Gardiner – Bach Kantaten 1

Als 1987 von John Eliot Gardiner das Bachsche Weihnachtsoratorium erschien, bei der Archiv Produktion der Deutschen Grammophon, schrieb Heinz-Josef Herbort in der „Zeit“, es sei jetzt an der Zeit, dass „mancher hoch gelobte Kantor, Kirchen- oder Generalmusikdirektor seine vorsintflutliche Partitur verbrennen und mit einer neuen ganz von vorne anfangen“ müsste.

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Gardiner und der Monteverdi Choir und seine English Baroque Soloists stammen aus der Dritten Generation der historischen Aufführungspraxis (neben Trevor Pinnock und Christopher Hogwood oder Reinhard Göbel und seine Musica Antiqua aus Köln – inzwischen gibt es die vierte Generation, aber dazu irgendwann einmal…)

Er traut sich also schon mehr als seine Vorgänger, ist nicht mehr ganz so dogmatisch.

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Und darum schafft er auch dieses hier: Die Aufnahme sämtlicher Bachkantaten. Und das nicht irgendwann, sondern innerhalb eines einzigen Jahres. Was daran besonders ist? Er macht die Aufnahmen an unterschiedlichen Orten. Nicht im Studio, sondern in Kirchen. Und zwar in ständig wechselnden Kirchen. Und das Woche für Woche. Mit ständig neuem Programm. Immer live. So wie Bach seine Kantaten komponiert hat.

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Also der Reihe nach. Man muss den Prozess verstehen, dann versteht man auch die Leistung der Künstler und nicht zuletzt die logistische Herausforderung:

Mittenrausgegriffen:

Für den Sonntag „Quinquagesima“ (laut Booklet am 5. März 2000) hat Bach 4 Kantaten geschrieben: BWV 22 von 1723, BWV 23 von 1723, BWV 127 von 1725 und BWV159 von 1729. Die werden samstags von Gardiner und seiner Truppe in der Kings College Chapel in Cambridge generalgeprobt und sonntags aufgeführt. Daraus entsteht die erste CD.
Dann packen sie alles ein, reisen mit Instrumenten und Technik weiter nach Walpole St. Peter in Norfolk und proben und führen am Palmsonntag 26. März 2000 die Kantaten BWV 182 von 1714/24, BWV 54 von 1714 und BWV 1 (Wie schön leuchtet der Morgenstern) von 1725 auf. Das gibt CD 2 für die Kantatenlieferung Nr. 21.

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Am 23. April (Ostersonntag) nehmen sie BWV 4 (Christ lag in Todesbanden) und BWV 31 auf, am Montag nach Ostern, 24. April 2000, BWV 66 (Erfreut euch, Ihr Herzen) und BWV 6 in der Georgenkirche in Eisenach. Am Dienstag nach Ostern, 25. April 2000, folgen noch die Aufnahmen von BWV 134 und BWV 145, ebenfalls in Eisenach. Das ergibt die 2 CDs der Kantatenlieferung Nr. 22.

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An Quasimodogeniti, dem ersten Sonntag nach Ostern, also am 29./30. April 2000, nehmen sie die Kantaten BWV 150, BWV 67, BWV 42 und BWV 158 auf, wegen der kurzen Frist von 4/5 Tagen nicht weit davon entfernt in der Johann-Sebastian-Bach-Kirche in Arnstadt. Die Kantaten für den nächsten Sonntag, den 7. Mai 2000, nehmen sie an eben diesem Tag in der Basilisque St. Willibrord in Echternach auf: Kantaten BWV 104, BWV 85, BWV 112. Damit wäre Kantatenlieferung Nr. 23 fertig.

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Und so geht es weiter: Eine Woche später, am 14. Mai 2000, folgen die Live Aufnahmen von BWV 12 (überhaupt das tröstlichste: „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“), BWV 103 und BWV 146 in der Schlosskirche in Altenburg. Wieder eine Woche später, am 21. Mai 2000 spielen die Sänger und Musiker BWV 166, BWV 108 und BWV 117, komponiert für den vierten Sonntag nach Ostern, ein. Damit ist Kantatenlieferung Nr. 24 erledigt.

Und so geht das auf der Pilgerfahrt fort.

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Technisch sind die Aufnahmen erste Sahne. Von der künstlerischen Umsetzung her schlagen sie anderes um Längen (Tom Koopmann, Helmut Rilling). Die Energie, die hinter dem gesamten Unternehmen steht, ist unfassbar. Die jahrzentelange Begleiterin von Gardiner, die ehrwürdige Deutsche Grammophon, hat während der Produktion das Handtuch geschmissen. Ich zitiere mal die FAZ vom 16. Juli 2005 (S. 40):

„Der Dirigent sah sich zu einer radikalen Reaktion gezwungen, um die während der Generalproben zu den Konzerten aufgenommenen Kantaten wie geplant veröffentlichen zu können. Die Bänder immerhin wurden ihm vom Label überlassen. Durch den eigenen Chor und das eigene Orchester längst als Entrepreneur erfahren, gründete Gardiner daraufhin die „Monteverdi Productions“, schuf sich sein eigenes Label, taufte es, ganz Bach-Fanatiker, „Soli Deo Gloria“ (SDG), suchte sich die Firma Harmonia Mundi als Vertriebspartner und gewann hochkarätige Mäzene, darunter den britischen Kronprinzen Charles als Schirmherren.“

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Die Fortsetzung dieser Einlassungen kommt hier in ca. 4 Tagen.

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