Augustin – Die Schule der Nackten

Entwicklungsroman, Reisebericht und Beschreibung eines heimlichen Soziotops, folgt der Roman „Die Schule der Nackten“ territorialen Eroberungen auf der Liegewiese in der Größenordnung von Alexanderzügen, entrollt ein Drama auf Leben und Tod um die schönhüftige Juliane, die ebensogut im frühen Ninife wie in altindischen Tantrakulturen ihren Platz gefunden hätte. Und letzthin findet. Ein leidenschaftlich grimmiges Epos voller Heiterkeit, und das Ganze auf höchst begrenztem Raum unter dem sommerlichen Glockengeläut Münchens.“ (amazon)

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Wer ist Ernst Augustin?

Ernst Augustin, geboren 1927 in Hirschberg/Riesengebirge, Arzt, Neurologe und Psychiater, jahrelang in Afghanistan tätig, später als psychiatrischer Gutachter in München. Autor einer Reihe von Romanen, u. a. »Der Kopf« (1962), »Raumlicht« (1976), »Der amerikanische Traum« (1989) und »Mahmud der Bastard« (1992). Zuletzt erschienen: »Der Künzler am Werk« (2004). Ernst Augustin wurde für sein literarisches Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. (ebenfalls amazon)

Es geht also um dieses Buch hier:

Ernst Augustin: „Die Schule der Nackten“, Roman. München (C.H. Beck) 2003 oder als Taschenbuch bei dtv, 2005. 255 Seiten, € 9,–.

Jetzt ist ja schon fast alles gesagt: Ein alter Mann am Münchener FKK Badestrand.

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Im 1. Kapitel schafft es der alte Mann, Historiker von Beruf, schon ins Becken.
Im 2. Kapitel behandelt er die Unterschiede der Geschlechtsorgane zwischen Männern und Frauen. Zwangsläufig.
Im 3. Kapitel erkämpft er sich einen Platz in der ersten Reihe am Becken.
Im 4. Kapitel betrachtet er nahe liegende Frauen und deren Geschlechtsteile. Seine Handtuchnachbarin Margot ist empört.
Im 5. Kapitel beobachtet er fasziniert nackte Leiber, vorzüglich die älterer Damen mit ihren Millionen Falten, bei Einölen. Ein Zirkusartist („Untermann“) taucht auf, der gewohnheitsmäßig „Spanner“ erkennen will und sie lauthals diffamiert. Ein Konflikt ist vorprogrammiert und das wird auch überraschend enden
Im 6. Kapitel gibt es Fön in München und ein morgendlicher Badegast mit einer Erektion.
Im 7. Kapitel begegnet er der dünnen beglückenden Schönheit Juliaana (mit 2 a).
Von ihr wird er im 8. Kapitel in ihre Tantra Gruppe eingeführt.
Und dann nimmt das Unheil seinen Lauf.

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Ab dem 9. Kapitel wird es lustig aber auch etwas einfach komisch. Es geht um die verschrobenen Tantra Jünger, über die man sich leicht lustig machen kann, um ein „Schwanzduell“ mit einem der Tantra-Kollegen Juliaanes, und um die Teilnahme an einem Tantrakurs, von dem der 60jährige Historiker von vornherein weiß, dass der in die Hose gehen wird, aber er muss natürlich wegen seiner Angebeteten teilnehmen.

Um ihr oder seinem Rivalen (der aus dem „Schwanzduell“) zu beweisen, dass das ganze Tantragetue entweder Blödsinn ist oder er damit gar kein Problem hat. Oder beides. Vielleicht erwartet er sogar, er könne noch etwas Neues lernen. Jedenfalls muss der Versuch zwangsläufig schief gehen. Und das tut er dann auch. Lustig ist das schon. Vielleicht etwas platt, aber es geht schon.

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Eine ähnliche – schärfere – Situation hat Augustin in „Eastend“ eingebaut, dort geht es um eine Männergruppe, vor der der Erzähler zügig die Flucht ergreift und nach England verschwindet. Der klassische Psychiater Augustin hat mit solchen „Psychosachen“ wohl ein grundsätzliches Problem.

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Aber außer dem Klamauk und den aufkommenden Mordgedanken im Tantralager: Man liest sehr schöne Einsichten z.B. über die Äußerungen und Ausprägungen von Drama und Tragik eines Lebens in ihrer Nacktheit. (Frau Fettner auf Seite 211 z.B.) Und vieles anderes mehr.

Und zum Schluss kommt es noch zu einem relativ extravaganten Mordversuch. Der natürlich schief geht.

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Das schreibt Perlentaucher dazu (zitiert nach amazon):

Buchnotiz zu : Die Zeit, 09.10.2003
Warum gab es bisher noch keinen Roman über die Freikörperkultur?, fragt Jan Bürger, und er gibt die Antwort gleich selbst. Weil, damit es nicht „peinlich“ wird, erst jemand wie Ernst Augustin kommen musste, um sich des „heiklen Themas der Nacktheit“ anzunehmen. Unser Rezensent kann dieses „moralferne Lehrstück über die Haut, die Vergänglichkeit und die Leidenschaft alter Männer“ gar nicht genug loben. Für ihn ist Augustin ein Autor mit unverwechselbarem Tonfall, eine Mischung aus Gottfried Benns „anatomischem Blick“ und dem „Humor“ Loriots. Augustin erzählt in seinem Roman die Geschichte eines alten Mannes, der in seiner Nachbarschaft ein Schwimmbad mit FKK-Abteilung entdeckt und sich dort in eine junge Frau verliebt, fasst Bürger die Handlung zusammen. Er rühmt das Buch für seine gelungenen Dialoge, seine kühne, formal und stilistisch grandiose Erzählweise und preist es hingerissen als einen literarischen „Glücksfall“
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Ein schönes Buch. Bitte lesen.

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