Jan Hölzgen und Adelheit

A: „Guten Abend, mein Lieber.“

J: „Da bist Du also wieder.“

A: „Ja, da bin ich wieder. Erstaunt Dich das?“

J: „Ich hatte Dich kaum noch erwartet. Und wie war es dort unten?“

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A: „Es war – atemberaubend.“

J: „Atemberaubend – so! Ich habe also recht gehabt.“

A: „Du? Du hast mir ja nichts erzählt. Aber vielleicht hast Du darin recht gehabt, dass es sich nicht beschreiben lässt.“

J: „Und weißt Du auch, wie lange Du fort warst?“

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A: „Mir ist, als sei ich gestern erst hinabgestiegen. Aber auf Deinem Tisch stehen keine Rettiche mehr. Es muss also länger her sein.“

J: „Es sind beinahe 4 Wochen.“

A: „Vier Wochen! Das kann doch nicht sein. Es kommt mir vor, als sei ich die ganze Zeit gelaufen.“

J: „Aber es hat Dich, wie ich feststelle, nicht ermüdet.“

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A: „Im großen Innenhof habe ich mich ein paar Minuten hingesetzt. Oder zumindest: es schienen mir nur ein paar Minuten zu sein. Vielleicht waren es aber auch Tage.“

J: „Wo war das?“

A: „Im großen Innenhof, im zweiten. Unter den Säulen. Erinnerst Du Dich nicht?“

J: „Die Erinnerung schwindet. An Säle erinnere ich mich. Auch an Säulen, aber nicht an Höfe.“

A: „Aber ich habe es nicht lange ausgehalten. Es war zu still.“

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J: „Die Stille erschien mir eben das Wunderbare.“

A: „Wunderbar, aber unheimlich. Beim Gehen habe ich wenigstens meine Schritte gehört.“

J: „Ja, man fühlt sich einsam dort unten. Aber das ist auch wieder das Großartige daran.“

A: „Vielleicht sollten wir noch enimal zusammen hinuntergehen!“

J: „Du willst wieder hinunter?“

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A: „Du nicht?“

J: „Doch – doch, ich hatte die Absicht, einmal wieder hinunterzugehen.“

A: „Ich komme mit. Wann wollen wir gehen?“

J: „Wann Du willst. Aber – würdest Du denn den zweiten Eingang finden?“

A: „Den zweiten Eingang? Woher weißt Du, dass ich…? Wir können doch durch die Höhle im Rettichbeet gehen, – oder nicht?!“

J: „Das können wir nicht.“

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A: „Du meinst, Du hast…?!“

J: „Ich habe sie zugeschüttet.“

A: „Also doch! Ich habe also recht gehabt. Ich wusste, dass Deine Versperchen nicht viel wert sind!

J: „Ich habe sie länger als drei Wochen offen gehalten.“

A: „Das glaube ich Dir nicht.“

J: „Du kannst Lattmann fragen.“

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A: „Du nennst Deine Zeugen zu schnell, mein Lieber! Hat er das Loch drei Wochen offen gesehen?“

J: „Ich weiß nicht, ob er es gesehen hat. Vor drei Tagen habe ich ihm gesagt, er solle es zuschütten, wenn er mit den Obstbäumen fertig sei. Gestern Abend hatte er es noch nicht zugeschüttet. Da habe ich es selber getan.“

A: „Warum?“

J: „Ich wollte Spinat säen.“

A: „Du wolltest Spinat säen!“

J: „Nach beinahe vier Wochen durfte ich gewiss sein, dass Du nicht zurückkehren würdest, zumindest nicht durch dieses Loch. Und ich habe recht gehabt.“

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A: „Natürlich hast Du recht gehabt. Ich hätte ja auch gar nicht durch dieses Loch hinaufkommen können, da es zugeschüttet war.“

J: „Du hast es ja gar nicht versucht.“

A: „Woher weißt Du das?“

J: „Wenn man durch alle Räume des Palasts gegangen ist, ist man am zweiten Eingang. Hättest Du diesen Ausgang versucht, so wärest Du noch lange nicht zurück. Im übrigen bezweifle ich, ob Du überhaupt im Palast warst.“

A: „Wollen wir Erinnerungen austauschen?“

J: „Würdest du den zweiten Eingang finden?“

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A: „Ich werde es versuchen. Auch als ich heraustrat, war es dunkel.“

J: „Morgen werden wir es zusammen versuchen.“

A: „Jetzt glaubst Du mir nicht, dass ich im Palast war.“

J: „Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht glaube, sondern dass ich es bezweifle. Aber ich stelle fest dass Du inzwischen mir glaubst, dass ich im Palast war.“

A: „Ob Du wirklich unten warst, weiß ich nicht. Aber ich habe mich überzeugt, dass es ihn gibt.“

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J: „Hätte ich Dir nicht davon erzählt, so hättest Du Dich nie überzeugt.

A: „“Sieh da!“ sagte der Blinde zum Sehenden, „ein Löwe!“ Und der Sehende sah tatsächlich einen Löwen. „Woher weißt Du, dass dort ein Löwe ist?“ fragte der Sehende den Blinden. „Ich habe ihn mir erträumt“ sagte der Blinde. – Vielleicht hast Du geträumt, und ich habe gesehen.“

usw usw usw (Hildesheimer, „Unter der Erde“)

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