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Archive für November 2007
Hans und Manfred 1 / Zahnräder
30.11.2007 von Heiner.Eberle.
Für Hans war eine schwere Zeit angebrochen. Alles war in den letzten Wochen auseinander gefallen. Er hatte das Gefühl als ob er völlig alleine, von den anderen verlassen worden wäre, als ob das Leben zusammen mit den Freunden an ihm vorüberziehen würde und er allein zurückbliebe. Nannte man das “depressiv”?

Franz war im Sommer von der Brücke gestürzt, Herr Mindernickel war in der Erdbeere umgekommen, Frau Weichbrodt zog jetzt mit Herrn Bongartz nach Texas, Mähchen und Joe hatten werweißwo ihren Spaß… Es lief alles nicht mehr rund, alles war auseinandergebrochen, lag in Brocken vor ihm.

Manfred kam vobei, der Kollege aus der Firma, der sich bei der Jagd auf das Fiegenmonsters damals verdient gemacht hatte. Manfred mit der roten Mütze. Er war ja noch jünger, verstand seine, Hans’ Probleme sicherlich nicht. Manfred war noch unternehmungslustig und hatte noch Energie - im Gegensatz zu ihm, Hans.

“Na, was’s los, Hans?” fragte Manfred. Und was sollte Hans jetzt sagen? Ihm sein Leid klagen? Oder darüberhinweg spielen? Hatte er etwas zu verlieren? Sein Gesicht? Seinen Ruf? Nein. Also los, dachte er sich. Und erzählte seinem Arbeitskollegen, was ihn zur Zeit bedrückte. “Vereinsamung” nannte man das wohl, so kurz vor dem Rentendasein: Ein schlimmes Los.

Manfred, der sich manchmal nach etwas “Vereinsamung” sehnte - er kam aus einer Familie mit vielen Kindern und Neffen und Nichten - verstand trotzdem, was Hans’ derzeitiges Problem war.

Ihm fehlten nicht nur andere Menschen, ihm fehlte auch eine spannende Aufgabe und jemand, mit dem er etwas auf die Beine stellen konnte.

“Komm, lass uns mal aus den Zahnrädern was bauen. Vielleicht kommt ja etwas Vorzeigbares heraus”, schlug Manfred, der Hobbytherapeut, vor und lockte Hans aus seiner Grübelei heraus. So eine Aufgabe erschien ihm besser, als irgendwelche theoretischen Ratschläge zu geben.

Die Dinger waren ganz schön schwer. “Was denn bauen?” fragte Hans und stemmte schon mal das größte Rad auf seine Kante…

“Na zum Beispiel irgendwas hohes, aufrechtes, sichtbares, eine Skulptur, ein Denkmal. Vielleicht den “Turm der Zahnräder”. So etwas völlig Sinnfreies”, schug Manfred vor.

Und das schafften sie dann auch mit vereinten Kräften. Hans und Manfred betrachteten ihr gemeinsames Werk voller Stolz und Respekt.
Hans hatte sich dabei schnell wieder erholt. Seine Stimmung war minütlich besser geworden. Er war doch nicht so allein, wie er gedacht hatte. Es gab ja auch noch Lully und Gehscha usw. Jetzt auch Manfred.
Und das musste er unbedingt gleich zuhause seiner Frau erzählen: Dass er jetzt unter die Bildhauer gegangen war und eine Skulptur gebaut hatte. Das würde sie ihm sicher nicht glauben.
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Timm - Currywurst
29.11.2007 von Heiner.Eberle.
Ich habe mit hohem Vergnügen gelesen:
Uwe Timm „Die Entdeckung der Currywurst“ (das steht auch schon ewig bei mir herum.) Novelle, Köln (Kiepenheuer und Witsch) 1993. Jetzt sicherlich bei dtv als Taschenbuch, 200 Seiten, sicherlich auch unter € 10,–. (Ich empfehle nur billige Bücher… Seltsam.)

Uwe Timm, in Hamburg 1940 geboren, lese ich gerade im Klappentext, erhielt den Deutschen Kinderbuchpreis 1990 für das „Rennschwein Rudi Rüssel“ und „promovierte über das Absurditätenproblem“. Na, das ist doch was.

Wirklich ein Prima Buch: Eine alte Dame im Pflegeheim erzählt dem Erzähler, wie sie nach dem Krieg die Currywurst erfunden hat. Aber (Klappentextzitat, weil das alles stimmt) „sie rückt auf seine Fragen nicht so schnell mit einer Antwort heraus. Vielmehr erzählt sie eine ganz andere Geschichte (…).

