Lethem – Schlaf

Das ist wie der „big sleep“ von Chandler: Jonathan Lethem „Der kurze Schlaf“. Roman Köln (Tropen Verlag) 2003. 336 Seiten, 19,90.

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Amazon schreibt:

„In einer Welt, in der Fragen mit einem Tabu belegt sind, steht der „Privatinquisitor“ Conrad Metcalf auf verlorenem Posten. Als er von dem verzweifelten Orton Angwine mit der Aufklärung eines Mordfalls beauftragt wird, ahnt er auch, dass es sich um eine verlorene Sache handelt. Angwine wird von den allmächtigen staatlichen Inquisitoren als der Schuldige angesehen, und so scheint sein Gang in die Tiefkühltruhe unausweichlich — dort werden Kriminelle und unbequeme Bürger Kosten sparend gelagert. Doch wie alle guten Privatermittler hat auch Metcalf einen Hang für aussichtslose Fälle.

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Dabei kann es sich Metcalf eigentlich gar nicht leisten, den staatlichen Inquisitoren in die Quere zu kommen. Auf seinem Konto befinden sich nur noch 75 „Karmapunkte“ — sind sie verbraucht, so wartet auch auf Metcalf die Tiefkühltruhe. Allerdings hat Metcalf auch nicht viel zu verlieren: In dem pervertierten Kalifornien der Zukunft, dass von „evolutionstherapierten“ sprechenden Tieren und „Babyköpfen“ bevölkert ist, hält er sich nur mithilfe von maßgeschneiderten Designerdrogen am Leben, die praktischerweise von staatlichen Stellen ausgegeben werden. Obendrein ist Metcalf seit einer gescheiterten Beziehung mit dem Seelenleben und den Empfindungen einer Frau ausgestattet, fühlt sich aber weiterhin von Frauen angezogen.

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Ätzende Satire, treffsichere Dialoge und das zu Herzen gehende Schicksal der Hauptfigur machen den skurrilen Mix aus Krimi und Science Fiction zu einem besonderen Leseerlebnis. Der Autor des preisgekrönten Motherless Brooklyn erschafft von der ersten Seite an eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und Isolation, in der einzig Metcalfs Seele wie ein einsames Leuchtfeuer brennt: „Um uns herum herrschte Stille im Haus, Totenstille, und draußen vor dem Fenster schien die Nacht mit ihrer Finsternis die Existenz der Stadt auszulöschen. Doch unter dem Mantel der Nacht lebte die Stadt weiter. Unabhängig voneinander durchquerten Menschenwesen die Dunkelheit auf dem Weg zu ihren einsamen Zielen, zu einem öden Hotelzimmer, zu einem Rendezvous mit dem Tod. Niemand stellte sich je diesen Wesen in den Weg, um zu fragen, wohin sie gingen — niemand wollte es wissen. Niemand außer mir — dem Wesen, das Fragen stellte, dem minderwertigsten Geschöpf von allen. Nur ich war dumm genug anzunehmen, daß etwas an dieser Stille, die sich wie ein behandschuhter Würgegriff um die nackte Kehle der Stadt gelegt hatte, nicht stimmte.“

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Tolles Buch.

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