Pamuk – Das neue Leben

Damit kam ich gar nicht klar: Orhan Pamuk „Das neue Leben“ Roma. Aus dem Türkischen von Ingrid Iren. Frankfurt (Fischer) 1998 / 2004. In der kleinen TB Ausgabe € 10,00. 470 Seiten.

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Schon als es um ein „Buch“ ging, das das Leben von allen verändert, hatte ich ein schlechtes Gefühl. Dann aber geht das übliche Durcheinander von Schlaf und Wach und Träumen und Realität los, dem ich nie folgen kann.

Es sind endlose Busfahren und Busunglücke, die das Buch prägen. Liebes- und Sterbeszenen im Bus.

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Die NZZ schreibt dazu:

Neue Zürcher Zeitung
Illusionen vom neuen Leben

Ein Roman von Orhan Pamuk

Orhan Pamuk ist ein Gratwanderer, der nicht nur den eigenen türkisch-islamisch-orientalischen Blickwinkel genau kennt, sondern auch den westlich-amerikanisch-europäischen, und als Schriftsteller den einen für den anderen zum Massstab nimmt. Er beherrscht die Kunst der Anspielung, wie seine Kollegen zur Zeit der Hochblüte osmanischer Dichtkunst, und gleichzeitig ist er mit allen Wassern moderner Erzähltechnik gewaschen, ohne sie aber so in Anspruch zu nehmen, dass das zu Erzählende darin ertrinkt.

Geboren 1952 und aufgewachsen in Istanbul, wo Pamuk nach einem mehrjährigen Amerika-Aufenthalt wieder lebt, gilt er als einer der bedeutendsten Prosa-Autoren der zeitgenössischen Türkei. Im Gegensatz zu Yasar Kemal, dem Dichter Anatoliens und der Anatolier – auch wenn sie nach Istanbul gezogen sind –, spricht Pamuk in seinen Romanen mit der Stimme der Grossstadt, auch wenn diese in «Das neue Leben» bis weit nach Anatolien hinein zu hören ist.

Entseelte Dinge

«Eines Tages las ich ein Buch, und mein ganzes Leben veränderte sich.» Mit diesem lapidaren Satz, einer Art Erleuchtung, beginnt der neue Roman, übrigens nach «Die weisse Festung» und «Das schwarze Buch» das dritte auf deutsch erschienene Werk Pamuks. Osman, der Protagonist und Ich-Erzähler, macht sich auf den Weg und folgt der Spur des «Buches», die ihn zunächst zur engelsgleichen Mitstudentin Canan und zu deren Freund Mehmet führt, die das «Buch» ebenfalls gelesen haben. Es folgen Autobusreisen durch ganz Anatolien, bei denen erst Canan Mehmet folgt, dann Osman Canan; nachdem er sie gefunden hat, folgt er wiederum Mehmet, den er tötet, worauf er Canan endgültig verliert.

Osman kehrt schliesslich, aller Illusionen beraubt, in ein bürgerlich-städtisches Leben zurück, bis er dann noch einmal aufbricht, um den Mann zu suchen, der einst Bonbons mit dem Aufdruck «Das neue Leben» und dem Abbild eines Engels herstellte. Er findet ihn in einem utopisch anmutenden, abgelegenen Dorf, wo er der alles überschwemmenden Warenflut der «entseelten Dinge» entkommen ist. Allerdings ist er erblindet und offensichtlich nur als Blinder imstande, sich dem Terror des Konsums in einer immer stärker entfremdeten Welt zu entziehen.

Auf der Rückreise begegnet Osman dem Engel des «Buches». Die Begegnung ist tödlich, der «Unfall», je nach Lesart, eine Art unio mystica – ein «Entwerden», wie der entsprechende Terminus in der islamischen Mystik heisst – oder aber auch Symptom jener hoffnungslos dem Unfall zustrebenden Übermotorisierung und Technisierung, die auch vor den hintersten Winkeln Anatoliens nicht haltmacht.

