-5-15.jpg

Der Artikel über „Indymedia“ beschreibt die Bedeutung unabhängiger „News-Seiten“, und die Enttäuschung darüber dass auch sie von Falschmeldungen und Beeinflussern manipuliert werden. Die Erkenntnis, dass der „Schwarm“ in seiner Idealform nie existiert und deshalb auch praktisch nicht intelligent ist oder so einfach als Methode nicht verwendet werden kann, macht sich langsam breit.

Daneben gibt es in dem Band noch weitere Artikel, z.B. über die „yes men“, über Kommunikationsguerilla („gatt.org“) oder über „klein.org“ und die Mittel von Medien-Gegenmacht.

Im Ganzen gibt das Buch einen schönen Überblick über eine wimmelnde Masse von Gruppen und Projekten und Ansätzen und Theorien. Das alles ist in Bewegung, das sollte man auch so dort lassen. Vielleicht ist viel zu viel schon in Bewegung. Denn um Wichtiges durchzusetzen, braucht es eine große, einheitliche, kritische Masse. Die ist längst noch nirgends sichtbar. Zu zersplittert sind die Einzel- und Eigeninteressen und Motivationen.

Einiges von den berichteten Ansätzen macht Hoffnung, dass sich die Vernunft eine Stimme sucht und findet. Anderes sieht doch noch sehr naiv und experimentell aus. Bedauerlich finde ich die um sich greifende Hoffnung, dass der Konsument alles durch sein Verhalten regeln kann und soll. Das ist etwas zuviel von ihm verlangt. So mündig sind die Verbraucher jetzt dann doch auch wieder nicht. Beispiele dafür gibt es genügend.

Aber schützenswert und bedenkenswert sind alle Ansätze und Versuche.

Auf geht’s.

Engel - Sesam

Nach dem Ärger mit dem himmlischen Salz an Heilig Abend, den sie ohne fremde Hilfe – auch Gottlob Friederich war nicht zur Stelle, der weilte ja (noch) in einer anderen Welt – in Ordnung bringen mussten, hatten sich die Engel ein neues Gefährt angeschafft: einen Unimog mit Straßenräumansatz.

l1040200-unisesam-1-15.jpg

Es war eine Überlassung vom Großmarkt, denn seit die Großmarkthalle verlassen da stand und man nur noch darauf wartete, dass das Bauunternehmen für die neue große Bank zu baggern anfangen würde, hatte man auch die alten treuen Gefährte entsorgt.

l1040202-unisesam-2-15.jpg

Und so waren Edelgart, Engelhart, Edeltraut und Co. jetzt stolze Besitzer eines Räumfahrzeuges. Besonders Edeltraut war hin und weg. „Ach Gottchen, wie niedlich und so kräftig gebaut und so praktisch…! Wenn wir den an Weihnachten gehabt hätten…, dann hätte sich Edelgart gar nicht so echauffieren und so schreien müssen.“

l1040201-unisesam-3-15.jpg

Und es wartete auch bereits eine erste Herausforderung auf ihn. Ein Berg Sesamsaat, den ein wütender Bauer aus Oberfranken hier oben abgeworfen hatte (er wollte nicht mit Weihrauch und Ambrosia bezahlt werden, sondern in Euro), musste schleunigst entfernt werden, bevor Edelgart vorbeikam und ob der Unordnung wieder herumtobte und himmlische Strafpunkte verteilte. Für alles gab es Strafpunkte im Himmel. Es war wie im Kindergarten.

l1040207-unisesam-4-22.jpg

Und Edeltraut war den Tränen nahe gewesen, als sie gesehen hatte, was der Bauer da angerichtet hatte und vorhersah, dass das alles wieder ihr zur Last gelegt werden würde. Ja, natürlich: Niemand hatte gesagt, dass im Himmel alles gerecht zugehen würde, aber solche Zustände hatte sie dann doch nicht erwartet.