Im April 1945, kurz vor Kriegsende, hat sie einen Marinesoldaten in ihrer Wohnung versteckt und mit ihm ein Liebesverhältnis angefangen. Dann aber kapituliert Hamburg. Die Frau Lena Brückner will den Deserteur noch nicht heim zu Frau und Kind lassen. Sie verschweigt ihm, dass der Krieg zu ende ist.
So sitzt er in der Wohnung fest und wird mit Ersatzgenüssen umsorgt, mit Gerichten und Geschichten: Wildgemüse, Eichelkaffee und falscher Krebssuppe. Bis er eines Tages den Geschmackssinn verliert.“

Wie man sich mit kleinen (oder großen) Lügen oder dem Verschweigen von Wahrheiten (was auch immer das ist) etwas Geborgenheit und Lust sichert. Das Glück der beiden funktioniert nur, weil beide sich gegenseitig ganz Wesentliches nicht sagen. Darum geht es unter anderen in der Geschichte.
Und natürlich um die Wurst. Um die exotische Gewürzmischung. Wie Frau Brückner da letzten Endes dran kommt, um das Rezept und die Zubereitung und um den Ketchup. Aber erst ganz zum Schluss. (Wirklich erst zum Schluss, Steffen!)
Macht Spaß zu lesen.
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Gottlob 1 - Konfetti
28.11.2007 von Heiner.Eberle.
Gottlob Friedrich war Straßenfeger. Mit Freude und mit viel Stolz. Er wusste, dass er einen wichtigen Job hatte und ließ sich den auch von niemandem schlechtreden. Sein Job war, Straßen, Wege, Gehwege, Einfahrten, usw. sauber zu halten und von Müll und Abfall zu befreien.

Schmutz ganz allgemein konnte er in keiner Form ertragen, Bevor der Boden nicht peinlich sauber gefegt oder blank poliert und gebohnert war, gab er nicht auf. Das war schon immer so gewesen. Schon als Kind war er deswegen schon auffällig geworden.
Heute war mal wieder ein Unglück passiert. Irgendjemand hatte gefährliche runde Papierstanzreste auf den Schreibtisch fallen lassen und das Telekommunikations-Device in Gefahr gebracht. Gottlob Friedrich reagierte sofort.

Die Dinger mussten schnellstmöglich entfernt werden. Sie waren so gefährlich, weil ihre Kanten so scharf waren, dass man sich daran Hosen oder Wertvolleres aufritzen konnte. Also mal wieder genau der richtige Job für ihn, den Retter der Passanten und Fussgänger.

Schaufel und Schubkarre hatte er gottseidank immer dabei. Was wäre er ohne sie! Der Besen war von ihm nicht mehr zu trennen. Er war quasi mit ihm bereits verwachsen. Er kam nicht mehr von ihm los.
Gottlob rackerte sich ab, Er ruhte nicht eher, als bis alles, auch das letzte Papierschnipselchen, aufgesammelt und zum Abtransport in der Karre lag.

Damit hatte er wieder mal gewonnen. In seinem täglichen Kampf gegen den Abfall, den Dreck, den Schmutz und den Kehricht. Das würde er umgehend als Erfolgsmeldung beim Stadtreinigungsamt berichten müssen.

So sah sein Lebensinhalte aus. Dafür lebte er. Dafür wurde er bewundert und bezahlt. Dafür liebte ihn seine Frau (die nicht ganz so pingelich war wie er) und dafür lohnte es sich zu leben, dachte er. Und sang den alten Walzer seiner Straßenfegerzunft, der wie für ihn geschrieben war:
“Ich bin der Straßenkehrer Gottlob Friederich.
Ich kehr bei arm und reich, bei hoch und niederich.
Bei Eis und Schnee bei Regenwetter und bei Sonnenschein
muss ich als Straßenfeger immer auf dem Deckel sein…”

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Luftflaschen
27.11.2007 von Heiner.Eberle.
Die Bierbraufirma Binding-Henninger-Radeberger hatte sich dieses Jahr im Sommer eine prima Promotion ausgedacht: Ein Awareness-Spektakel ersten Ranges.
Vor dem Verwaltungsgebäude an der Darmstädter Landstrasse installierten sie 3 große aufblasbare Bierflaschen.

Die linke stand für “Export”, noch etwas lasch am Morgen, aber am Boden und am Haus schon heftig fest gezurrt.

Die mittlere war eine Flasche Römerpils. (Davor sieht man übrigens die Installation, die mal für den Springbrunnen vor dem Haus vorgesehen war. Den habe ich aber bis heute nie in Aktion gesehen…)

Und rechts außen sollte die Binding Lager Flasche mal zum Stehen kommen.

Und irgendwann war es dann auch so weit, später am Tag. Ich kam an meinen Schreibtisch zurück und die Henninger-Pumpen hatten ganze Arbeit geleistet. Da stand ganz prächtig das Römerpils-Fläschchen vor den glänzenden kupfernen Braukesseln. Nichts mehr mit erektiler Dysfunktion. Alles paletti.

Und bald danach hatte sich auch das Export zu stolzer und praller Größe erhoben.

Die Flaschen waren nach ein paar Tagen wieder abgebaut, die Luft rausgelassen, eingepackt und wahrscheinlich zu einem großen Event gekarrt worden.
Tolle Idee sowas. Man müsste sich die Flaschen mal als Heißluftballons bauen lassen, das wäre sicherlich auch spektakulär.
Der “Fliegende Henninger”, hihi…. (Ja gut, der “Fahrende” Henninger müsste es heißen, wäre ja ein Luft-”Schiff”, schon klar. Und dann noch der “Fahrende Binding”, geht also gar nicht. Ich ziehe den Wortwitz hiermit zurück.)
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Frau W. und Herr B. / Verzaubert 2
26.11.2007 von Heiner.Eberle.
Es war wie früher mit ihrem verflossenen Herrn Mindernickel. Sie stieg ihrem Beschützer nach. Wie Herr Mindernickel damals im Brötchen oder in der Erdbeere, so war es jetzt der Metzgersprofessor aus Texas, der ihre Begleitung benötigte, ansonsten er sich sicherlich das Hirn irgendwo einrennen würde. Da war sie sich ziemlich sicher. Männer waren ja alle gleich.

Und was hatte sie gesagt: Der Weg auf das Hochplateau führte über einen völlig anderen Weg, als der gute Professor vermutet hatte, nämlich über die Nordwand. „Alle möglichen Permutationen (Stellungen) bilden die Menge G_W. Jede Stellung ist durch eine Verknüpfung der sechs Grundpermutationen B_W = \{V, H, R, L, O, U\} subset G_W zu erreichen, die mit der zweistelligen Verknüpfung circ: G x G rightarrow G verbunden werden. Da hättest du auch selbst draufkommen können, mein geliebtes Dickerchen,“ flüsterte sie ihm schnurrend ins Ohr, als er bei ihr angekommen war.

Und sogar Hans hatte einen Teil des Aufstieges schon geschafft. „Ich weiß bloß eins”, grummelte er: “Wenn ein Eckwürfel verdreht ist, dann ist immer eine weitere Ecke verdreht. Wenn eine Kante verdreht ist, dann ist immer eine weitere Kante verdreht. Und wenn zwei Eckwürfel in ihrer Stelle vertauscht sind, dann sind automatisch auch zwei Kanten miteinander vertauscht.“

Der Herr Professor (der sich nicht so gerne „Dickerchen“ nennen ließ) und Frau Weichbrodt genossen die Aussicht und die Ruhe oben auf dem hohen Plateau. So Eines Geistes Kind zu sein und sich quasi blind zu verstehen und sich zu vertrauen, das war schon eine sehr prickelnde Erfahrung. Das hatten beide sich nicht so schön vorgestellt. Es war alles viel besser, als sie es erwartet hatten.

„Na, wann soll’s denn losgehen über den großen Teich in die Neue Welt?“ fragte neugierig schnodderig Hans, „…muss doch dann vorbeikommen und viel Glück und gute Reise wünschen.“ „Am 18. Dezember, wenn alles klappt“, sagte Frau Weichbrodt und schauderte etwas, als sie daran dachte, dass es bis dahin ja nur noch wenige Wochen sein würden. Wie sollte sie denn alles vorher erledigen, das war ja völlig unmöglich… Leichte Panik überfiel sie und ein kleiner Schatten legte sich über ihre Hochstimmung. Aber dann dachte sie daran, dass das Leben in Texas mit ihrem geliebten Professorchen ganz prima werden würde, mit all den netten Tieren und der schmucken Wurstfabrik. Und außerdem würde ja auch das Wetter in Texas um einiges besser sein als der grippeträchtige Schmuddel, den sie hier vor Weihnachten durchzustehen hatten.

„Ich habe zuhause eine ganz besondere Überraschung für Dich, glaube ich“, flüsterte Bongartz Sesimi ins Ohr. „Nämlich einen Megaminx. Kennst du den? Der Megaminx verfügt über 50 bewegliche Teile (im Gegensatz zum Zauberwürfel, der nur über 20 verfügt). Davon sind 30 Kantenstücke mit 2 Farben und 20 Eckstücke mit je 3 Farben. Die fünfeckigen Mittelsteine sind fixiert am Grundgerüst des Puzzles und ändern ihre relative Lage nicht.

Das führt zu einer maximalen Obergrenze möglicher Kombinationen von 30!·20!·2hoch30·3hoch20. Da mechanismusbedingt nicht jede Stellung erreichbar ist, verringert sich diese Anzahl auf 30!·20!·2hoch27·3hoch19 ~ 10hoch68. Aber das reicht ja auch. Wäre das nichts für Dich?“

Frau Weichbrodt konnte sich kaum auf den Beinen halten, so weich waren ihre Knie während der letzten Sätze des Professors geworden. Endlich jemand, der ihre Obsessionen verstand. Nichts konnte schöner sein. Auf nach Texas. Mit ihm.
Nicht verpassen: Am 18. Dezember kann man den beiden tschüss sagen.
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Sloterdijk - Im selben Boot
25.11.2007 von Heiner.Eberle.
Einen schmalen Band habe ich gelesen und einige Zitate daraus Hans bzw. Herrn Bongartz in den Mund gelegt: Ich glaube das war am 9. Oktober.
Peter Sloterdijk: „Im selben Boot – Versuch über die Hyperpolitik“. Frankfurt (Suhrkamp) 1993, als Taschenbuch 81 Seiten, € 6,50.

Darin enthalten ist eine Beschreibung, überzeugend und nachvollziehbar (ich schätze auch anthropologisch richtig), der gesellschaftlichen Beziehungen in ganz frühen Zeitaltern, wo Menschen in Horden auf „Sozialinseln“ „hervorgebracht“ werden und Beziehungen zueinander entwickeln. Dem kann man folgen, das ist ein erhellendes erstes Kapitel: Die „Flöße“.
Das zweite „Weltalter“ bezeichnet er als eines, das sich durch „Küstenschifffahrt“ mit „Staatsgaleeren“ und „Herrschaftsfregatten“ auszeichnet.
Und wir befinden uns in der dritten, gegenwärtigen, Ära, wo „Super-Fähren“ durch ein Meer von Ertrinkenden hindurchziehen.

Sloterdijk zeigt hier unter anderem, wie Gewalt und Widerstand entstehen kann, wo allgemeine Aussichtslosigkeit herrscht, wenn die kleinen sozialen Einheiten vernachlässigt werden, wenn sich die Menschen von der Geschichte und der Politik verlassen und bedroht fühlen.
Und er fordert eine neue Art des Denkens. Eine Politik, die darauf abzielt, nicht das Zusammenleben der letzen Menschen (z.B. vor der Klimakatastrophe) zu organisieren, sondern als eine Wettgemeinschaft, die auch in Zukunft auf Weltverbesserung spielen wird. Was sie zu lernen hat, ist ein Verfahren, ihre Gewinne so zu machen, dass es auch nach ihr noch Gewinner geben kann.

In den üblich schwierigen Sätzen mit den Sloterdijkschen Wort-Neuschöpfungen sind das sinnreiche Gedanken und Betrachtungen, die vielleicht etwas herausfordern. (Ich stelle gerade fest, der Text ist auch schon wieder 14 Jahre alt! zzz…)
Aber 80 Seiten kann man ja mal probieren.
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Frau W. und Herr B. / Verzaubert 1
24.11.2007 von Heiner.Eberle.
Die beiden hatten sich gefunden und ließen sich nicht mehr voneinander trennen.
Alles unternahmen sie gemeinsam. Herr Professor Bongartz hatte noch einige Wochen Zeit, bevor er wieder in das heimatliche Texas zurückfliegen musste (natürlich mit Frau Weichbrodt zusammen) und das genossen sie ausgiebig.

