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Archive für 16.1.2008

Maeda - Simplicitiy

Ich wollte eigentlich keine so langen Buchbesprechungen mehr schreiben, aber das hier wird voraussichtlich wieder so etwas ausführliches.

Es ist ein Buch, auf das mich die lieben Kollegen hingewiesen haben (und schon wieder was Japanisch-Verwandtes. Seltsam…):

John Maeda: „Simplicity – Die 10 Gebote der Einfachheit“, aus dem Englischen von Sebastian Vogel. München (elsevier, Spektrum Akademischer Verlag) 2007. Nur 102 Seiten, gebunden, € 16,–.

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Von dem Buch sind alle begeistert. Der Rückseitentext zitiert begeistert Herrn Tessenow, einen Architekten, arte, die SAP Design Guild (was ist denn das?) und „Phlow“, das „Magazin für Musik und Netzkultur“.

Und der Verlag sagt „ „Simplicity“ ist der Rettungsanker in einem Meer immer komplexer werdender Prozesse und zunehmend unüberschaubarer Funktionalitäten.“ Große Worte.

„Wie soll man einen klaren Kopf behalten in einer Welt, die immer komplexer wird?“ fragt der Klappentext. Und damit rennt er natürlich offene Türen ein. Obwohl ich das MIT Media Lab und andere technisch fortgeschrittene Institutionen verdächtige, dass ihnen bisher ein „Mehr“ an Funktionalität immer besser erschien als ein „Weniger“. Aber die „Reduktion von Komplexität“ beschäftigt natürlich Universitätsprofessoren, Verhaltenswissenschaftler, Soziologen, Psychologen, Ergonomen und Industriedesigner seit zig Jahren.

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Es gab immer schon die unterschiedlichen Auffassungen und Philosophien: aus Japan (mehr ist besser: Meine alte Mitsubishi Fernbedienung, sag ich bloß!) und z. B. Deutschland (aufs knappste reduziertes Design bei Fernseher und Fernbedienung von Loewe, die ganze Tradition aus Dessau, Dieter Rams und so weiter), von BMW (mehr Technik / Funktionen und Bedienelemente sind besser) und Mercedes (weniger sichtbare Technik ist besser).

Und es gab schon in den 80er Jahren von Frogdesign den Ansatz, vom Benutzer und von der Verwendung her die Form eines Produktes zu entwickeln und dann die Ingenieure die Technik dort hinein konstruieren zu lassen, anstatt umgekehrt, wie es immer und bis heute geschieht, um ein technisches Ingenieurs-Konstrukt herum eine möglichst handhabbare Hülle zu designen.

Aber all diese Gedanken werden nicht so ausführlich diskutiert in dem Buch von Maeda.

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Sein Text kommt eher wie eine freundliche Plauderei daher. Gerne würde man mit ihm darüber diskutieren. Ihm recht geben, ihm andere Beispiel zeigen (s.o.), weil einen das Thema natürlich auch beschäftigt. Jeder hat seine eigenen Anekdoten zu den komplizierten Dingen des Lebens.

Aber warum ist das Buch selber so kompliziert?
Warum braucht es so viele Regeln und „Schlüssel“?
Und warum nimmt Maeda ab Seite 83 wieder manche von den Regeln zurück, die er zuvor aufgestellt hat?
Weil sie doch nicht so einfach und eindeutig sind? Weil sie Einschränkungen brauchen?
Maeda selbst spricht von „ungelösten Schwächen“ (S. 84), die das Buch hat, die ihn aber nicht hindern, es „jetzt herauszubringen“.
Nun gut. Das sind sein Eingeständnis und seine Entscheidung.
Was aber sind „ungelöste Schwächen“? Meint er Fehler? Offene Fragen? Zu wenig Zeit, um das Thema tiefer anzugehen?
Hätte das Buch vielleicht doch ein paar Seiten mehr haben sollen?
Oder einen Lektor, der es noch mal auf Verständlichkeit prüft?
Jedenfalls macht es das alles etwas kompliziert.

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Das Buch bräuchte neben dem Lektor übrigens auch einen Korrektor, der die Tippfehler beseitigt. (Bitte meine eigenen Fehler großzügig überlesen. Danke.)

Und dann stellt sich die Frage: Warum benötigt ein 100 Seiten starkes Büchlein einen 8-seitigen Einleitungstext, der dazu noch erklärt „Wie man dieses Buch lesen sollte“ (S. XIV).

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Das Buch ist leider nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Auf Seite 5 handelt er gleich über das Problem der vielen Knöpfe auf einer Fernbedienung oder einem anderen technischen Gerät. Darüber hat sich schon jeder mal aufgeregt. Und: Steve Jobs hat es jetzt kategorisch gelöst. Er hat die Tastatur abgeschafft. Jede Applikation bringt einfach eigene virtuelle Funktions-“Tasten“ mit. Eine physische Tastatur als Eingabemedium entfällt. Stattdessen gibt es das “multi-touch panel” als Interphase.

Beides kannte Maeda noch nicht, als er sein Buch schrieb. Das iPhone war noch nicht auf dem Markt. Aber das sollte die Lösung zu dem Problem sein, das er beschreibt. (Er redet stattdessen noch von „Klapphandys“, als „heute das am weitesten entwickelte Beispiel dafür, wie man Funktionalitäten verstecken kann, bis sie gebraucht werden.“ Schöne alte Zeit.)