Aber der Unimog vom ehemaligen Großmarkt arbeitete ganz hervorragend. Er war ihr ein treuer Helfer.

l1040204-unisesam-5-15.jpg

Allein durch Edeltrauts Gedanken-Steuerung, ganz ohne Fahrer – der weilte ja auch noch in einer anderen Welt; er hatte nicht so einfach mitkommen wollen; das wäre ein ganz anderer Deal gewesen – schob das Fahrzeug den Samen auf einen großen Haufen zusammen.

l1040205-unisesam-6-50.jpg

Und nach ein paar Stunden war schon das Gröbste erledigt. Fuhre um Fuhre transportierte der Unimog die Ladungen Sesam auf die Müllkippe, wo hoffentlich einmal schöne Sesampflanzen wachsen würden, aus denen man super Schnitzel machen konnte. Das würden die anderen Engelkollegen dann nur ihr, Edeltraut, zu verdanken haben. Hoffte sie.

l1040209-unisesam-7-15.jpg

Edeltraut weinte vor Glück. „Ach, wie schön! Jetzt kann Chef-Engel Edelgart stolz auf mich sein. In Zukunft können wir alles wegräumen, was uns in die Quere kommt. Völlig egal, wie und von wo es herunterfällt.“

l1040210-unisesam-8-15.jpg

Edeltraut half noch, die letzten Samenkörner per Hand auf den Unimog zu werfen, dann war das Thema erledigt. Und das Heulen konnte vorerst auch ein Ende haben. Gottseidank.

Goethe - Reineke Fuchs

Ich habe vor mir die Ausgabe des Insel Verlages als Taschenbuch, „gebunden“ Nr. 2564 von Johann Wolfgang Goethe „Reineke Fuchs“ In zwölf Gesängen, mit 117 Illustrationen von Joseph Hegenbarth. 1. Auflage Frankfurt 1999.

l1040087-fuchs-1-15.jpg

Worum geht es in dem Text nochmal?

„Der listenreiche Übeltäter Reineke Fuchs, gegen den die Tiergemeinschaft Klage bei ihrem König erhebt, wird zum Tode verurteilt und dann doch noch hoch geehrt und zum Reichskanzler ernannt. (…) Es siegt in dieser Geschichte nicht die Vernunft, oder gar das Gute, sondern der, der sich schamlos der List und der Macht bedient.“ (eine amazon Kritik).

l1040093-fuchs-3-15.jpg

Die handelnden Personen sind:

Reineke, der Fuchs
Ermelyn, seine Frau
Reinhardt und Rossel, seine Söhne
Nobel, der Löwe und König
Isegrim, der Wolf
Gieremund, Isegrims Frau
Eitelbauch und Nimmersatt, seine Söhne
Grimmbart, der Dachs
Braun, der Bär
Hinze, der Kater
Lampe, der Hase
Henning, der Hahn
Kratzefuß, die Tochter von Henning
Kreyant und Kantart, seine Söhne
Markart, der Häher,
Boldewyn, der Esel
Bellyn, der Widder
Wackerlos, das Hündchen
Ryn, die Dogge
Lüdtke, der Kranich
Lupardus, der Leopard
Marke, die Ziege
Hermen, der Bock
Bokert, der Biber
Tybbke, die Ente
Adelheid, die Gans
Martin, der Affe
Pflückebeutel, der Rabe
Und noch ein paar Unbedeutende mehr.

l1040095-fuchs-4-15.jpg

Die Geschichte und damit Reinekes Verhalten ist eigentlich unmoralisch und anarchisch, unsozial und verantwortungslos, aber auch gegen alle Scheinheiligkeit gewendet, rücksichtslos ehrlich oder rücksichtslos verlogen und gleichzeitig erhellend, aufklärerisch, weil er / sie nichts einfach so gelten lässt und hinnimmt sondern aufdeckt und zum Vorschein bringt und hinter Absichten und Beweggründe blicken lässt. „Sapere aude!“

l1040092-fuchs-5-15.jpg

Es ist ein sehr genussvolles Lesen gewesen. Ohne Einschränkung.

