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Archive für Dezember 2007
Willem - Reinart Fuchs
31.12.2007 von Heiner.Eberle.
Das ist ein sehr nettes Buch – und eigentlich ein ziemlich blutiges dazu:
Willem „Reinart Fuchs – Die Geschichte eines ewigen Schurken“, aus dem Mittelniederländischen übersetzt von Amand Berteloot und Heinz-Lothar Worm. CH-Wald 1987 (Der Bärenhüter im Waldgut), 99 Seiten, gebraucht bei amazon ab € 2,22. Sonst vergriffen.

Entstanden ist der Text, so schätzt man, zwischen 1179 und 1271, wurde wohl ursprünglich mündlich weiter- und vorgetragen, die Quelle ist ein altfranzösischer „Roman de Renat“ und dann erst, eben 1271, übersetzt und als Buch herausgebracht.

Und es handelt sich – genau, richtig: um den Urtext von „Reineke Fuchs“, dem alten Schlawiner, der sich immer auch aus den schlimmsten Patschen herausrettet, weil er instinktiv ahnt und erkennt, wie er die Eitelkeiten seiner Feinde und Häscher befriedigen kann und wie er sie durch ihre eigenen Charaktereigenschaften ins Verderben reiten kann.

Es ist nicht die gesamte Vorlage zu Goethes „Reineke Fuchs“, aber der erste, wesentliche, bessere Teil, weil mit mehr Action.
Und so fängt er an (S. 10):
„Es war an einem Pfingsttage, als Wald und Hecken mit grünen Blättern geschmückt waren. Nobel, der König hatte einen Hoftag überall ausrufen lassen, den er, wenn möglich, zu seinem eigenen Lob abhalten wollte. Da kamen zu des Königs Hof alle Tiere groß und klein, außer Reinart, dem Fuchs. Dieser hatte am Hofe so viel Übles getan, dass er sich nicht hintraute: wer sich schuldig weiß, hat Angst. So stand es auch um Reinart, und darum scheute er den Hoftag, wo ihm nur Schlechtes nachgesagt würde. Als der ganze Hoftag versammelt war, war der Dachs der einzige, der nicht über Reinart zu klagen hatte, den Bösewicht mit dem grauen Bart.“
Man ahnt bereits, worum es geht. Der Übeltäter ist von vornherein identifiziert. Es wird um Anschuldigungen und Verteidigungsstrategien gehen. Der Richterspruch wird folgen (mehrfach) und spannend wird die Frage, wie Reineke seinen Kopf aus der Schlinge zieht.

Und so fängt Johann Wolfgang von Goethe an (erster Gesang, S. 7):
„Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! Es grünten und blühten
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
Jede Wiese sprosste von Blumen in duftenden Gründen,
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.
Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine Vasallen
Eilen gerufen herbei mit großem Gepränge; da kommen
Viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden,
Lütke, der Kranich, und Markart, der Häher, und alle die Besten.
Denn der König gedenkt mit allen seinen Baronen
Hof zu halten in Feier und Pracht; er lässt sie berufen
Alle miteinander, so gut die Großen als Kleinen.
Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der Eine,
Reineke Fuchs, der Schelm! der viel begangenen Frevels
Halben des Hofs sich enthielt. So scheuet das böse Gewissen
Licht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren.
Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt,
Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont’ er.“
(Und hier gleich mal eine Anmerkung: Das „Projekt Gutenberg“ www.gutenberg.spiegel.de hat zwar lobenswerterweise bisher mehr als 4.000 Bücher als Volltext verzeichnet, aber die ersten 6 Verse dieses Gesanges fehlen dort! Einfach so!)

Bei Willem ist manches schmerzhafter und drastischer beschrieben als bei Goethe. Z.B: die üble Verletzung des Pfarrers durch die Katze Tilbeert (S. 35): „Er sprang dem Pfarrer zwischen die Beine und zog ihm eines von den Dingern aus, die ihm zwischen den Beinen hingen, in dem Beutel ohne Naht, womit man die Glocke schlägt. Das Ding fiel nieder auf den Boden.“
Überhaupt ist die Geschichte mittelalterlich derb, und drastisch an Brutalität und Gewalt schon ein starkes Stück.

