Infos

Sie befinden sich aktuell in den Heinerblog Blog-Archiven für den folgenden Tag 17.11.2007.

Calendar
November 2007
M D M D F S S
« Okt   Dez »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
2627282930  

Archive für 17.11.2007

Genazino - Regenschirm

Vor kurzem fertig gelesen, nicht mehr ganz druckfrisch das Werk, aber nach wie vor erwähnens- und lobenswert:

Wilhelm Genazino „Ein Regenschirm für diesen Tag“, Roman, München (Hanser) 2001, oder als Taschenbuch bei dtv, € 8,–, 170 Seiten.

l1030472-genazino-1-27.jpg

Berichtet wird von einem Mann im „Stadium der Existenzlosigkeit“, so heißt es einmal, von einem „Schuhtester“, dem man die Existenzgrundlage halbiert. Aber das ganze Buch ist ein sehr freud- und lustvolles, eigentlich.

Es enthält die nettesten Beobachtungen: „Wahrscheinlich liebt die Mutter den Staubsauger, weil das Gerät ihr vortrefflich dabei hilft, unerreichbar zu sein“ (S. 26). Oder: „Ich fühle die Zerbröckelung beziehungsweise Verflusung in mir, amüsiere mich gleichzeitig über sie und kann mir nicht recht böse sein.“ (S. 50)

l1030473-genazino-2-15.jpg

Der Autor geht ganz liebevoll mit sich und seinen Figuren um. Das Buch ist voll leichter, verspielter oder ernster Gedanken (z.B: über die vergleichende Schuldwissenschaft auf S. 103 ff), in einer ganz sorgfältigen, bedächtigen und unaufgeregten Sprache geschrieben.

In der Geschichte begegnet er Frauen, die er früher einmal näher oder entfernter gekannt hat. Irgendwann einmal. Und er begegnet Menschen die fast durchweg einen Defekt haben, irgendwie behindert sind.

l1030466-genazino-3-15.jpg

Das scheint er aber lustigerweise selber zu merken, denn auf S. 158 „…schwimmt eine Ente vorüber; sie hat ein Bein eigentümlich hochgestellt. Und obwohl ich mich gerade ermahnt habe, nicht mehr bedeutungsvoll zu sehen, fällt mir doch der Satz ein: Guter Gott, jetzt sind auch noch die Enten behindert.“

l1030467-genazino-4-15.jpg

Nach und nach findet er neue Begriffe für die Merkwürdigkeiten des Lebens und er erklärt sie dann auch ausführlich: Das „Gestrüpp“, das „Gewöll“, das „Geraschel“, das „Geschleppe“…Das ist alles sehr lesens- und bedenkenswert. Sehr klug.

Genazino nennt das Buch selbst eine „innere Erörterung“ (S. 133). Es ist von völliger Offenheit, die niemals peinlich ist. (S. 155 z.B.)

l1030469-genazino-5-15.jpg

Man traut sich gar nicht, großspurig von diesem kleinen Buch zu schwärmen. Es ist sehr empfindlich.

Also bitte lesen. Leise. Danke.

|