Gardiner – Bach Kantaten 2

Weil es nur Kantaten für 52 Sonntage und einige Feiertage gibt, musste / konnte die Aufnahme des gesamten Werkes in einem Jahr abgeschlossen sein. Was der Hörer mitbekommt, ist also pro CD ein Querschnitt der Kompositionen von Bach zu einem bestimmten Tag im Kirchenjahr und einem bestimmten Anlass. Im Lauf der Zeit und der Jahre immer wieder mit unterschiedlichen Texten neu und anders komponiert. Das ist die eine (vertikale) spannende Betrachtungsweise.

Die andere (horizontale) ist, sich die Kantaten eines Jahres in der Abfolge von einem Sonntag zum nächsten anzuhören und zu beobachten, was da passiert. Wenn z.B. Musiker zu Bachs Zeiten ihr Instrument nicht ausreichend beherrscht haben und Bach in seinen wöchentlichen Kompositionen und Aufführungen darauf reagieren musste…

l1030883-kantaten-9-15.jpg

In den Begleittexten, die Gardiner selber schreibt (und er schreibt zu jeder einzelnen Arie, zu jedem einzelnen Choralstück jeder Kantate, wie er es sieht, was er darin liest, was er daraus gemacht hat und warum das alles ganz großartig ist, man kann unglaublich viel dabei lernen), erfährt man auch etwas von dem Risiko, dem Abenteuer, das die Truppe eingegangen ist.

l1030879-kantaten-10-15.jpg

Mal ist nicht genügend Platz vor dem Altar oder auf der Empore, mal ist am Reformationstag in Wittenberg, als sie dort aufnehmen wollen, ein Jahrmarkt vor der Kirche, mal ist die Akustik so, dass ein Instrument völlig untergeht, mal ist die Stimmung der Orgel nicht mit den Instrumenten des Orchesters in Deckung zu bringen usw. Und das merken sie meistens immer erst 1-2 Tage vor der Aufführung! Man will sich das alles gar nicht ausdenken. Ich will nicht wissen, wie oft sie sich ein sicheres Studio gewünscht haben.

l1030882-kantaten-11-20.jpg

Wer mehr von Gardiner und seiner „Monteverdi Productions“ hören, lesen und sehen will, gehe bitte dringend in den Plattenladen oder auf diese Website, die ich sehr empfehlen möchte:

www.solideogloria.co.uk

Dort ist auch sehr interessant nachzulesen, wie das Firmen-Sponsor-Programm aufgebaut ist. Da kann man sich noch was abgucken. Und bekommt Lust, selber was zu spenden. Die machen das richtig gut.

l1030873-kantaten-12-15.jpg

Ach ja, und noch ein Tipp: Wenn man Abonnent der CDs ist und sie sich aus UK schicken lässt, es erscheinen seit 2005 pro Jahr 3-4 Doppel CDs, bekommt man regelmäßig (aber selten) Post von Frau Gardiner, die sich um alles kümmert, wozu ihr Mann keine Zeit hat. Darum, dass die Kreditkarten der Abonnenten noch gelten, dass man weiß, was als nächste Lieferung kommt, wo ihr Mann demnächst Konzerte gibt usw. Sehr nett.

l1030887-kantaten-13-20.jpg

Zum Schluss noch ein Zitat aus der oben genannten FAZ:

„Wenn auch unter größtem Zeitdruck komponiert, kopiert und einstudiert, wohl auch nicht immer perfekt aufgeführt, lassen die Kantaten eine verborgene Parallelwelt aufscheinen, so, als habe sich Bach mit ihnen eigene musikalische Wünsche erfüllt und im erfinderischen Umgang mit den engen logistischen Vorgaben der Sonntagsmusiken vor allem die reizvolle Herausforderung sehen wollen. Gardiner fügt eine weitere künstlerische Dimension hinzu. Er hört die Kantaten auf seine Weise, liest Bizarrerien, Extreme und Einseitigkeiten in sie hinein. Die Stücke erlauben es, weil sie unerhört vielschichtig sind, und Gardiner darf es, weil er hervorragende Musiker hat. (…)

Es gibt bei diesen Aufnahmen trotz mancher Exzentrik keine Eitelkeiten. Vor allem der Monteverdi Choir ist frei von Glamour, ohne stumpf zu werden und natürlich, ohne deswegen nachlässig zu sein. Ja, dieser Chor klingt wie eine veritable Gemeinde, die zufälligerweise professionell singen kann.“

l1030872-kantaten-14-20.jpg

Es ist ein in allen Beziehungen großes Werk. Und man steht ziemlich ehrfürchtig davor. Das muss man unterstützen.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Platten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar