Oates – Zombie

Ein ziemlich brutales Buch:

Joyce Carol Oates „Zombie“ Stuttgart, München (DVA) 2000. 211 Seiten, aus dem Amerikanischen von Renate Orth-Guttmann. Gibt es für ein paar euro gebunden oder als Taschenbuch beim Antiquar.

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Ja, es geht im einen Serienkiller.

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Und um die Menschen um ihn herum, die alle wegsehen wollen.

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Amazon schrreibt als Klappentext:

„Joyce Carol Oates ist ein Phänomen! Ihre geradlinige Prosa und ihre geradezu manische Beschäftigung mit entsetzlichen Ereignissen und krankhaften Bewusstseinszuständen weisen sie als moderne Repräsentantin der Gothic Novel aus. Damit dürfte sie eigentlich bei der gehobenen Literaturkritik keine Chance haben, doch es gibt wenige zeitgenössische Autoren, die ähnlich viele positive Rezensionen und Literaturpreise einheimsen konnten.

Der vorliegende Roman ist keine Ausnahme: Darin nimmt Oates sich der wahren Geschichte des Serienmörders Jeffrey Dahmer an, der seine Opfer bekanntermaßen sorgsam zerlegt hat und sich sogar als Menschenfresser versuchte. In Zombie erhält der Leser Einblick in das Gehirn eines vergleichbar „entarteten“ Menschen. Ein einziger dramatisierter Monolog erzählt die Geschichte des 31-jährigen Quentin P., der als Sohn einer Akademikerfamilie in einer Universitätsstadt in Michigan aufgewachsen und gerade wegen eines homosexuellen Vergehens zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden ist.

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Nicht alle seelischen Nöte Quentins sind ungewöhnlich und gesellschaftlich teilweise durchaus akzeptabel: Er mogelt sich um diverse Therapieversuche herum und verbringt sein Leben in einem Nebel aus Alkohol und Drogen. Eine weit verbreitete Verhaltensweise von Großstadtbewohnern erhebt er zur Religion: Schau nie jemand in die Augen. Doch dann treibt er es zu weit. Er richtet sein ganzes Streben darauf, einen Zombie zu erschaffen, ein geistloses, ihm völlig ergebenes Wesen, das sowohl seine sadistische Ader wie auch sein Bedürfnis nach Liebe befriedigt. Zu diesem Zweck greift er schon einmal zum Eispickel, und Oates seitenlange Schilderungen können es an Unbarmherzigkeit problemlos mit American Psycho aufnehmen.

Wie auch bei American Psycho stellt sich hier die Frage, ob der Roman mehr bietet als Gewaltorgien für ein voyeuristisches Publikum. Sieht man genauer hin, wird unter der oberflächlichen Darstellung eines kranken Individuums die Pathologie einer ganzen Gesellschaft sichtbar. Durch geschickte Verweise auf den Umgang von amerikanischen Wissenschaftlern mit Kranken und Behinderten in den 40er- und 50er-Jahren wird Quentins Suche nach dem perfekten Zombie zu einer Parabel auf den genormten Menschen. Entsprach damals jemand nicht der Norm, wurde er schon einmal mit Radioaktivität behandelt oder irreversiblen Gehirnoperationen unterworfen. Auch die moderne, therapeutische Gesellschaft weiß sich im Umgang mit Quentin P. nicht zu helfen — niemand wird einem Urteil unterworfen, die Gleichheit aller Menschen ist zum Dogma geworden.

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Zombie ist ein meisterlich geschriebenes und in seiner Sozialkritik erfrischend bösartiges Buch einer Autorin, die sich der Stilmittel der Horrorliteratur auf respektvolle Art und Weise bedient. Joyce Carol Oates lehrt uns das Grauen und schürt Funken in unserem Gehirn — eine seltene Kombination. –Hannes Riffel

Kann man lesen.

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Man wird ein ganz neues Bild von Eispickeln bekommen.

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