Pastior – Unding

Das ist ein sehr tolles Buch:

Oskar Pastior „Das Unding an sich“ Frankfurter Poetikvorlesungen. Frankfurt (edition suhrkamp) 1994. 124 Seiten, € 7,50.

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Man muss sich wirklich auf die verschlungene Sprache einlassen, aber dann eröffnen sich einem wirklich neue Horizonte. Was er in der Sprache an Gedanken entdeckt, ist schon verblüffend. Und wie er denkt, wenn er dichtet, und dass er uns das so eröffnet, bringt einem den Respekt vor dem Gedicht zurück.

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Unschätzbar, was in so ein paar Versen und Strophen an Intelligenz und Einsicht steckt.

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Die NZZ schreibt:

„Rahmengeplänkel und Wuselpunkte

Oskar Pastiors Frankfurter Poetik-Vorlesungen

Der Gastlehrstuhl für Poetik der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität sorgt glücklicherweise dafür, dass wir regelmässig mit der Selbstreflexion bekannter Autoren vertraut gemacht werden. Längst nicht immer sind Stil, Gedankenführung, Sprach- und Denkkraft so stimulierend, so elegant-souverän und konzentriert wie in Oskar Pastiors Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

Der aus Rumänien gebürtige, mit stimmhaftem Akzent begabte Autor beginnt und schliesst seine Ausführungen mit der Verpflichtung von Text und Leser auf Wörtlichkeit statt «Nämlichkeit»: «wo das wie und das was einander so lesen, dass es sie gibt». Wir sollen sehen und vernehmen, was da steht, und nicht gleich in die Frage nach der «Bedeutung» flüchten. Das von Pastior so souverän gehandhabte Palindrom – ein Text, der sich auch rückwärts lesen lässt – ist ein Kronbeispiel für die These «Sachverhalt ist Sprachverhalt». Einverleibung und Entäusserung werden in dieser Form identisch: in einem Text, «der mit sich hadert, nicht metaphysisch, sondern tatsächlich, also vom Anfang, der schon sein Ende ist».

Oskar Pastiors Überlegungen tragen sich als Sprachspiele vor: «Als könnte Sprache, indem sie mich erfindet, dem ‹Wort vor dem Ding vor dem Wort vor dem Ding vor dem Wort› auf die Spur kommen.» Immerhin kam Pastiors Wörtlichnehmen vielen Formen auf die Spur, die er aufs neue in die deutsche Dichtung eingeschrieben hat: Anagramme, Vokalisen, Palindrome, Rösselsprünge und Sestinen; viele andere liessen sich nennen.

Rahmengeplänkel nennt er seine Vorlesungen, die sich an keiner Stelle bei zuhandenen Diskursen ausruhen. «Poetisch konstitutive Wuselpunkte» sucht er zu benennen: «in allem was mich schreibt indem ich schreibe, also nicht das übliche Stöhnen über Schwierigkeiten überm weissen Papier».

Der Text «das Unding» – wie wenig andere Dichter setzt Pastior den «linguistic turn» voraus, die Anerkennung der Frage, «wer da wen denkt». Seine Formen, etwa das «Leitartikelgedicht», gewinnt er gutteils aus dem spielerischen Ernstnehmen dieser Frage. «Um überhaupt zu reden, schneidet und klebt die Sprache ‹mich› unentwegt vorsintflutlich aus und auf.»

Immer wieder gelingt es Pastiors Vorlesungen, die Unsinnigkeit aller Dichotomien, etwa der von Sprache und Wirklichkeit, darzutun, und zwar am Leitfaden des eigenen Schaffens, der Versuchsanordnung Oskar Pastior. Dabei zeigt der Sprach- und Sprechkünstler aus Siebenbürgen, wie Sprache haltmacht und manches möglich macht, «das ungefragt nicht wäre». Zugleich trägt er, nur ein wenig parodistisch übertreibend, Unordnungen in gut geregelt erscheinende Diskurse hinein. Etwa den der Wissenschaft, eine ironische Verbeugung vor der Sprechgelegenheit Universität:

«Selbst die Spontangenese eines Blinddarms am Leib der Falsifikation im Zuge allgemeinen Ideologieabbaus mit Hilfe ungeahnter Katachresen im Auseinanderdriften ebensolcher Chancen zur Hinterfragung des Einwegs der sprachentropischen Entkrausung angesichts des Protokollcharakters jeder Entropie ist oder hat zur Folge, bei uns zumindest, die Satzaussage.» Ein «kognitives Blinzeln» genügt Pastior als Wirkung. Das Sprachungetüm trägt immerhin nichts weniger als den Methodenweg der Philologie in den letzten zwanzig Jahren vor.

Pastiors Sprachbiographie beglaubigt den Versuch, die «Schiene der Einsprachigkeit» zu «durchbrechen». Folgende Sprachen kann Pastior für sich in Anspruch nehmen: «die siebenbürgisch-sächsische Mundart der Grosseltern; das leicht archaische Neuhochdeutsch der Eltern; das Rumänisch der Strasse und der Behörden; ein bissel Ungarisch; primitives Lagerrussisch; Reste von Schullatein, Pharmagriechisch, Uni-Mittel- und -Althochdeutsch; angelesenes Französisch, Englisch . . . alles vor einem mittleren indoeuropäischen Ohr . . . und, alles in allem, ein mich mitausmachendes Randphänomen».“

Alexander von Bormann

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Also: Zeit nehmen und lesen!

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