Willem – Reinart Fuchs

Das ist ein sehr nettes Buch – und eigentlich ein ziemlich blutiges dazu:

Willem „Reinart Fuchs – Die Geschichte eines ewigen Schurken“, aus dem Mittelniederländischen übersetzt von Amand Berteloot und Heinz-Lothar Worm. CH-Wald 1987 (Der Bärenhüter im Waldgut), 99 Seiten, gebraucht bei amazon ab € 2,22. Sonst vergriffen.

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Entstanden ist der Text, so schätzt man, zwischen 1179 und 1271, wurde wohl ursprünglich mündlich weiter- und vorgetragen, die Quelle ist ein altfranzösischer „Roman de Renat“ und dann erst, eben 1271, übersetzt und als Buch herausgebracht.

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Und es handelt sich – genau, richtig: um den Urtext von „Reineke Fuchs“, dem alten Schlawiner, der sich immer auch aus den schlimmsten Patschen herausrettet, weil er instinktiv ahnt und erkennt, wie er die Eitelkeiten seiner Feinde und Häscher befriedigen kann und wie er sie durch ihre eigenen Charaktereigenschaften ins Verderben reiten kann.

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Es ist nicht die gesamte Vorlage zu Goethes „Reineke Fuchs“, aber der erste, wesentliche, bessere Teil, weil mit mehr Action.

Und so fängt er an (S. 10):

„Es war an einem Pfingsttage, als Wald und Hecken mit grünen Blättern geschmückt waren. Nobel, der König hatte einen Hoftag überall ausrufen lassen, den er, wenn möglich, zu seinem eigenen Lob abhalten wollte. Da kamen zu des Königs Hof alle Tiere groß und klein, außer Reinart, dem Fuchs. Dieser hatte am Hofe so viel Übles getan, dass er sich nicht hintraute: wer sich schuldig weiß, hat Angst. So stand es auch um Reinart, und darum scheute er den Hoftag, wo ihm nur Schlechtes nachgesagt würde. Als der ganze Hoftag versammelt war, war der Dachs der einzige, der nicht über Reinart zu klagen hatte, den Bösewicht mit dem grauen Bart.“

Man ahnt bereits, worum es geht. Der Übeltäter ist von vornherein identifiziert. Es wird um Anschuldigungen und Verteidigungsstrategien gehen. Der Richterspruch wird folgen (mehrfach) und spannend wird die Frage, wie Reineke seinen Kopf aus der Schlinge zieht.

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Und so fängt Johann Wolfgang von Goethe an (erster Gesang, S. 7):

„Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! Es grünten und blühten
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen,
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.

Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine Vasallen
Eilen gerufen herbei mit großem Gepränge; da kommen
Viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden,
Lütke, der Kranich, und Markart, der Häher, und alle die Besten.
Denn der König gedenkt mit allen seinen Baronen
Hof zu halten in Feier und Pracht; er lässt sie berufen
Alle miteinander, so gut die Großen als Kleinen.
Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der Eine,
Reineke Fuchs, der Schelm! der viel begangenen Frevels
Halben des Hofs sich enthielt. So scheuet das böse Gewissen
Licht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren.
Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt,
Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont‘ er.“

(Und hier gleich mal eine Anmerkung: Das „Projekt Gutenberg“ www.gutenberg.spiegel.de hat zwar lobenswerterweise bisher mehr als 4.000 Bücher als Volltext verzeichnet, aber die ersten 6 Verse dieses Gesanges fehlen dort! Einfach so!)

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Bei Willem ist manches schmerzhafter und drastischer beschrieben als bei Goethe. Z.B: die üble Verletzung des Pfarrers durch die Katze Tilbeert (S. 35): „Er sprang dem Pfarrer zwischen die Beine und zog ihm eines von den Dingern aus, die ihm zwischen den Beinen hingen, in dem Beutel ohne Naht, womit man die Glocke schlägt. Das Ding fiel nieder auf den Boden.“

Überhaupt ist die Geschichte mittelalterlich derb, und drastisch an Brutalität und Gewalt schon ein starkes Stück.

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Aber das ist sie im wesentlichen auch bei Goethe 500 Jahre später noch. Obwohl es ihm mehr auf die Tücke und Verschlagenheit Reinekes ankommt als auf die blutrünstigen Methoden.

Doch dazu später mehr.

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