Aber das ist sie im wesentlichen auch bei Goethe 500 Jahre später noch. Obwohl es ihm mehr auf die Tücke und Verschlagenheit Reinekes ankommt als auf die blutrünstigen Methoden.
Doch dazu später mehr.
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Unimog - Geschichte
30.12.2007 von Heiner.Eberle.
Ein Unimog lässt sich nicht unterkriegen, weder bei seinen Einsätzen unter anspruchsvollsten Bedingungen, noch durch sich wandelnde wirtschaftliche Bedingungen und wechselnde Käufergruppen. Er meistert extremes Gelände, zieht ganze Güterzüge, ist einsetzbar als Zweiwege-Fahrzeug und besitzt Anbauräume für eine Vielzahl von Geräten. Schon sein Start ins automobile Leben beginnt auf ungewöhnliche Weise.

Die Geschichte des legendären Unimog beginnt so abenteuerlich wie die Zeit ist, in der dieses ungewöhnliche Automobil zur Welt kommt. Sein Erfinder ist Albert Friedrich, ehemaliger Leiter der Flugmotorenkonstruktion der damaligen Daimler-Benz AG. Er begann schon während des Zweiten Weltkriegs, sich mit der Idee einer kompakten Zugmaschine zu beschäftigen. Unmittelbar nach Kriegsende beginnt Friedrich 1945 mit der Entwicklung des Unimog. Gedacht als landwirtschaftliches Fahrzeugs, soll es sich jedoch ganz erheblich von klassischen Traktoren unterscheiden. Als Partner für die Entwicklung des neuen Fahrzeugs findet der Ingenieur unter anderem seinen ehemaligen Kollegen Heinrich Rößler, früher auch in der Pkw- und Motorenentwicklung von Daimler-Benz beschäftigt. Die Sache passt, denn Rößler schlägt sich seit Kriegsende als Hilfsarbeiter in der Landwirtschaft durch, kann daraus viele Erfahrungen einfließen lassen.

Erste Zeichnungen Friedrichs zeigen ein “Motorgetriebenes Universalgerät für die Landwirtschaft”, die Bezeichnung Unimog gibt es noch nicht. Allradantrieb und vier gleich große Räder kennzeichnen das schlichte Fahrzeug, das mit 25 PS als Schlepper, landwirtschaftliches Gerät, stationäre Antriebsmaschine und Lieferfahrzeug für die Agrarwirtschaft gedacht ist; an die vielfältigen späteren Einsatzmöglichkeiten denkt in der Nachkriegszeit noch niemand.
Sechs Geschwindigkeiten bis 50 km/h sind geplant, Antrieb für Landgeräte vorn, Schleppeinrichtung hinten, Laderaum in der Mitte. Alles zusammen ein simples, aber trotzdem ungewöhnliches und einzigartiges Konzept, das sich von herkömmlichen Traktoren deutlich abhebt.
Friedrich knüpft Kontakte zur damaligen amerikanischen Besatzungsmacht, erwirbt eine rare “Production Order”, also eine Erlaubnis zur Fertigung. Als Partner für Entwicklung und Produktion ist die Firma Erhard & Söhne in Schwäbisch Gmünd ausersehen, eine Gold- und Silberwarenfabrik. Die Ingenieure entwickeln ihr Fahrzeug in schnellen Schritten weiter.
Bald zeigen die Zeichnungen eine geänderte, sehr rationelle Konstruktion: identische Blechkörper für die Gehäuse der Vorder- und Hinterachse, identische Laufradvorgelege mit Bremsen für Vorder- und Hinterachse, nur vier Antriebsgelenke.

Die Konstrukteure denken praktisch: Eine Spurweite von 1270 Millimeter entspricht zwei Kartoffelreihen.
Zahlreiche Merkmale machen das neue Fahrzeug einzigartig, unter anderem die vergleichsweise hohe Geschwindigkeit, schraubengefederte und gedämpfte Achsen, Allradantrieb mit Differenzialsperren vorne und hinten, Rahmenbauweise vergleichbar mit Lastwagen oder Pkw, Anbaumöglichkeiten für Geräte vorn, in der Mitte, seitlich und hinten, Betrieb einer Zapfwelle vorne, in der Mitte und hinten.