Pamuks Roman kann auf verschiedenen Ebenen gelesen werden: zum Beispiel auf derjenigen der mystischen Reise, eines gängigen Motivs der spirituellen türkischen Literatur, auf der er formal den Stufen des Weges der Gottesliebe folgt (der Name Canan steht nicht nur für die Geliebte, sondern auch für Gott), aber genausogut auf derjenigen der sozialen Realität des Landes. «Das neue Leben» steht darüber hinaus für eine Variante des Orient-Okzident-Themas, das sich durch alle Romane Pamuks zieht und um die Schwachstellen der heutigen Lebensform kreist, zu deren Komponenten Gewalt und Paranoia zählen: eine Gewalt, die auf Unterdrückung, Reglementierung und den Entzug demokratischer Rechte reagiert, und eine Paranoia, die aus einem Bruch in der Entwicklung resultiert. So glaubt Mehmets Vater, Dr. Narin, an eine «Grosse Verschwörung» des Westens zur «Entseelung der Dinge», der er mit einer «Grossen Gegenverschwörung» die Stirn bieten will, wobei er auch vor terroristischen Handlungen nicht zurückschreckt. Denn – wie eine der Figuren es gegen Schluss des Romans als Fazit formuliert –:

Heute sind wir die Verlierer. Der Westen hat uns geschluckt, zertreten, überfahren. Bis in unsere Suppe, unser Zuckerzeug, unsere Unterhose sind sie eingedrungen, haben uns fertiggemacht. Aber eines Tages, eines Tages nach tausend Jahren werden wir diesem Komplott ein Ende bereiten und sie aus unserer Suppe, unserem Kaugummi, unserer Seele herauszerren und Rache nehmen.

Solche Lesarten bilden jedoch stets nur einzelne Aspekte dieses vielschichtigen Buches ab, dessen Ebenen erst in ihrem ständigen Ineinandergreifen das ungemein dichte Gewebe erzeugen, das diesen Roman auszeichnet.

Vieldeutigkeit und Detailtreue

Denn gerade Pamuk weiss um die Unentflechtbarkeit der Dinge. Er ist ein genauer und äusserst zuverlässiger Beobachter der Alltagskultur und ihrer Manifestationen, was er schon in seinem grossen Istanbul-Roman «Das schwarze Buch» mit Bravour bewiesen hat. Wie kaum ein anderer kennt er die Geschichte gegenseitiger Beeinflussung von Orient und Okzident und versteht es, sie zu deuten. So gesehen können die Züge des Engels aus dem «Buch», über dessen tatsächlichen Inhalt der Leser nie etwas erfährt, nicht nur vom «Blauen Engel» der Marlene Dietrich oder aus Rilkes Duineser Elegien, von persischen Miniaturen, dem Werk des Dichters Ibn Arabi und aus dem Koran hergeleitet werden, sondern auch vom Wunschengel einer Zirkus-Tombola, aber natürlich auch vom Aufdruck jenes Bonbonpapiers, das Osman aus seiner Kindheit kennt. Sogar «Das neue Leben» erscheint in changierenden Bezügen, die sowohl auf Dante als auch auf türkische Comics und Zuckerzeug von gestern verweisen.

Die Aufmerksamkeit, mit der Osman der Spur des «Buches» folgt, lässt ihn eine Chronik der Gegenstände des täglichen Lebens erstellen, die mehr über die Gegenwart der Türkei aussagt als alle Spekulationen über das Wesen und den Inhalt des «Buches», das immer mehr zum Synonym für das Leben selbst wird. Auch dass Osman das Buch als für ihn geschrieben empfindet, ist nicht von ungefähr. Sein Autor war ein Freund seines Vaters, ein Eisenbahninspektor, aus zwielichtigen Gründen Opfer eines nie aufgeklärten Mordes, und – im Gegensatz zu Dr. Narin – Atatürk-Anhänger, also ein laizistischer Fortschrittsgläubiger, der die Entwicklung Anatoliens mit der Errichtung eines Eisenbahnnetzes gleichsetzte und keine Bildergeschichten für Kinder schreiben wollte, in denen nicht wenigstens eine Eisenbahn vorkam.

Auch dieses Detail ist nur ein weiterer Stein im Mosaik einer von allen Orientalismen entkleideten Türkei, wie sie dem westlichen Leser, der bestimmte Vorstellungen hegt, nicht unvertrauter entgegentreten könnte. Gerade darin besteht aber der Reiz dieses Romans: dass er allen gängigen Erwartungen widerspricht, keine erschöpfenden Erklärungen bietet und die Vieldeutigkeit nicht zum Selbstzweck erhebt beim Versuch, über das Leben zu reden, das alte und das neue: auch wenn er sich – im Gegensatz zu dem «Buch», von dem so oft die Rede ist – nicht mit dem Leben gleichsetzen lässt.

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Und dabei lassen wir es bewenden.

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