Goldt – Kugeln

Einen schönen Band aus dem alten Hause Haffmans habe ich gerade fertig gelesen:

Max Goldt: „Die Kugel in unseren Köpfen“, Kolumnen aus der Titanic 1993 / 1994. Mit ein paar Zeichnungen von Tex Rubinowitz, Umschlag von Michael Sowa (wie damals fast alle Umschläge bei Haffmans, wenn sie nicht von Volker Kriegel waren). Zürich 1995, gebunden, 214 Seiten. Jetzt bei rororo für € 7,90.

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Muss ich über Max Goldt noch was sagen? „In immer größer werdenden Zeitabschnitten bildet er mit Gerd Pasewang das Duo „Foyer des arts“, in welchem er eigene Texte deklamiert. Als Solist beschäftigt er sich mit verschiedenen Methoden der Klangerzeugung. Er wird auch weiterhin unverdrossen am Publikumsgeschmack vorbei produzieren.“ Sagt der Klappentext.

Nach „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“ ist das der zweite Band der Titanic Kolumnen, also kein „Best of“, was gut ist.

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Seit 1989 schreibt Goldt, bekennender Pollunderträger (das war 1995 noch exotisch), monatlich einen Kolumne für die Titanic, die dann mal eingestellt wurde, („Onkel Max’ Tagebuch“), dann wieder erschien („Kulturtagebuch“). Goldt kommentiert darin Dinge (ein Mahner in der Wüste), Vorkommnisse und andere Sachen, die er mag oder auch nicht.

Er erzählt von Begegnungen, die abseitig oder unfassbar sind. Z.B. auf S. 137: „Es lebe das Handwerk! Die Arbeitsteilung! Die Zellteilung! Nieder mit dem Do-It-Yourself-Wahn! Und vor allen Dingen: Es lebe die Kuh! Und zwar möglichst lange und unzerkleinert!“ (Zum Thema: „Warum sich nicht jeder ein Rind im Wohnzimmer schlachten soll.“).

Noch ein Zitat: „Ein Fertiggericht zu essen ist so, wie wenn man mit Claudia Schiffer verabredet ist und dann kommt Günther Strack.“ (S. 179). Oder das hier:

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„Nun habe ich Stellung bezogen zu Fragen der sommerlichen Körperpflege und Kleidung. Menschen, die nicht starrköpfig sind, sondern sich zu ihrer Hilfebedürftigkeit bekennen, werden es mir danken. Ansonsten darf man, wenn es heiß ist, seinen Teller nicht mit sämigen Soßen beladen, sondern nur mit superleichten Dips und Dressings. Immer schön dippen! Sonst kippt man um. Und tüchtig trinken muss man. Auch hier gibt es eine Regel: Alkohol erst, wenn es dunkel ist.“ Was ist an so etwas eigentlich komisch? (Aus der umfangreichen NZZ Kritik des Buches, gefunden bei amazon, auf der Website des Buches allda.)

Die Kolumnen enthalten auch so detailversessene Beschreibungen wie bei Genazino. Auch in interessiert freundlicher Haltung. Goldt lässt sich nicht zu Deutungen hinreissen. Er bleibt auf der lebenstauglichen Ebene. Produktbezogen.

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Seine Alltäglichkeiten sind keine Metaphern für etwas. Alle Zumutungen stehen für sich selbst. Ohne Anspruch auf Bedeutung nimmt er seine Umwelt wahr. Und deshalb ist das sehr spannend.

„Kugeln“ enthält folgende Knüller und Höhepunkte:

Warum Dagmar Berghoff so stinkt, Kennen Sie das Wort „Mevilve“?, Herr Kosmos ist von den Menschen enttäuscht, Dank Bügelhilfe fühlt man sich wie ein geisteskranker König, Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine, Wäwäwäwäwä und Wäwäwäwäwäwäwä, sowie den Publikumsliebling: Üble Beläge. (amazon)

Also bitte mal Goldt lesen, wer es noch nicht getan hat.

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