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Archive für 9.4.2008
Dürr - Nacktheit und Scham
9.4.2008 von Heiner.Eberle.
Das ist kein Erotikroman oder Schundliteratur oder so, sondern Ethnologie und Kulturgeschichte. Ehrlich:
Hans Peter Dürr „Nacktheit und Scham – der Mythos vom Zivilisationsprozess“ Band 1, Frankfurt (Suhrkamp TB) 515 Seiten, € 14,–
Von den 515 Seiten sind übrigens 334 Seiten Text und Bildmaterial, der Rest sind - zumeist ebenso lesenswerte – Anmerkungen zum Text, Fundstellen und weitere Belege.

Dürrs Lebenswerk, die Widerlegung des Mythos vom Zivilisationsprozess umfasst außer dem ersten Band, den ich jetzt endlich fertig gelesen habe, die folgenden: „Intimität“, „Obszönität und Gewalt“, „Der erotische Leib“ und den letzten: „Die Tatsachen des Lebens“.
Und ja. Es macht erstens Spaß, sich in den Beschreibungen und Beispielen aus aller Herren Länder und Kulturen einzulassen und die Entwicklung (so sie denn eine war) des Umgangs mit der Nackedei und des Gefühls der Scham in den letzten paar tausend Jahren – sofern sie überliefert war – zu verfolgen.
Und - zweitens - ja: HP Dürr ist besessen. Seine Belegstellen sind unerschöpflich. Seine Akribie und Detailversessenheit ebenfalls. Jedes Kapitel hat mindestens 50 Fußnoten und Anmerkungen, die die Beschreibungen nachweisen. Und die Bibliographie dieses ersten Bandes umfasst allein 40 Seiten (bei 2 Zeilen pro Quelle, wenn man es genau wissen will.)

Was will HP Dürr uns sagen?
Er will vor allem etwas richtig stellen. Dürr bestreitet vehement die These von Norbert Elias, der wissenschaftlichen Kapazität der Kulturwissenschaften, dass sich „Kultur“ nach und nach entwickelt hat und vor allem in westlichen Zivilisationen vorherrschend ist. Im Prinzip kritisiert er das Verständnis von „Kultur“, das Elias hat.
Damit kämpft Dürr auch gegen die Begründungen kolonialer Eroberungen, Ausbeutung und Arroganz, die sich damit rechtfertigen, dass die nicht-zivilisierten Völker ja erst auf die Stufe der zivilisierten Kulturen gehoben werden müssen. Dass sie also etwas Gutes tun und sind.

Dürr tut das in mehreren Stufen. In diesem ersten Band beweist er mit ca. 1 Million Belegen und Fundstellen, dass „Nacktheit und Scham“ – laut Elias ein Kriterium der entwickelten Kulturen – schon seit tausenden von Jahren und in allen Kulturen so etwas wie ein „Tabu“ sind und waren. Und mitnichten Erfindungen der westlichen, entwickelten Welt. Dass man also nicht an der Entwicklung des Umgangs mit Nacktheit und Scham den „Fortschritt der Zivilisation“ erkenne könne, wie Elias sagt.

Das tut er in Kapiteln, die an Deutlichkeit und Saftigkeit nichts zu wünschen übrig lassen:
Ein paar Ausschnitte aus dem Inhaltsverzeichnis:
§1: Der nackte Held im alten Griechenland
§2: Der nackte Ritter
§3: Die mittelalterliche Badestube
§4: Die mittelalterlichen Wildbäder
§7: Nacktheit in Russland, Japan und Skandinavien
§8: Der nackte Blick
§9: Der nudistische Blick
§11: Die Scham im Bett
§13: Der heimliche Ort und der Kackstuhl
§14: Urinieren, Defäkieren und Furzen in der eigenen und der fremden Kultur
§15: Die Entblößung vor Dienern, Sklaven und Ehrlosen
§16: Der Henker und die Hexe
§17: Die Entblößung als Strafe
§21: Der Nachweis der Impotenz und die öffentliche Kopulation

Wie gesagt: Das ist nicht pubertärer Unfug, sondern eine ernsthafte wissenschaftliche Arbeit, aber auch ein netter Spaß.
Dürr machte sich mit diesem Frontalangriff nicht nur Freunde.
Das kann man nachlesen z.B. in einem Zitat aus dem 2. Band „Intimität“, das die heftige Auseinandersetzung zwischen Dürr und den Kritikern, den Anhängern Elias’ illustriert. (S. 366)
Dürr zitiert dort Rezensionen, die „durch ihre besondere Dreistigkeit aufgefallen sind“, unter anderem einen „anonymen Heckenschützen“, der ihn in der „taz“ unfair behandelt hat. Dürr schreibt: „Dass die taz mein Buch von einem Analphabeten rezensieren lässt, der keinen Namen hat, mag ja noch angehen. Dass es sich dabei auch noch um einen Blinden handeln muss (…) halte ich indessen für übertrieben.“ (Der Kritiker hatte die Bilddarstellungen (wissentlich?) übersehen und im Text unterschlagen.)

Und Dürr legt noch einen drauf:
„Den ungeheueren Niveauunterschied, den Elias von so manchem Tölpel trennt, der sich heute zu seiner Verteidigung aufgerufen fühlt, führt sehr gut Michael Rutschky vor, der in seiner dumm-frechen Rezension (…) meint, dass wir den Zivilisationsprozess „hier und jetzt bei jedem Kinde beobachten können“ und dass dieser Prozess doch „deshalb“ (!) über das Kollektiv in seiner Geschichte abgerollt sein muss“

Und zum Schluss (S. 367)
„Versuchen der „taz“-Rezensent und Rutschky wenigstens noch den Anschein einer Argumentation zu erwecken, haben sehr viele Kritiker von vornherein darauf verzichtet, diesen Eindruck hervorzurufen, so etwa Jürgen Frey in der Badischen Zeitung vom 26. Juli 1988, der nur noch mit Schaum vor dem Mund bellt.“

Also sehr zu empfehlen. Wissenschaft kann saftig und erkenntnisreich sein.
Auch übrigens sehr schön: „Traumzeit“ von HP Dürr.
(Aber Achtung: Es gibt noch einen anderen Hans Peter Dürr, der ist Physiker, glaube ich. Bitte nicht verwechseln.)

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