Goethe stellt die (gelogene, erfundene) Geschichte, die Reineke dem König erzählt, von der Verschwörung und dem geplanten Umsturz, dem Aufstand gegen ihn selbst, den König, durch Braun, den Bären, Isegrim und Reinekes eigenen Vater, um einiges blumiger und ausführlicher dar, als Willem das tut. Auch die Beschaffung der notwendigen Söldner, Art und Höhe der Entlohnung usw. sind für Goethe offensichtlich wichtiger als für Willem. Goethe war ja Beamter. Und Reineke muss Zeit schinden, um seinen Kopf zu retten.

Goethe ist an manchen Stellen etwas zurückhaltender oder ungenauer, zum Beispiel bei der Beschreibung der Verletzungen des Paters, die ihm von Hinze, dem Kater zugefügt werden (vergl. das Zitat bei Willem). Bei Goethe heißt es dazu nur (S. 42):

„Hinze dachte zu sterben; da sprang er wütend entschlossen
Zwischen die Schenkel des Pfaffen und biss und kratzte gefährlich.“

l1040091-fuchs-6-15.jpg

Dafür scheut sich Goethe nicht, die zwei Vergewaltigungen von Gieremund, der Frau Isegrims, durch Reineke Fuchs zu erwähnen. Auf Seite 40, als sie mit dem Kopf im Bretterverschlag feststeckt und später im 11. Gesang, als Frau Gieremund hilflos mit dem Schwanz im Eis festgefroren ist (Isegrim behauptet in seiner Klagerede, Reineke habe sie dazu gebracht, dabei war es ihre eigene Fressgier, wegen der sie ihren Schwanz in das Loch des zugefrorenen Sees hängen ließ) und Reineke sie dabei „übermannt“ (S. 174) Tststs.

Merkbar und zitierfähig für alle Gelegenheiten ist einiges in dem Buch, zum Beispiel der Grabspruch von Kratzefuß, die von Reineke „erlegt“ wurde (S. 19):

„Kratzefuß, Tochter Henning des Hahns, die beste der Hennen,
legte viel Eier ins Nest und wusste klüglich zu scharren.“

Sehr schön. Das klügliche Scharren.

Reineke zieht den Kopf aus der Schlinge, weil das Versprechen, das in seinen Lügen steckt, für die anderen (z.B. den König) zu verlockend erscheint. Damit bringt er sie dazu, das zu tun, was er will. Die Königin fällt wohl zuerst auf die versprochenen Schätze herein. Der König bleibt noch ein Weilchen standhaft: „Denn ein größerer Lügner ist wahrlich niemals gewesen.“ (S. 80) Das weiß er. Und handelt dann doch gegen sein Wissen. Er glaubt ihm. Er will ihm einfach glauben. Obwohl er weiß, dass es falsch ist.

Die „Moral“ also? Wir wollen betrogen werden. Bei uns allen setzt der Verstand aus, wenn wir an unserer Gier, Eitelkeit, Eifersucht, etc. gekitzelt werden. Und wir handeln gegen unseren Verstand. Oft.

Die Verleumdungen von Reineke sind perfide und die Gewalt blutrünstig, (Verbrennungen, Vergewaltigungen, Fell-Abziehen, etc.) aber in den Versen Goethes kommen sie sehr verspielt und kindlich daher, jedenfalls auch ironisch, irgendwie freundlich, fast harmlos, märchenhaft nett.

l1040089-fuchs-8-15.jpg

Der Hase Lampe – als Begleitschutz zusammen mit Bellyn, dem Widder, dem freigelassenen Reineke zur Seite gestellt – wird von Reineke betrogen, von Reinekes Familie umgebracht (gefressen), sein blutiger Kopf als kleines „Dankeschön“ (als ein „wichtiger Brief“) durch Bellyn, dem ahnungslosen Widder, zurück zum König gebracht. Was natürlich zum Eklat führt, und dazu, dass der ganze Königs-Betrug ans Tageslicht kommt.

Damit schafft es Reineke aber auch, seine Verwandten Isegrim und Braun, den Bären, zu rehabilitieren, die er in seiner Verteidigungsrede als Verräter angeschwärzt hatte, da er sich mit diesem Akt selber als Lügner offenbart. Die Familienehre ist also wieder hergestellt. Nach einigen blutigen Opfern.