Das erste Versuchsfahrzeug entspricht mit seiner schrägen Frontpartie, dem Fahrerhaus mit Verdeck und der Ladefläche dahinter Ende 1946 schon weitgehend dem späteren Serienmodell. In dieser Zeit entsteht auch der Name: Aus dem Begriff Universal-Motor-Gerät wird zusammengezogen Unimog. Bereits im Frühjahr 1947 wagen die Ingenieure eine erste Vorführung. Noch fehlte jedoch ein geeigneter Dieselmotor. Den steuert ab 1947 Daimler-Benz mit dem soeben neu entwickelten OM 636 zu. Dessen Produktion ist zunächst noch gar nicht beschlossen, doch die Mannschaft um Friedrich setzt auf die Marke mit dem Stern, man kennt sich schließlich bestens.
Einer Fertigung steht bald nichts mehr im Weg - außer dem richtigen Partner, denn dafür kommt die Firma Erhard trotz ihres großen Engagements für die Entwicklung nicht in Frage. Verschiedene Autohersteller winken ab, die Werkzeugmaschinenfabrik Gebrüder Boehringer in Göppingen steigt 1947 ein.
Material für die Serienfertigung wird beschafft, in diesen Zeiten kein leichtes Unterfangen. Auch bemühen sich die Unimog-Entwickler um die passenden Reifen sowie die zwingend notwendigen Anbaugeräte für ihr Fahrzeug.
Selbstverständlich ist dies alles nicht, schließlich gibt es bereits Traktoren, warum also alles auch auf den anders gearteten Unimog zuschneidern? Doch kurz darauf rückt der Unimog 1948 anlässlich der DLG-Ausstellung in Frankfurt erstmals in das Blickfeld der Öffentlichkeit.

Im August 1948 ist es dann soweit: Bei Boehringer beginnt die Serienfertigung des Unimog. Boehringer aber ist kein Autohersteller, die Entwicklermannschaft um Albert Friedrich wiederum besteht aus Ingenieuren. In Windeseile muss deshalb parallel zur beginnenden Produktion ein neuer Vertrieb aus dem Boden gestampft werden.
Und nicht nur die Landwirtschaft interessiert sich für das neuartige Fahrzeug, auch Behörden zeigen Interesse, sie fordern genormte Anbaugeräte. Es entwickelt sich die bis heute sehr fruchtbare und enge Zusammenarbeit mit den Geräteherstellern.

Bis Sommer 1950 fertigt Boehringer rund 600 Unimog, den als Markenzeichen ein stilisierter Ochsenkopf mit Hörnern in Form eines “U” ziert. Für höhere Stückzahlen aber sind große Investitionen nötig, die Boehringer nicht aufbringen kann.
Und so kommt es, wie es beim beruflichen Hintergrund der Entwicklungsmannschaft wohl kommen muss: Im Herbst 1950 übernimmt Daimler-Benz das ganze Projekt einschließlich der Patente, den Entwicklern und dem neu aufgebauten Vertrieb. Der Unimog zieht in seine heutige Heimat um, ins damalige Lastwagenwerk Gaggenau.
(Text: www.mercedes-benz.de/unimog)
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Frankfurt Museumsuferabend 2
29.12.2007 von Heiner.Eberle.
Nochmal ein paar Bilder zu der Abendstimmung von vor 2 Wochen am Sonntag Abend:

Alles sehr schön beleuchtet. Auch der Eiserne Steg hier. Die Photos sind alle auch fast nicht gephotoshopped. Also die Farben sind echt. Waren wirklich so. Ehrlich.

Auch das / der Portikus sah so rot aus wie hier auf dem Bild. Wie ein Hexenhäuschen.

Und der Himmel wurde immer bedrohlicher. Gelb und violett.

Die Vögel machten ein Gekreische ohne Ende. Es gefiel ihnen irgendwie auch nicht so recht.

Mancher dachte wohl, er wäre besser auch nach Sardinien ausgewandert, zum Überwintern. Anstatt sich hier diese Kälte anzutun…

Sturm gab es dann aber doch keinen. Und Schnee auch nicht. Schade. Eigentich.
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Orakel - Korrektur
28.12.2007 von Heiner.Eberle.
Man hat mich freundlicherweise noch einmal drauf hingewiesen, dass es mit dem Orakel ja etwas anders ist als ich es beschrieben habe: Es steht nämlich nicht, wie von mir fälschlicherweise so dargestellt oder in einer Weise irgendwie tendenziös angedeutet dass der Eindruck hätte entstehen können es wäre in einem „kleinen Wäldchen“, an einem „stillen Örtchen“ zu finden. Nein mitnichten aber gar nicht.
Sondern: Das namenlose Orakel steht in einer Schrebergarten-Kolonie in der Nähe des Bahnhofs. Das ist wichtig, weil es ein Gerücht gibt, das darum herum spielt.