Frau Weichbrodt zeigte ihrem Lebensgefährten ihren ganzen Stolz, einen alten Zauberwürfel, den sie sich noch aus der Zeit, als sie Mathematik unterrichtete, im Garten aufbewahrt hatte.

Herr Bongartz kannte so ein Ding zwar auch – er hatte zuhause etwas ganz ähnliches stehen – wusste aber nicht wirklich etwas damit anzufangen. Er hatte sich noch nie ernsthaft damit beschäftigt.

Frau Weichbrodt erklärte ihm die Grundbegriffe, die man brauchte, wenn man eine Lösung auf logisch-mathematischem Wege dafür suchte: „Es gibt Ecksteine: Die acht Ecksteine verbinden je drei angrenzende Flächen in den Ecken. Dann gibt es 12 Kantensteine, die je zwei angrenzende Flächen in den Kantenmitten verbinden. Und schließlich kennen wir Mittelsteine: Die sechs Steine in der Mitte der Würfelflächen besitzen zueinander konstruktionsbedingt immer dieselbe relative Lage und bestimmen so, welche Farben aneinandergrenzen müssen.“

Davon war Herr Bongartz zwar hoch beeindruckt, aber es war für sein Gemüt dann doch etwas zuviel. Er war eher der Praktiker, der so ein Problem nicht im Kopf, sondern durch Ausprobieren lösen wollte. Glücklicherweise kam Hans dazu, der früher immer den Würfel ölen musste, wenn er mal wieder zu sehr quietschte.

„Die erste theoretische optimale Lösung stammt von Richard Korf, der 1997 zeigte, dass die durchschnittliche optimale Lösung 18 Züge benötigt”, fuhr Frau Weichbrodt fort. “Er ging außerdem davon aus, dass nie mehr als 20 Züge erforderlich sind, jedoch konnte er das nicht beweisen. Mitte 2007 gelang es Computerforschern, eine Software zu programmieren, die den Würfel in maximal 26 Zügen löst (der bisherige Rekord lag bei 27 Zügen). Durch immer schnellere Computer mit größerer Rechenleistung ist zu erwarten, dass auch dieser Rekord gebrochen wird. Ob man jedoch jemals an die 20 Züge heran kommt - sofern die Theorie der 20 Züge, die man bis heute nicht beweisen konnte, überhaupt der Wahrheit entspricht - ist damit nicht gesagt.“ Herr Bongartz bewunderte das Wissen seiner geliebten Sesimi, aber viel mehr reizte es ihn, das gute Stück von oben in Augenschein zu nehmen.

Und so bestieg er die rechts außen liegende Flanke. „Der Würfel kann als mathematische Gruppe aufgefasst werden,“ rief Frau Weichbrodt zu ihm hinauf. „Hierfür wird jede Stellung als eine Verknüpfung der sechs möglichen Basis-Permutationen B = \{V, H, R, L, O, U\} betrachtet.“

Die Fortsetzung hiervon folgt in etwa 2 Tagen.
Geschrieben in Prof. Bongartz, Hans, Frau Weichbrodt, Allgemein | Drucken | Keine Kommentare »
Gardiner - Bach Kantaten 2
23.11.2007 von Heiner.Eberle.
Weil es nur Kantaten für 52 Sonntage und einige Feiertage gibt, musste / konnte die Aufnahme des gesamten Werkes in einem Jahr abgeschlossen sein. Was der Hörer mitbekommt, ist also pro CD ein Querschnitt der Kompositionen von Bach zu einem bestimmten Tag im Kirchenjahr und einem bestimmten Anlass. Im Lauf der Zeit und der Jahre immer wieder mit unterschiedlichen Texten neu und anders komponiert. Das ist die eine (vertikale) spannende Betrachtungsweise.
Die andere (horizontale) ist, sich die Kantaten eines Jahres in der Abfolge von einem Sonntag zum nächsten anzuhören und zu beobachten, was da passiert. Wenn z.B. Musiker zu Bachs Zeiten ihr Instrument nicht ausreichend beherrscht haben und Bach in seinen wöchentlichen Kompositionen und Aufführungen darauf reagieren musste…

In den Begleittexten, die Gardiner selber schreibt (und er schreibt zu jeder einzelnen Arie, zu jedem einzelnen Choralstück jeder Kantate, wie er es sieht, was er darin liest, was er daraus gemacht hat und warum das alles ganz großartig ist, man kann unglaublich viel dabei lernen), erfährt man auch etwas von dem Risiko, dem Abenteuer, das die Truppe eingegangen ist.