Schön ist, wie Reineke es schafft, den König ein zweites Mal davon zu überzeugen, dass die Opfer, die er getötet oder misshandelt hat, selber schuld oder selber die eigentlichen Täter waren. Und sich als besten Freund des Königs darzustellen. Und seine Gier und Eitelkeit bringen den König wieder dazu, Reineke zu glauben. Obwohl er ausreichend gewarnt war.

l1040094-fuchs-9-15.jpg

Und so endet also der letzte Gesang:

„Hochgeehrt ist Reineke nun! Zur Weisheit bekehre
Bald sich jeder und meide das Böse, verehre die Tugend!
Dieses ist der Sinn des Gesangs, in welchem der Dichter
Fabel und Wahrheit gemischt, damit ihr das Böse vom Guten
Sondern möget und schätzen die Weisheit, damit auch die Käufer
Dieses Buchs vom Laufe der Welt sich täglich belehren.(…)“

Reineke kommt als Übeltäter und „Gewinner“ mal wieder supersympathisch und positiv weg. Man kann ihm eigentlich nicht böse sein. Und man fragt sich: Warum eigentlich nicht?

Willem - Reinart Fuchs

Das ist ein sehr nettes Buch – und eigentlich ein ziemlich blutiges dazu:

Willem „Reinart Fuchs – Die Geschichte eines ewigen Schurken“, aus dem Mittelniederländischen übersetzt von Amand Berteloot und Heinz-Lothar Worm. CH-Wald 1987 (Der Bärenhüter im Waldgut), 99 Seiten, gebraucht bei amazon ab € 2,22. Sonst vergriffen.

l1040097-willem-1-15.jpg

Entstanden ist der Text, so schätzt man, zwischen 1179 und 1271, wurde wohl ursprünglich mündlich weiter- und vorgetragen, die Quelle ist ein altfranzösischer „Roman de Renat“ und dann erst, eben 1271, übersetzt und als Buch herausgebracht.

l1040101-willem-2-20.jpg

Und es handelt sich – genau, richtig: um den Urtext von „Reineke Fuchs“, dem alten Schlawiner, der sich immer auch aus den schlimmsten Patschen herausrettet, weil er instinktiv ahnt und erkennt, wie er die Eitelkeiten seiner Feinde und Häscher befriedigen kann und wie er sie durch ihre eigenen Charaktereigenschaften ins Verderben reiten kann.

l1040100-willem-3-20.jpg

Es ist nicht die gesamte Vorlage zu Goethes „Reineke Fuchs“, aber der erste, wesentliche, bessere Teil, weil mit mehr Action.

Und so fängt er an (S. 10):

„Es war an einem Pfingsttage, als Wald und Hecken mit grünen Blättern geschmückt waren. Nobel, der König hatte einen Hoftag überall ausrufen lassen, den er, wenn möglich, zu seinem eigenen Lob abhalten wollte. Da kamen zu des Königs Hof alle Tiere groß und klein, außer Reinart, dem Fuchs. Dieser hatte am Hofe so viel Übles getan, dass er sich nicht hintraute: wer sich schuldig weiß, hat Angst. So stand es auch um Reinart, und darum scheute er den Hoftag, wo ihm nur Schlechtes nachgesagt würde. Als der ganze Hoftag versammelt war, war der Dachs der einzige, der nicht über Reinart zu klagen hatte, den Bösewicht mit dem grauen Bart.“

Man ahnt bereits, worum es geht. Der Übeltäter ist von vornherein identifiziert. Es wird um Anschuldigungen und Verteidigungsstrategien gehen. Der Richterspruch wird folgen (mehrfach) und spannend wird die Frage, wie Reineke seinen Kopf aus der Schlinge zieht.

l1040096-willem-4-15.jpg

Und so fängt Johann Wolfgang von Goethe an (erster Gesang, S. 7):

„Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! Es grünten und blühten
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen,
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.

Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine Vasallen
Eilen gerufen herbei mit großem Gepränge; da kommen
Viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden,
Lütke, der Kranich, und Markart, der Häher, und alle die Besten.
Denn der König gedenkt mit allen seinen Baronen
Hof zu halten in Feier und Pracht; er lässt sie berufen
Alle miteinander, so gut die Großen als Kleinen.
Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der Eine,
Reineke Fuchs, der Schelm! der viel begangenen Frevels
Halben des Hofs sich enthielt. So scheuet das böse Gewissen
Licht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren.
Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt,
Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont’ er.“

(Und hier gleich mal eine Anmerkung: Das „Projekt Gutenberg“ www.gutenberg.spiegel.de hat zwar lobenswerterweise bisher mehr als 4.000 Bücher als Volltext verzeichnet, aber die ersten 6 Verse dieses Gesanges fehlen dort! Einfach so!)

l1040099-willem-5-15.jpg

Bei Willem ist manches schmerzhafter und drastischer beschrieben als bei Goethe. Z.B: die üble Verletzung des Pfarrers durch die Katze Tilbeert (S. 35): „Er sprang dem Pfarrer zwischen die Beine und zog ihm eines von den Dingern aus, die ihm zwischen den Beinen hingen, in dem Beutel ohne Naht, womit man die Glocke schlägt. Das Ding fiel nieder auf den Boden.“

Überhaupt ist die Geschichte mittelalterlich derb, und drastisch an Brutalität und Gewalt schon ein starkes Stück.

l1040098-willem-6-15.jpg

Aber das ist sie im wesentlichen auch bei Goethe 500 Jahre später noch. Obwohl es ihm mehr auf die Tücke und Verschlagenheit Reinekes ankommt als auf die blutrünstigen Methoden.

Doch dazu später mehr.

Engel - Salz 2

Der streitbare Edelgart war immer noch am Schimpfen. Edeltraut heulte jetzt etwas weniger. Aber vor allem Engelhart hatte die Fassung wieder gefunden.

l1040238-engel-7-50.jpg

Es musste einfach etwas getan werden. Schnellstmöglich. Also überlegten sie nicht lange, sondern langten einfach selber zu. Auf die himmlischen Kräfte wollten sie sich in dieser Situation lieber nicht verlassen. Selbst Edelgart half mit. Obwohl er ja eigentlich der Chef der Truppe war.

l1040237-engel-8-15.jpg

Nach einer Weile Schaufeln und Schuften hatten sie das himmlische Salz wieder auf der Pritsche, versorgt, vom Dreck befreit und auch gleich für Engelharts Auftritt so vorbereitet dass er da oben gut stehen konnte.

l1040233-engel-9-15.jpg

Der hatte sich in der Zwischenzeit schon etwas Mut angetrunken, er brauchte das wegen seines heftigen Lampenfiebers. Obwohl das oft dazu führte, dass er nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stand. Das konnte ja noch gefährlich werden!

l1040244-engel-10-20.jpg

Doch als Engelhart dann erst mal von oben herunter guckte, ging es ihm schon viel besser. Das „Fürchtet euch nicht!“ probte er vorsichtig leise und es klappte auf Anhieb schon sehr gut. (Er konnte früher kein „rch“ aussprechen, das war immer eine Elendsqual gewesen!)

l1040242-engel-11-20.jpg

Edelgart feuerte ihn an, motivierte ihn: „Hey, Hardy! Du packst sie, Du haust sie gegen die Wand! Das ist Dein Abend! Die anderen schauen da nur zu! Du bist der Star!“

Während Edeltraut sich fast nicht traute, da hinzusehen. Sie konnte mitfühlen, wie schlimm das für Engelhart war. Er war ja nie der geborene Showman gewesen…

l1040247-engel-12-20.jpg

Sie guckten dem davonfahrenden Himmelsgefährt und Engelhart lange nach und riefen aufmunternde Sachen und winkten und wünschten ihm alles Gute. Aber sie waren zuversichtlich: Es würde alles klappen. Wie jedes Jahr. Sie waren so stolz auf ihn.

l1040227-engel-13-50.jpg