Walser – Jenseits

Großartig: Martin Walser „Mein Jenseits“. Eine Novelle. Berlin University Press 2010. 119 Seiten, € 19,90.

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So einfache Sätze gefallen mir: „Glauben heißt, die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.“

„Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt. Aber dann schon.“

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Man muss das Buch sich von Walser vorgelesen vorstellen. In der langsamen Art, im Versuch, hochdeutsche Wörter zu finden, dann wird das erst richtig klar. („Mädle, horch doch!“ zu Thea Dorn im Interview nach wieviel Gläsern Weißwein?)

Noch so was: „Das Jenseits muss schön sein. Sonst kannst Du es gleich vergessen.“ (S.32).

Es geht viel um Reliquien in diesem Buch und darum, was sie mit dem Glauben zu tun haben. Sehr schöne Gedanken. Und eine sehr schöne Geschichte. Wie man hört Teil eines neuen upcoming Roman Walsers.

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Man sollte gespannt sein.

Amazons Kurzbeschreibung dazu:

„Augustin Finli, Chef des Psychiatrischen Landeskrankenhauses Scherblingen, weiß, was Älterwerden bedeutet. Ab dreiundsechzig hat er mit dem Zählen der Geburtstage aufgehört und sein Lebenscredo gefunden: »Glauben heißt lieben.« Scherblingen war bis 1803 ein Kloster. Der letzte Abt war ein Vorfahr von Augustin Finli. Der hat, als er noch ein junger Arzt war, ein Seminar besucht, um sein Latein zu verbessern. Im Seminar unangefochtene Beste war Eva Maria Gansloser. Die beiden sind dann so gut wie verlobt. Aber Eva Maria heiratet den Grafen Wigolfing, der an der Eiger Nordwand erfriert. Darauf heiratet sie den 18 Jahre jüngeren Dr. Bruderhofer. Das erregende Moment: Dr. Bruderhofer ist Oberarzt unter Augustin Finli. Eva Maria schickt gelegentlich Postkarten, die Finli sagen sollen, sie könne ihn so wenig vergessen wie er sie. Kann er das glauben? Er glaubt es. »Eine Sekunde Glauben ist mit tausend Stunden Zweifel und Verzweiflung nicht zu hoch bezahlt.« So Finli. Und: »Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt.« Das wird zu Finlis Daseinsgefühl.

Der Vorfahr hat geschrieben, es sei nicht wichtig, ob die Reliquien, an die die Menschen glauben, echt sind. Augustin Finlis Jenseits entsteht durch Glaubensleistungen. Und vom Vorfahr hat er gelernt: »Wir glauben mehr als wir wissen.« Das ist der Kernsatz dieser Lebensgeschichte. Kant hat eingesehen, dass die Vernunft nur begreife, was sie selber hervorgebracht hat. Das gewaltige Andere schaffen wir dadurch, dass wir glauben. Es ist ein heftiges Credo, das aus dieser Lebensgeschichte tönt. In der Musik, in der Malerei, überhaupt in der Kunst ist dieses Credo die Voraussetzung der Kreativität.

Kaufen und Lesen.

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