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Archive für 9.2.2008
Weyh - Die letzte Wahl
9.2.2008 von Heiner.Eberle.
Dieses Buch hat auch Spaß gemacht: Es war ja auch die Zeit rund um die hessische Landtagswahl…
Florian Felix Weyh: “Die letzte Wahl - Therapie für die leidende Demokratie” Frankfurt am Main (Eichborn - Die Andere Bibliothek) 2007. 320 Seiten, € 27,50.
Das Buch ist voller spannender Überlegungen und neuer Ansätze. Die Rahmenhandlung ist einfach und klar. Eine Beamtin aus Berlin leidet an Angstzuständen, weil sie nicht weiß, wie es mit der demokratischen Verfasstheit in unserem Land weitergehen soll, sieht panischerweise keine Zukunftsaussichten mehr und wird an den penisionierten Therapeuten Dr. Mencken überwiesen, der ihr in 18 Sitzungen versucht, diese Ängste zu nehmen.

Im Stil medizinischer Protokolle oder Sitzungsberichte (”Pat. hält kurz inne, als laufe ihr ein Schauer über den Rücken. Fährt dann stockend fort…” oder: “Hochbegabt. Kein besonderes Vergnügen! Verwandelt die Therapie in ein Duell. Einmal erlebt - Kernphysiker mit Waschzwang - , enerviert nach 8 Monaten von meiner Seite abgebrochen.”) trocken und amüsant.
Ihre Angstzustände betreffen die Situation der Demokratie in unserem Land angesichts zurückgehender Wahl-Lust und Entscheidungsunfähigkeit der Politiker und dem Unvermögen, Alterativen zu entdecken, die der Republik wieder mehr Engagement zurückgeben könnten. “Epochenbruch-Angst” diagnositiziert der Therapeut.
Das Ziel der Überlegungen: Dem Wähler, dem Souverän, wieder mehr Macht zurückzugeben, die er zu lange den Parteien und den festsitzenden Parlamentariern überlassen hat.

Und während der Sitzungen macht sich der Therapeut also daran, unterschiedlichste Alternativen als “Heilungsversuche” mit der hochbegabten Patientin zu besprechen. Und das ergibt sehr unterhaltsame, witzige und lehreiche Dialoge, die so Schritt für Schritt zustande kommen. Sie machen Lust, über so “gesetzte” Dinge wie unser Wahlrecht völlig neu nachzudenken.
“Gewohnte” Abläufe und Bestimmungen versteht man plötzlich als eigentliche Hindernisse und Fehlleitungen: Nur als ein Beispiel: die Ortsgebundenheit eines Abgeordneten, die ja eigentlich immer schon fragwürdig ist, weil sie dem landesweiten Gemeinwohl nicht förderlich ist. (S. 88)

Auf Seite 115 diskutieren die beiden die schöne Idee der “Nein”-Stimmen auf einem Wahlzettel, die GEGEN eine Partei oder einen Politiker eingestezt werden kann und die damit einhergehenden Konsequenzen.
Auf Seite 151 findet sich - ebenfalls sehr anregend - eine Diskussion über “Stimmrechtserwerb”, bei dem politisch Interessierte das Recht, die Stimme abzugeben, “kaufen” (auch immateriell) können. Auch das ist bei näherem Hinsehen nicht ganz so abwegig, wie es sich anhört. Auch das “Verkaufen” von Stimmrechten fällt in diesen Zusammenhang.
Natürlich werden auch die Vorteile (und Nachteile) der direkten Demokratie (Schweiz etc.) behandelt und eine ganze Reihe merkwürdiger Dinge mehr:
Eventualstimmen, Bezugsmengengerechtigkeit, Wahlbeteiligungsmalus, Bildungszensus, Altersabschlag, Transfergeldzensus, Venzianische Stabilität, E-Voting und noch vieles anderes.
Auch wenn man von diesen Sachen bislang noch nie etwas gehört hat: Es macht Spaß, sich mal damit zu beschäftigen. Es ist nicht alles ganz abwegig.

Der Klappentext sagt dazu:
Mit der Demokratie kommen alle guten Dinge: Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Wohlstand. Eine gute Sache, meinen Präsidenten, Kanzler und Parteileute. Nur die Wähler finden das immer weniger und verlieren ihr Interesse. Denn vieles in unserem demokratischen Gemeinwesen funktioniert einfach nicht so, wie es sich seine Erfinder vorgestellt haben. Und warum tut niemand was dagegen? In einem zugleich beunruhigenden wie inspirierenden Dialog machen sich eine verängstigte und frustrierte Bürgerin sowie ein couragierter und erfahrener Analytiker auf die Suche nach Heilmöglichkeiten für unsere kränkelnde Demokratie. Was ihre Diagnose zutage fördert, bestätigt schlimmste Befürchtungen. Aber ihre Therapievorschläge haben es in sich. Eine erhellende und vergnügliche Reise auf der Spur einer zeitgemäßen Form der »besten aller schlechten Staatsformen«.
Geschrieben in Joe, Bücher, Allgemein | Drucken | Keine Kommentare »