Auch wenn nämlich das Orakel „namenlos“ ist, weil man ja auch das Gesicht hinter der Zeitung und hinter den suppig-dampfenden Myrrheschwaden nicht oder nur verzerrt sehen kann - man sollte ja eigentlich das Orakel sowieso gar nicht mit den Augen ansehen, weil man riskierte, seine Sehnervern dadurch zu beschädigen und ähnliches - und ansonsten nur geheimnisvolle Worte aus dem Häuschen dringen, verstummen die Gerüchte nicht, die besagen, dass sich Herr Schabulsky, der Mann von Sabse, der sich ja schon eine geraume Zeit von ihr getrennt hat und urplötzlich vom Erdboden verschwunden war, hinter dem Orakel versteckt.

Diese Gerüchte stammen aus den Kreisen des katholischen Gesangvereins, in dem Herr Schabulsky und natürlich seit langen Jahren auch die Arbeitskollegen Hans und Manfred Mitglied sind. Von daher hätte diese Geschichte schon einige Glaubwürdigkeit.

Aber ob Herr Schabulsky in der Lage ist, in dem Klohäuschen so lange auszuhalten, ohne dass ihm jemand morgens seinen Kaffe macht und abends sein Wurstbrot schmiert, das steht als Frage noch offen im Raum.

Dass er damals einfach so verschwunden ist, erklären die Kollegen und Chorsänger sich damit, dass Herr Schabulsky – und davon hatte er wohl mehrfach gesprochen und auch in letzter Zeit schon hin und wieder mit dem Flugticket gewunken – nach Kanada auswandern wollte, für immer „ganz weit weg, dahin, wo die Bären hausen“, das sei immer noch angenehmer auszuhalten als hier bei der Sabse…
Wahrscheinlich sei er auf der Flucht via Bahn und Flug im Klohäuschen in der Schrebergartenkolonie (siehe „Steinfest – Tortengräber“) förmlich hängen geblieben und würde seit damals das Orakel verkörpern.

„Aber das ist wirklich nur ein Gerücht und wird schon lange nicht mehr offen ausgesprochen, denn Herr Schabulsky könne niemals das göttliche Orakel verkörpern. Was für ein Frevel, so etwas zu behaupten…“ soweit mein üblicherweise gut informierter Informant.
Die Frage stellt sich also umso schärfer und drängender: Was ist mit dem richtigen Orakel passiert, wenn es jetzt von Herrn Schabulsky „vertreten“ wird. Wo ist es? Und wie sollte man es wiederzurückbekommen? Und warum hat bisher niemand gemerkt, dass das Orakel nicht mehr richtig orakelt?
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Goldt - Okay Mutter…
27.12.2007 von Heiner.Eberle.
Das ist der letzte Band von Max Goldt, den ich hier besprechen werde. (Das muss auch reichen). Es handelt sich um eines der edelsten Bücher, die ich besitze und heißt:

„Okay Mutter, ich mache die Aschenbechergymnastik in der Mittagsmaschine“ und enthält die „Besten Kolumnen“ und die „Besten Nichtkolumnen“ in 1 Band.

Erschienen ist diese Vorzugsausgabe kurz vor dem Konkurs von Gert Haffmans im selbigen Verlag 2001 als nummerierte Exemplare von 500 Stück. Meines hat die Nummer 260 und ist von Max Goldt signiert. Das Buch hat ca. 860 Seiten und ist exquisit schön gestaltet und gebunden. Natürlich in goldtenes Leinen.

Zum Inhalt sage ich nichts mehr, davon sollte jetzt jeder ungefähr eine Ahnung haben. Man hat alle Texte hier noch einmal durchgesehen und verbessert, darin war Haffmans ja unschlagbar.
Lektoren und Korrektoren hatten bei ihm noch wirklich was zu sagen. Das machte unter anderem seine Qualität aus. (Sonst hätte er auch niemals so kritisch Arno Schmidt veröffentlichen können.)
Es ist also – zurück zum Thema – eine „Best of - Compilation“ aus der „Radiotrinkerin“, den „Quitten für die Menschen…“, „Die Kugeln in unseren Köpfen“, „Ä“, „Mind-boggling – Evening Post“, und „Schließ einfach die Augen und stell dir vor ich wäre Heinz Kluncker“.

