Philip Bethge - Die Knoblauchprobe 1
Teil des jährlichen Frühlingsfestes in der Stadt W. war die Eroberung der Knoblauchknolle.

Jahrzehntelang hatte dieser Brauch schon gegolten und sollte auch noch weiterhin gelten, weil er so beliebt bei den Bürgern der Stadt W. war.
Wer es schaffte, den Strunk der Knolle zu erobern und heil wieder nach Hause zurückkehrte, wurde in den Orden der Knoblauch-Brüder aufgenommen.
Und viele Privilegien der Stadt W., wie zum Beispiel das kostenlose Fahrradmieten, wurden ihm zur Verfügung gestellt und konnte er nutzen. Ganz wichtig: Er durfte die schönste Frau aus dem Model-Wettbewerb, der immer an Ostern herum ausgetragen wurde, heiraten.
Die Knolle Knoblauch war dieses Jahr besonders aktiv. Schon seit Tagen war sie unruhig gewesen. Man sah und hörte förmlich die Zehen unter der pergamentartigen Haut kratzen und scharren. Das würde kein leichter Gang für Herrn Bethge werden.

Dieses Jahr hatte sich Philip Bethge, ein Journalist aus dem Technikresort des örtlichen Nachrichtenmagazins für die gefährliche Eroberung beworben und sich aufgrund seiner literarischen Kenntnisse über Eroberungsfahrten, Kreuzzüge und Seeabenteuer gegen starke Konkurrenz durchgesetzt.

Sorgfältig sondierte er das Gelände und suchte nach dem besten Einstieg. Er hatte keinerlei Hilfsmittel mitgebracht. Nicht einmal einen Spieß oder dergleichen Waffe, um sich gegebenenfalls gegen eine Attacke der Knolle zur Wehr setzen zu können.

Jetzt sah er seine Chance und wusste, wie er es anstellen sollte. Über die Südflanke. Und das klappte auch ganz hervorragend.

Zufrieden schaute er hinunter und sah in der Ferne die jubelnden Bürger der Stadt W. Unter ihnen glaubte er auch Rafaela Hackenbroch zu erkennen, die Gewinnerin des diesjährigen Model-Wettbewerbs und – sollte das hier klappen – seine zukünftige Ehefrau.

Doch noch war er nicht am Ziel. Der Strunk hatte es in sich.

Er war nicht nur steiler und glatter als die normale Knollenoberfläche, sodass man leicht ausrutschen und abstürzen konnte.

Er war auch das sensibelste Organ der Knolle. Wenn sie schlecht drauf war und spürte, dass sie von einem Fremdling belästigt wurde, konnte sie kräftig stinkende Säfte absondern, die in der Lage waren, Eindringlinge in kurzer Zeit bei lebendigem Leibe zu verdauen.

Doch dieses Mal schien alles gut zu gehen. Philip hörte von Ferne das Geschrei und den Jubel der Freunde und der Verwandten aus der Stadt.
(Fortsetzung und Ende folgen bald.)

































































