Irving – Witwe

Und also gleich das nächste Irving Buch hinterher:

John Irving „Witwe für ein Jahr“ Roman. Zürich (Diogenes)1999, von Irene Rumler ganz hervorragend übersetzt. Ganze 761 Seiten, als Taschenbuch € 12,90.

Ja, es wimmelt von Schriftstellern in dem Roman. Damit muss man sich abfinden oder anfreunden. Auch mit dem amerikanischen Verständnis der Schriftstellerei als „Beruf“ mit Karriere- und Erfolgsaussichten, den man auf Akademien und in Seminaren oder aus Büchern lernen kann. Nichts mit Romantik und so.

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Und bei Irving muss man sich natürlich daran gewöhnen, dass es immer wieder Unfälle, Verletzungen, Wunden gibt, die wehtun (Abgerissene Hände, üble Autounfälle, etc.)

Irving lässt sich auf den 760 Seiten sehr viel Zeit (die hat er ja auch), auch mit nebensächlichen Dingen, die er toll beobachten und grandios beschreiben kann.

Er hat viel Sinn für langsame Details, kann aber genauso gut die schnell geschnittenen Verfolgungsjagden (Mrs Vaughn und ihre Pornozeichnungen!) durch die Gärten der Vorstadtvillen. Das ist schon sehr filmreif.

Auch schön sind Begegnungen, die eigentlich zwangsläufig „zufällig“ passieren müssten und dann doch nicht zustande kommen. Um Haaresbreite z.B. in den Szenen „Bilderrahmenhandlung“ und parallel „Signierstunde“ in unmittelbarer Nähe, aber ohne Überschneidung.

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Ganz groß ist der Beginn des zweiten Teils. Rasant erzählt: Der Weg Eds, des Hauptakteurs, von der Kneipe in Manhattan durch den Regen, auf der Suche nach einem Taxi, dann nach einem Bus, dann nach dem Kleingeld, unter ziemlichen Zeitdruck, in den Saal, wo er seine Rede auf die erwachsene erfolgreiche Ruth halten muss. Das ist toll.

Und sehr intelligent konstruiert. Über 42 Seiten, während Ed seine Rede hält, beobachtet ihn Ruth aus der Kulisse und Schritt für Schritt anhand ihrer Bücher und der Anstöße des Schreibens wird ihr Leben der letzten 36 Jahre erzählt.

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Das Leben und Treiben der Schriftsteller muss man halt ertragen. Obwohl es eigentlich nicht interessant ist. Und dann werden immer wieder Beziehungen hergestellt zwischen dem, was die Autoren erlebt haben und dem, was sie geschrieben haben und natürlich sind auch alle Hauptfiguren in ihren Büchern wiederum Schriftsteller. Als ob es nichts anderes gäbe. Tankwart zum Beispiel, oder Beamter. (S. 315)

Themen ,die dann seitenlang bearbeitet werden: Das Signieren von Büchern, das Finden des Buchtitels, der Umgang mit Journalisten und Pressekonferenzen, Termine, die der Verlag veranstaltet, etc.

Hannah, die Freundin Ruths, ist übrigens auch Schriftstellerin.

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Irving hat immer wieder sehr starke Szenen. Z. B. als Ruth ihre Freundin im Bett mit ihrem (Ruths) Vater erwischt. Oder die Erinnerung an Ruths erste Autofahrt, bei der ihr ihr Vater erzählt, wie ihre beiden Brüder bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Das ist sehr dicht geschrieben.

Und ab Seite 449 geht es wieder um Schriftsteller. Die Autorin Ruth beschreibt in ihrem Tagebuch – während ihrer Vortragsreise durch Deutschland und Holland – die Idee ihres neuen Buches, in dem eine Schriftstellerin (die Hautfigur des Buches) mit ihrem Freund in einem Versteck dem Beischlaf eines Freiers mit einer Prostituierten beiwohnt.

Warum? Sagt er nicht. Ist nur eine Buch-Idee, die irgendwie „prickelt“. Dazu unternimmt Ruth in Amsterdam dann „Recherchen“.

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Aber dann wird es doch etwas absurd. Der Verehrer, der ihr in Amsterdam hilft und der neben ihr eine Nacht lang im Bett liegt, will was? Genau: Schriftsteller werden. Aber er hat ein Problem: Ich fallen keine Geschichten ein. (S. 506 ff). Hallo!? Kann das wahr sein?

Die Recherche im Rotlichtviertel in Amsterdam ist ziemlich naiv, ziemlich trottelig, tollpatschig, rücksichtslos, unverfroren, wie Amerikaner im Zoo oder so. Peinlich.

Ruth filtert dann alles, was sie sieht und erlebt, durch die Brille der Verwertbarkeit für ihr nächstes Buch. Daher kommen ihre Penetranz und die Scheuklappen. Realität kommt nicht an sie heran. Alles ist für sie nur „Material“ (S. 514)

Die Ausbrüche von Brutalität in dem Roman sind für meinen Geschmack vielleicht auch etwas zu überzogen, Ruth schlägt z.B. ihren Beinahe-Geliebten Scott mit dem Squash-Schläger krankenhausreif. Und die Beobachtung der Ermordung der Prostituierten aus unmittelbarer Nähe (Aus einem Schrank heraus) wirken sehr übertrieben brutal, wie völlig unberechenbare Gewaltausbrüche. (S. 530)

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Und im 3. Kapitel beginnt in einem ganz großen Erzählbogen die Geschichte um den Amsterdamer Polizisten, auf der Suche nach der Zeugin des Prostituiertenmordes.

Aber wie es der „Zufall“ und die Romankonstruktion wollen: Die „Lieblingsautorin“ des Polizisten ist Ruth Cole und nach der Lektüre ihres neuesten Buches kennt er die Geschichte des im Prostituiertenschrank versteckten Paares.

Dann, im Bett in Zürich liest der Polizist auch noch das Buch, das Ruths Mutter unter Pseudonym in Kanada geschrieben hat, ohne ihre Identität zu kennen. Zufälle gibt’s dann doch wieder sehr viele.

Ja also: ein ziemlich tolles Buch. Kann man gerne mal so weglesen. Wen diese Schriftsteller-inzestuösen Sachen nicht stören, nichts wie los und lesen!

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