Wer das Buch unbedingt haben will (es gibt ja hoffentlich Sammler da draußen): Meines hat einen kleinen Rotweinfleck am Buchblock vorne, auf dem Rückenschild einen Kratzer, ansonsten ist es nahezu fehlerlos.

Durchs Rumstehen ist es etwas vergilbt, aber sonst noch gut zu haben. Sammler ahnen: So eine Prachtsausgabe war und ist nicht ganz billig. Aber fragen kostet ja nichts. An Liebhaber gebe ich immer gerne ab.

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Engel - Salz 2
26.12.2007 von Heiner.Eberle.
Der streitbare Edelgart war immer noch am Schimpfen. Edeltraut heulte jetzt etwas weniger. Aber vor allem Engelhart hatte die Fassung wieder gefunden.
Es musste einfach etwas getan werden. Schnellstmöglich. Also überlegten sie nicht lange, sondern langten einfach selber zu. Auf die himmlischen Kräfte wollten sie sich in dieser Situation lieber nicht verlassen. Selbst Edelgart half mit. Obwohl er ja eigentlich der Chef der Truppe war.

Nach einer Weile Schaufeln und Schuften hatten sie das himmlische Salz wieder auf der Pritsche, versorgt, vom Dreck befreit und auch gleich für Engelharts Auftritt so vorbereitet dass er da oben gut stehen konnte.

Der hatte sich in der Zwischenzeit schon etwas Mut angetrunken, er brauchte das wegen seines heftigen Lampenfiebers. Obwohl das oft dazu führte, dass er nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stand. Das konnte ja noch gefährlich werden!

Doch als Engelhart dann erst mal von oben herunter guckte, ging es ihm schon viel besser. Das „Fürchtet euch nicht!“ probte er vorsichtig leise und es klappte auf Anhieb schon sehr gut. (Er konnte früher kein „rch“ aussprechen, das war immer eine Elendsqual gewesen!)

Edelgart feuerte ihn an, motivierte ihn: „Hey, Hardy! Du packst sie, Du haust sie gegen die Wand! Das ist Dein Abend! Die anderen schauen da nur zu! Du bist der Star!“
Während Edeltraut sich fast nicht traute, da hinzusehen. Sie konnte mitfühlen, wie schlimm das für Engelhart war. Er war ja nie der geborene Showman gewesen…

Sie guckten dem davonfahrenden Himmelsgefährt und Engelhart lange nach und riefen aufmunternde Sachen und winkten und wünschten ihm alles Gute. Aber sie waren zuversichtlich: Es würde alles klappen. Wie jedes Jahr. Sie waren so stolz auf ihn.
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Frankfurt Museumsuferabend
25.12.2007 von Heiner.Eberle.
Das fünfundzwanzigste Türchen. Gestern gab es die Geschenke.
Spannende Stimmung war letzten Sonntag am Mainufer, so gegen 17.00 Uhr. Es sah schwer nach Sturm und Schnee aus.

Es war ziemlich kalt und windig, gleichzeitig schien die Sonne schräg von Westen,

und die Wolken brauten sich zusammen.

Die Banken spielten mal wieder Weltuntergang,

und die Möwen kreischten dazu. Wie immer.

Zwischendurch wurde es mal ganz zappenduster.

Das war schon eine ganz schöne Vorstellung. Gute Dramaturgie.
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Engel - Salz 1
24.12.2007 von Heiner.Eberle.
Das vierundzwanzigste Türchen.
Heute sollte der große Tag sein. Schon am Morgen hatte Engelhart Reifen und Öl usw. gecheckt.

Doch nach dem Mittags-Manna war die Kacke richtig am Dampfen.

Edeltraut war mal wieder am Heulen („…und weinete bitterlich“), Edelgart war fuchsteufelswild: „Wie kann man denn so ein Chaos verursachen? Wo steht Euch denn der Verstand? Hat denn da niemand aufgepasst?“ Edeltraut war völlig aufgelöst.

„Nein, ich…“ schluchzte sie. „Ich wollte doch nur mal eben nach dem Käsekuchen sehen, der hat schon so angebrannt gerochen…“ Und plötzlich sei der Sturm aufgekommen oder was auch immer das gewesen sei, und hätte alles herumgeworfen und die Ladung heruntergeworfen…

„Ich kann doch nichts dafür!“ „Doch, Du kannst!“ donnerte Edelgart. „Es war Dein Job, hier auf das himmlische Salz aus dem Ausseer See aufzupassen, das wir für die Götterspeise heute Abend brauchen. Stattdessen hast du dich lieber mit Deinem labberigen Käsekuchen beschäftigt. Wer braucht denn den überhaupt?“

„Aber der Nachtisch, Edelgart!“ mahnte Edeltraut jammernd an.
Engelhart war ob dieser Streiterei ziemlich erschüttert. Sollte dies denn das Fest der Liebe sein? Das fing ja gut an. Und sein Auftritt heute Abend? Es sah so aus, als ob das richtig in die Hosen gehen würde. Er hatte ja sowieso so heftiges Lampenfieber! Und das ging gerade richtig los. er brauchte dringend was zum Trinken.

Fortsetzung kommt in 2 Tagen.
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Steinfest - Tortengräber
23.12.2007 von Heiner.Eberle.
Das dreiundzwanzigste Türchen.
Heißa, bald ist Weihnachtstag!
Es geht um dieses sehr zu empfehlende Buch: Heinrich Steinfest, „Tortengräber. Ein rabenschwarzer Roman“, München (Piper), 2007. 284 Seiten, TB € 7,95.
Frau Lilli Steinbeck taucht hier zum ersten mal auf, die dann später in „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“ groß rauskommen wird. Es ist ein „früher Steinfest“, aus dem Jahr 2000, also noch nicht ganz so voll der Spitzfindigkeiten der späteren Bücher.
Aber schon mit den schönen Beobachtungen: S. 134: „Sie legte ihre Hand auf seine Schulter als drehe sie ein Bügeleisen auf Null.“

Steinfest wettert auch hier schon ganz gerne, wenn es um die grassierende Verlogenheit und das Böse im Gewöhnlichen und im Alltäglichen geht. Das ist sehr amüsant.
Man hat beim Lesen auch den Eindruck, die Lösung des Falles und der zahlreichen Morde, die hier begangen werden, sei ihm gar nicht so wichtig, als eher das Ausspinnen von absurden Situationen und das Herumfabulieren, um die Geschichte in immer anderen Varianten darzustellen. Es ist ihm manchmal so scheint’s nicht ganz ernst mit seiner Story, Hauptsache, ihr Ablauf wird überraschend und gut.

Sehr toll ist die Konstruktion, in der er aus unterschiedlichen Blickwinkeln und durch unterschiedliche Berichte die prekären Vorgänge beschreiben lässt, wo sich Personen und Orte zeitlich überschneiden, sich aber nicht berühren. Man sieht quasi aus verschiedenen Richtungen denselben Vorgang und weiß immer schon ein bisschen mehr als die handelnden Personen in der Geschichte.
Dann gibt es eine sehr abseits dastehende, dazwischen geschobene Erzählung von Frau Resele, einer sehr sympathischen und anhänglichen Porschefahrerin, eine in die Krimigeschichte hinein geplumpste Patientin des ermordeten Psychoanalytikers.

Und durch die radikale Wendung auf S. 237 wird das allgemeine Verhängnis ein für allemal beendet bzw. in eine neue Richtung gestoßen. Steinfest hat einfach Spaß daran, völlig unwahrscheinliche Situationen herzustellen und Ereignisse auf sehr drastische Art zu kombinieren, die irgendwie dann doch zwangsläufig so sein müssen.