(Dass Tasten als Schnittstelle die Möglichkeiten des Users eher behindern als unterstützen und zudem ein zu enges Korsett für die Entwickler von Applikationen sind, hat übrigens auch schon Hartmut Esslinger vor einigen Jahren gesagt und eine intelligentere Form der Bedienung von Computern gefordert. Intelligenter als eine Schreibmaschinentastatur, die davor nur Sekretärinnen als Arbeitsmittel diente. Damit soll nichts gegen Sekretärinnen gesagt sein.)

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Auf Seite 96 beschreibt Maeda ein grandioses Beispiel einer einfachen Mechanik (Elektrik), von der Art man gerne mehr lesen würde, weil sie zukunftsweisend ist und neue Möglichkeiten ahnen lässt. (Obwohl das Beispiel natürlich doof ist: Kein Mensch hat mehr einen separaten „Schlüsselanhänger“, der das Alarmsystem im Auto aktiviert. Das macht schon der Schlüssel selber. Oder ist das in USA anders?)

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Maeda benutzt übrigens auch Google. (S. 15) Und berichtet dann, dass, wenn er einen Begriff eingibt, „mehrere Millionen Treffer“ angezeigt werden. Mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen und Informationen. Und bei weiterer Suche ganz komplizierte Informationen herauskommen. Aber wirklich…! Ich meine, das kann man ja mal machen, wenn man keine andere Möglichkeit der Recherche hat. Aber das schreibt man doch nicht mit Erstaunen in ein solches Buch! Das will man nicht lesen. Nicht von einem „Director of Research“ am MIT Media Lab!

Und es folgt kein Wort zu eben der Evidenz, dass das Ergebnis ein unüberschaubarer Haufen Verwirrung und Komplexität ist, aus dem man nur herauskommt, wenn man ausreichend über die Materie Bescheid weiß. Und auch kein Kommentar zu der an Einfachheit nicht zu überbietenden Eingabeseite von Google. Das wäre doch eigentlich ein Thema zu “Simplicity” gewesen.

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Komplex ist das Buch auch, weil der Übersetzer, Herr Vogel, ein paar Slapsticks vollführt, die schwer nachzuvollziehen sind. Witzig ist z.B. auf S. 17: „…Diese Frage stellt man mir häufig in Zusammenhang mit den Dias, mit denen ich meine Arbeit präsentiere.“ Nach kurzem Seufzen erkenne ich, dass er wohl Powerpoint „Slides“ meint, also Präsentationsfolien, Charts oder wie man das auf Deutsch nennt. Mein lieber Herr Übersetzer, mit dem Diaprojektor haben wir vor 10 Jahren aufgehört zu präsentieren.

Und das ist mir ebenfalls etwas zu kompliziert: „VVV (Das „Gesetz“ von „Verkleinern“, „Verstecken“, Verbinden“) besagt, dass wir die Wahrnehmung der Zeitverkürzung durch Verkleinern und Verstecken herstellen können, und den Verlust können wir ausgleichen, indem wir die wichtigsten Dinge auf raffinierte Weise zum Ausdruck bringen“. Welche „Dinge“? Welcher „Verlust“? Ich ahne ja, was Maeda sagen will, aber hat das Herr Vogel auch so verstanden? (S. 24)

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Noch ein Satz, den man dem Übersetzer gerne wieder zurückgeben wollte, völlig aus dem Zusammenhang gerissen: „Die erkennbare Beziehung zu einem physischen Arbeitsplatz begünstigte die sofortige kognitive Verinnerlichung, die durch ebenfalls übersetzte Konzepte noch verstärkt wurde“. (S. 40) Das müsste doch auch einfacher gehen. Oder?

Schluss mit der Nörgelei. Maeda meint natürlich alles ganz richtig. Da kann mancher sich etwas davon abschneiden.

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S. 100: „In meinem Büro am MIT bekomme ich jeden Tag Besuch von einigen der klügsten jungen Leute der Welt.“ Na dann. Das steht da einfach so.

Und dann bringe ich das einfach nicht richtig zusammen: Dieser oberflächliche Plauderton. Die plausiblen, teilweise banalen, teilweise genialen Einsichten. Die richtigen, aber komplizierten Regeln. Die verkomplizierende Sprache. Seine scheinbar mangelnde Ahnung oder seine Interesselosigkeit über / an internationaler Designgeschichte oder Formphilosophie, Ergonomie und so weiter. Zusammen mit seiner Direktoren- und Professorenstellung am MIT Media Lab… So kommt das hier alles gemischt an. Und passt irgendwie nicht. Vielleicht weckt seine Position und sein Ruf Erwartungen auf mehr Substanz? Ich weiß nicht.

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Maeda ist mittlerweile Präsident der Rhode Island School of Design. Ist das ein Aufstieg?

Hier ist ein Link zu einem Maeda Artikel über das iPod Touch und seine Ansichten über multi touch panels als “update”:

http://www.businessweek.com/innovate/content/sep2007/id20070919_820841.htm

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Und hier ist die Website zum Thema „Simplicity“, die aktuelle Beispiele bringt. und wo man die Regeln zur Einfachheit im englischen Original findet:

www.lawsofsimplicity.com

Weitere Bücher zum Thema sind aus seiner Fakultät angekündigt. Z.B. von der „unglaublich kenntnisreichen“ Jessie Scanlon „The value of simplicity“, in dessen Mittelpunkt die „moderne Geschäftswelt“ stehen wird. Da sind wir mal gespannt.

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