Mal ist nicht genügend Platz vor dem Altar oder auf der Empore, mal ist am Reformationstag in Wittenberg, als sie dort aufnehmen wollen, ein Jahrmarkt vor der Kirche, mal ist die Akustik so, dass ein Instrument völlig untergeht, mal ist die Stimmung der Orgel nicht mit den Instrumenten des Orchesters in Deckung zu bringen usw. Und das merken sie meistens immer erst 1-2 Tage vor der Aufführung! Man will sich das alles gar nicht ausdenken. Ich will nicht wissen, wie oft sie sich ein sicheres Studio gewünscht haben.

Wer mehr von Gardiner und seiner „Monteverdi Productions“ hören, lesen und sehen will, gehe bitte dringend in den Plattenladen oder auf diese Website, die ich sehr empfehlen möchte:
Dort ist auch sehr interessant nachzulesen, wie das Firmen-Sponsor-Programm aufgebaut ist. Da kann man sich noch was abgucken. Und bekommt Lust, selber was zu spenden. Die machen das richtig gut.

Ach ja, und noch ein Tipp: Wenn man Abonnent der CDs ist und sie sich aus UK schicken lässt, es erscheinen seit 2005 pro Jahr 3-4 Doppel CDs, bekommt man regelmäßig (aber selten) Post von Frau Gardiner, die sich um alles kümmert, wozu ihr Mann keine Zeit hat. Darum, dass die Kreditkarten der Abonnenten noch gelten, dass man weiß, was als nächste Lieferung kommt, wo ihr Mann demnächst Konzerte gibt usw. Sehr nett.

Zum Schluss noch ein Zitat aus der oben genannten FAZ:
„Wenn auch unter größtem Zeitdruck komponiert, kopiert und einstudiert, wohl auch nicht immer perfekt aufgeführt, lassen die Kantaten eine verborgene Parallelwelt aufscheinen, so, als habe sich Bach mit ihnen eigene musikalische Wünsche erfüllt und im erfinderischen Umgang mit den engen logistischen Vorgaben der Sonntagsmusiken vor allem die reizvolle Herausforderung sehen wollen. Gardiner fügt eine weitere künstlerische Dimension hinzu. Er hört die Kantaten auf seine Weise, liest Bizarrerien, Extreme und Einseitigkeiten in sie hinein. Die Stücke erlauben es, weil sie unerhört vielschichtig sind, und Gardiner darf es, weil er hervorragende Musiker hat. (…)
Es gibt bei diesen Aufnahmen trotz mancher Exzentrik keine Eitelkeiten. Vor allem der Monteverdi Choir ist frei von Glamour, ohne stumpf zu werden und natürlich, ohne deswegen nachlässig zu sein. Ja, dieser Chor klingt wie eine veritable Gemeinde, die zufälligerweise professionell singen kann.“

Es ist ein in allen Beziehungen großes Werk. Und man steht ziemlich ehrfürchtig davor. Das muss man unterstützen.
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Gehscha 13 / krank 2
22.11.2007 von Heiner.Eberle.
Undine war immer noch krank. In der Zwischenzeit hatte sie sich einen Nasenstick besorgt, der ätherische Öle freisetzte.

Sie konnte nach ein paar Atemzügen zwar fast nicht mehr aufrecht gehen, so benommen machte sie der Geruch, aber sie war davon überzeugt, dass die Dämpfe ihr Erleichterung verschafften und ihre Schleimhäute beruhigten. Leider hatte dieser Stick einen hohen Suchtfaktor. Sobald das Öl verrochen war, erlaubte ihr der Arzt keinen weiteren mehr zu kaufen und zu verwenden. Fand sie kleinlich.

Irgendwo entdeckte sie auch noch eine alte Bronchialsalbe (zur „äußerlichen Anwendung“). Die flog aber sofort in den Mülleimer (oder war das Sondermüll, den man in der Apotheke abgeben musste? Sie wusste es nicht…), jedenfalls war das Haltbarkeitsdatum seit einem Jahr überschritten. Ohne Worte.

Schließlich kam sie wieder auf die altbewährten Mittelchen zurück.

Ihre Nase ließ sie einfach laufen, und gegen den Husten hackte sie sich immer mal wieder ein Stück von dem Schweizer Kräuterbonbon ab.

Und ganz allmählich, nach ein paar Tagen, war sie endgültig auf dem Weg der Besserung. Sie musste ja auch gesund werden (obwohl sie nicht wirklich wusste, wovon sie jetzt eigentlich gesund geworden war). Die Verabschiedungsparty für Frau Weichbrodt und Professor Bongartz sollte ja demnächst steigen.
Wie gerne wäre sie mit nach Texas gegangen…
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Goldt - Kugeln
21.11.2007 von Heiner.Eberle.
Einen schönen Band aus dem alten Hause Haffmans habe ich gerade fertig gelesen:
Max Goldt: „Die Kugel in unseren Köpfen“, Kolumnen aus der Titanic 1993 / 1994. Mit ein paar Zeichnungen von Tex Rubinowitz, Umschlag von Michael Sowa (wie damals fast alle Umschläge bei Haffmans, wenn sie nicht von Volker Kriegel waren). Zürich 1995, gebunden, 214 Seiten. Jetzt bei rororo für € 7,90.

Muss ich über Max Goldt noch was sagen? „In immer größer werdenden Zeitabschnitten bildet er mit Gerd Pasewang das Duo „Foyer des arts“, in welchem er eigene Texte deklamiert. Als Solist beschäftigt er sich mit verschiedenen Methoden der Klangerzeugung. Er wird auch weiterhin unverdrossen am Publikumsgeschmack vorbei produzieren.“ Sagt der Klappentext.
Nach „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“ ist das der zweite Band der Titanic Kolumnen, also kein „Best of“, was gut ist.

Seit 1989 schreibt Goldt, bekennender Pollunderträger (das war 1995 noch exotisch), monatlich einen Kolumne für die Titanic, die dann mal eingestellt wurde, („Onkel Max’ Tagebuch“), dann wieder erschien („Kulturtagebuch“). Goldt kommentiert darin Dinge (ein Mahner in der Wüste), Vorkommnisse und andere Sachen, die er mag oder auch nicht.
Er erzählt von Begegnungen, die abseitig oder unfassbar sind. Z.B. auf S. 137: „Es lebe das Handwerk! Die Arbeitsteilung! Die Zellteilung! Nieder mit dem Do-It-Yourself-Wahn! Und vor allen Dingen: Es lebe die Kuh! Und zwar möglichst lange und unzerkleinert!“ (Zum Thema: „Warum sich nicht jeder ein Rind im Wohnzimmer schlachten soll.“).
Noch ein Zitat: „Ein Fertiggericht zu essen ist so, wie wenn man mit Claudia Schiffer verabredet ist und dann kommt Günther Strack.“ (S. 179). Oder das hier:

„Nun habe ich Stellung bezogen zu Fragen der sommerlichen Körperpflege und Kleidung. Menschen, die nicht starrköpfig sind, sondern sich zu ihrer Hilfebedürftigkeit bekennen, werden es mir danken. Ansonsten darf man, wenn es heiß ist, seinen Teller nicht mit sämigen Soßen beladen, sondern nur mit superleichten Dips und Dressings. Immer schön dippen! Sonst kippt man um. Und tüchtig trinken muss man. Auch hier gibt es eine Regel: Alkohol erst, wenn es dunkel ist.“ Was ist an so etwas eigentlich komisch? (Aus der umfangreichen NZZ Kritik des Buches, gefunden bei amazon, auf der Website des Buches allda.)
Die Kolumnen enthalten auch so detailversessene Beschreibungen wie bei Genazino. Auch in interessiert freundlicher Haltung. Goldt lässt sich nicht zu Deutungen hinreissen. Er bleibt auf der lebenstauglichen Ebene. Produktbezogen.

Seine Alltäglichkeiten sind keine Metaphern für etwas. Alle Zumutungen stehen für sich selbst. Ohne Anspruch auf Bedeutung nimmt er seine Umwelt wahr. Und deshalb ist das sehr spannend.
“Kugeln” enthält folgende Knüller und Höhepunkte:
Warum Dagmar Berghoff so stinkt, Kennen Sie das Wort “Mevilve”?, Herr Kosmos ist von den Menschen enttäuscht, Dank Bügelhilfe fühlt man sich wie ein geisteskranker König, Okay Mutter, ich nehme die Mittagsmaschine, Wäwäwäwäwä und Wäwäwäwäwäwäwä, sowie den Publikumsliebling: Üble Beläge. (amazon)
Also bitte mal Goldt lesen, wer es noch nicht getan hat.
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