Ein Zitat über Österreich muss ich jetzt doch noch bringen:
S. 230: „…aber in einem Land, dessen Bürokratie trotz mahnender Worte der Experten sich internationalen Standards versperrte, also in der Hauptsache weder von Computern gesteuert noch von Interessengruppen dominiert, sondern schlichtweg von den göttlichen Größen Zufall und Irrtum bestimmt wurde, waren auch die Mächtigen und Einflussreichen nicht davor gefeit, ein Opfer des Rechtsstaates zu werden. Was sie in Verkennung der Tatsachen dann als Verschwörung begriffen. In einem solchen Land also war es angeraten, sich weniger auf die allgemeine Schlamperei zu verlassen. Als sie zu fürchten.“
Das Buch ist gut. Bitte lesen.
Geschrieben in Prof. Bongartz, Hans, Frau Weichbrodt, Bücher, Allgemein | Drucken | Keine Kommentare »
Edith / Patronen
22.12.2007 von Heiner.Eberle.
Das zweiundzwanzigste Tor.
Edith Hübsch konnte es nicht fassen. Irgendjemand war über Nacht in das Museum eingedrungen, hatte nach Kräften randaliert und die antiken Patronen umgeworfen. Und sie einfach liegenlassen. Nicht einmal mitgenommen. Wahrscheinlich waren sie zu schwer oder unverkäuflich auf dem Schwarzmarkt oder so was. Purer Vandalismus. Ohne Worte.

Das war ja jetzt nicht nur wegen der Tinte gefährlich, die womöglich auslaufen konnte… Auch wenn jemand darüber fiele… nicht auszudenken…

… da konnte man sich ja schwer verletzen oder sich was brechen womöglich… Jedenfalls musste sie die Ausstellung heute schließen. Sofort. Besucher sollten und durften dieses Durcheinander nicht sehen.

Aber die Presseleute hatten es natürlich bereits mitbekommen. Hilmar Stampf und Olaf Schmundt waren zur Stelle.

Ob sie glaube, dass da ein terroristischer Hintergrund vorliege, fragten sie Frau Hübsch voller Andeutungen und investigativer Absicht. Frau Hübsch fand das ziemlich daneben und gab ein „ach quatsch, woher denn, doch nicht hier. Mit diesen Dingern kann man doch nichts anfangen, die können ja nicht mehr explodieren oder so,“ von sich.
Jedenfalls wollte sie keinen öffentlichen Skandal. Sie wollte das Drama ohne viel Trara wieder in Ordnung bringen und schnellstmöglich das Haus wieder für die Besucher öffnen.

Frau Tybbke war schon zur Stelle. Edith hatte sie alarmiert, als sie den Schlamassel entdeckt hatte und sie um schnelle Hilfe gebeten. Und Frau Tybbke, (Adelheit mit Vornamen und die Gattin von Hans Tybbke, dem Arbeitskollegen von Francesco, der (Francesco) im Sommer von der Brücke gestürzt war – ein tragischer Arbeitsunfall, man erinnert sich?) war anstandslos und umstandslos zur Stelle.

Es war ja auch alles nicht so dramatisch, die Hälfte der Installation stand ja noch ziemlich stabil und aufrecht da. Die, die umgefallen waren – so schwer sie auch aussahen – mit vereinten Kräften sollten sie die doch wieder in die Senkrechte wuchten können.

Sie überlegten kurz, in welcher Reihenfolge die schweren Dinger nebeneinander gestanden hatten und ob das von irgendeiner Relevanz war, da sie doch eigentlich alle ähnlich aussahen… Aber dann fingen sie einfach links an und hörten rechts auf und hatten es bald auch geschafft.

Edith Hübsch fiel noch ein cleverer Schachzug ein: „Tue Gutes und rede darüber“, dachte sie und rief kurzerhand Olaf Schmundt und Hilmar Stampf an, ob sie nicht auf ein paar Fotos und ein Stück Käsekuchen vorbeikommen wollten, sie hätte Neuigkeiten, die Geschichte sei ja sonst nicht zu Ende erzählt. Und sie waren neugierig, wollten und kamen.

Stolz präsentierte sie ihnen das fertige Werk. Sie hatte den Eindruck als sähen die Patronen jetzt sogar etwas stattlicher und auch bedrohlicher aus als vorher – aber das konnte täuschen.
Und die beiden Tagblatt-Reporter schossen Fotos ohne Ende.
Das hatte sie prima hingekriegt. Sie war jetzt die Heldin.
(Adelheit Tybbke hatte sich schon früher zurückgezogen, als sie hörte, dass Edith die Presse anrief. Sie wolle nicht „in die Zeitung,“ sagte sie und ging zu ihrem Gatten, der mit Grippe zuhause im Bett lag und gepflegt werden wollte.)
Geschrieben in Olaf Schmundt, Hilmar Stampf, Edith Hübsch, Allgemein | Drucken | Keine Kommentare »