Houellebecq – Kampfzone

Das musste jetzt auch mal sein: Michel Houellebecq „Ausweitung der Kampfzone“ Roman Rowohlt TB 1994 / 2001. 172 Seiten, € 7,50.

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amazon: „In Ausweitung der Kampfzone erzählt Michel Houellebecq von einer Welt, in der jegliches menschliches Verhalten den Marktgesetzen unterworfen ist, und von denjenigen, die nicht über genügend Tauschmittel (gutes Aussehen, Erfolg, Geld) verfügen, um an diesem Leben teilzunehmen.

Die äußere Handlung des Romans ist schnell erzählt. Ein kleiner Angestellter eines Software-Unternehmens wird im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums – zusammen mit einem Kollegen namens Tisserand – auf eine Dienstreise geschickt, um Software-Schulungen durchzuführen. In einer Reihe episodenhafter Geschehnisse wird die Hoffnungslosigkeit und Verlorenheit des Protagonisten in der Welt deutlich.

Wie Camus‘ Held Meursault in „Der Fremde“ ist auch die Hauptperson in Houellebecqs Roman ein Franzose, der bar aller Bindung und ohne Liebe gleichgültig dahinlebt. Auch der Ton der beiden Werke gleicht sich. Dem „Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht.“ setzt Houellebecq ein: „Von Zeit zur Zeit bleibe ich am Straßenrand stehen, rauche eine Zigarette, weine ein bißchen und fahre weiter.“ entgegen. Es gibt weitere Parallelen zum Werk Camus‘, und auch eine gewisse Nähe zu Sartres „Der Ekel“ lässt sich nicht leugnen, aber dennoch setzt „Ausweitung der Kampfzone“ nicht die Reihe französischer existenzialistischer Nachkriegsromane fort, denn anders als Antoine Roquentin in Sartres „Der Ekel“ versucht Houellebecqs Protagonist nicht, seinem Ekel in und vor der Welt auf den Grund zu gehen, sondern nimmt ihn mit fatalistischer Gelassenheit als unabänderlich hin. Houellebecqs Helden erleben nie die von Ernst Bloch beschriebenen „Melancholie des Erreichten“, weil sie sich in einem Stadium fortwährender Melancholie des Unerreichbaren befinden.

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Das Traurige an Houellebecqs Geschichten ist deshalb nicht, dass es einer Minderheit, die sich durch Beruf, Konsum und sexuelle Erfolge definiert, gelingt, die Mehrheit als Lebensverlierer abzustempeln, sondern dass Houellebecqs Helden auch noch mit Neid auf eben jenes wohlhabende Erlebnisproletariat schauen, das meint alles zu haben, nur weil es sich jederzeit überflüssige Konsumgüter leisten und Sex haben kann.

In Houellebecqs Helden stürmt und drängt nichts, ihnen fehlt jeglicher Idealismus, die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen. Wenn Rüdiger Safranski recht damit hat, dass Idealismus ist, wenn man mit der Kraft der Begeisterung länger lebt, als es der Körper erlaubt, dann sind Houellebeqcs Helden bereits tot, ohne es zu wissen. Mit Houellebecq ist also kein Weltverbesserer am Werk, sondern ein pessimistischer Realist, der sich fragt, warum wir bloß nie, nie geliebt werden. „Pourquoi ne pouvons-nous jamais, jamais, être aimés?“ (aus Houellebecq, Suche nach Glück, S. 62, 63).“

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Dem füge ich mal nichts hinzu. Das stimmt so alles.

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