Maccoby – Der Heilige Henker

Das ist blöd:

Hyam Maccoby „Der Heilige Henker“ – Die Menschenopfer und das Vermächtnis der Schuld. Stuttgart (Thorbecke) 1999. 320 Seiten, gebraucht bei amazon ab € 7,48.

maccoby-1.jpg

Die NZZ (Wolfgang sofsky) hat auch schon gezweifelt:

„Wie der Traum bedient sich der Mythos gelegentlich der Zensur, wenn die gesittete Fassade gefährdet ist. Bluttaten werden zu Unglücksfällen umgedeutet, Schuldlasten kurzerhand dem Opfer aufgebürdet, um den wahren Übeltäter freizusprechen. Derartige Tarnmanöver finden sich auch in altvertrauten Legenden der Bibel. Hinter den Erzählungen von Kain und Abel, von Lamech, Hiob und Ham, von Jesus und Judas verbirgt sich, will man Hyam Maccoby Glauben schenken, in Wahrheit ein uralter, moralisch höchst anrüchiger Brauch: der Kultus des Menschenopfers.

Die Hauptfigur des sakralen Ritus ist der Henker. Im Namen und Auftrag der Gemeinschaft schlachtet er das Opfer, um die Gottheit gütig zu stimmen. Daraufhin überkommen die Menschen Gefühle von Schuld und Schande. Sie verbannen den Henker in die Wüste und erklären ihn für vogelfrei, obgleich es seine Tat war, die sie gerettet hatte. Eine seltsame Aura umgibt fortan den Verstossenen. Er wird verachtet und gefürchtet, denn er geniesst den Schutz der Gottheit, die das Opfer gefordert hatte. Wer den Henker tötet, dem wird fürchterliche Rache zuteil – sieben Leben für eines. So irrt er auf ewig durch die Welt, geschützt durch das göttliche Kainsmal, beladen mit dem Fluch der Menschen.

Phantastisch

Ob diese heilige Figur jemals existiert hat, vermag niemand zu sagen. Und ob sie die Ideenwelt der Israeliten, Griechen oder Germanen einstmals tatsächlich bevölkert hat, bleibt auch nach der Lektüre von Maccobys eigenwilliger Exegese ziemlich zweifelhaft. Eher hat es den Anschein, als gehöre der «heilige Henker» zu jenen dunklen Phantasmagorien der entlarvenden Vernunft, die zwischen den Textzeilen auch dann noch einen verdrängten Hintersinn wittert, wenn er längst entschwunden ist. Es verhält sich hier wie bei jeder Suche nach dem Unsichtbaren. Die einzige Spur, die sich aufspüren lässt, zieht sich durch die Phantasie des Interpreten.

maccoby-2.jpg

Gewiss ist Maccoby, seines Zeichens Professor für Judaistik in Leeds, ein gründlicher Kenner der Schriften und ihres historischen Kontextes. Dennoch vermag seine Version der biblischen Genealogien und Sagen kaum zu überzeugen. Auch der unendliche Prozess der Exegese kennt Grenzen der Plausibilität. Kain, der Brudermörder, erscheint unversehens als Urvater Adam, der Mord an Abel als rituelles Opfer, angerichtet zur Feier des ersten Zeitalters der Menschheit. Lamech avanciert zu einem Doppelgänger Noahs, der seinen Sohn abschlachtet, um nach der Sintflut die zweite Runde der Gattungsgeschichte einzuläuten. Und die Beschneidung von Moses‘ Sohn interpretiert der Autor nicht als Begründung eines Initiationsritus, sondern als Ersatz für das Opfer des Erstgeborenen.

maccoby-3.jpg

Dezidiert zieht Maccoby eine Trennlinie zwischen Judentum und Christentum. Der versöhnliche Dialog zwischen den Religionen ist seine Sache nicht. Der Mythos des Kreuzigungsopfers, so seine Ansicht, wiederholt nicht die Sage von Abraham und Isaak, sondern entnimmt seine Hauptmotive den hellenistischen Mysterienreligionen. Die Vorstellung einer Gottesgestalt, deren Tod alle Verworfenen reinigt, um alsbald in aller Herrlichkeit wiederaufzuerstehen, hat mehr mit phrygischen und syrischen Fruchtbarkeitskulten gemein als mit dem Judentum. Obwohl seit je der Häresie verdächtig, ist diese religionshistorische These Maccobys weit triftiger als die Fabel vom heiligen Henker.“

maccoby-4.jpg

Das ist für mich alles hoch spekulativ. Kain als heiliger Henker! Maccobys Interpretationen von Opferriten sind so verkrampft anstrengend, dass sie nicht mehr plausibel und glaubwürdig klingen. Wozu macht er diese Anstrengungen? Um die Geschichte und die unerklärlichen Geschichten in sein theoretisches Korsett des Heiligen Henkers und der jüdischen Historie zu zwängen.

Widersprüche tun sich überall auf, weil Maccoby meist alle Bibelstellen wörtlich nimmt. Also so, als seien keine Varianten oder Überlieferungsfehler denkbar. Was will Maccoby eigentlich sagen? Was ist seine Motivation?

Es geht ihm um die Glorifizierung der Gründung eines Volkes, einer Rasse, einer Religion. Und als Werkzeug dienen ihm dubiose Übersetzungsversuche, seine eigenen obskuren Interpretationen von Bibelstellen (Genealogien! Darüber diskutiert man doch nicht!) und anderen Mythologien. Er greift heftigst Paulus und dessen Fehlinterpretation von Aussagen Jesus an und drückt gegen das Christentum ab, dass es nur so kracht. Warum denn, um Gottes Willen? Judas Ischariot wird als Bruder von Jesus umgedeutet, Thomas ist ein Zwillingsbruder von Jesus, (S. 206)… das ist alles ganz schwachsinnig und verdreht, man fragt sich wirklich aus welcher Haltung heraus er zu solchen Erfindungen und Überlegungen kommt. Wozu braucht er sie?

maccoby-5.jpg

Auf S. 224 redet er dann auch noch vom Göttermord, sowas macht mich gleich aggressiv: Einen Gott kann man nicht ermorden, das ist per definitionem nicht möglich. Worüber diskutieren wir denn eigentlich!?

Also bitte: Das kann man sich sparen.

Dieser Beitrag wurde unter B veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar