Dahl – Tiefer Schmerz

Also wenn ich mal einen wirklich guten Krimi empfehlen darf: Arne Dahl „Tiefer Schmerz“, München (Pieper) 2006, übersetzt (an einigen Stellen knirscht es, und vom Schwedischen Umgangston ist man auch zuweilen überrascht…) von Wolfgang Butt. 410 Seiten (könnte auch länger sein), € 8,95.

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(Zu Wolfgang Butt nur ein Beispiel von S. 203: „Professionalismus“ würde ich einfach durch „Professionalität“ ersetzen.)

Arne Dahl ist ja bei seinen Mordfällen nie zimperlich, wenn es um außergewöhnliche Tötungsmethoden und Grausamkeiten geht. In diesem Buch auch nicht. Aber es hat alles seine Logik. Alles stimmt zusammen. Es ist gut gebaut und alle Themenstränge führen rechtzeitig und richtig auch wieder zusammen. Er verliert keinen Faden.

Es geht letztlich um Vergeltung, um eine Rache-Geschichte. (Man kann also auch auf der Seite der Verbrecher stehen. Zumindest ertappt man sich zuweilen dabei.) Und selten hat mich eine Geschichte in den letzten Monaten so gefesselt wie diese hier.

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Es ist nebenbei auch die Geschichte der Zerstörung eines persönlichen Paradieses, nämlich des Glückes einer der Kommissare und seiner Familie, die in den „Fall“ verstrickt sind. Unbeabsichtigt. „Alles war wunderbar und alles war falsch“, heißt es am Ende auf S. 410. Und das ist vielleicht die Quintessenz daraus. Es geht beides zusammen.

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1 Problem habe ich allerdings: Beim ersten Mord finden sie ein Wort, das die Polizei als „Epivu“ identifiziert (S. 36). Ein Professor, 90 Jahre alt, aus einem zunächst noch anderen Erzählstrang, verliert sich in der Stockholmer U-Bahn und stellt irgendwann fest, dass das Muster seiner Fahrten jeden Tag die Form eines Buchstabens nachbildet. (S. 79, 108, 110, 112) Und er setzt das Wort „Epivu“ zusammen. „Sinnlos“ (S. 112) Und genau das ist es! Später stellt sich nämlich heraus, dass das Wort gar keinen Sinn macht, sondern von den Kommissaren falsch verstanden wurde, ein Lesefehler war.

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Wie kann also der Herr Professor das Muster eines Wortes abfahren, das nur das falsche Leseergebnis der Stockholmer Polizei war? Solche Scherze macht das „Schicksal“ ja nicht, das ist Quatsch. Und außerdem ist das eine Idee von Paul Auster (in einem Teil der Manhattan Trilogie sammelt ein Mann Dinge vom Boden auf und legt dabei bestimmte Strecken in Manhattan zurück, die danach als Muster eines Wortes gelesen werden können… sehr mysteriös.) Oder womöglich von jemand ganz anderem.

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Und noch was, dann ist aber genug genörgelt: Der Herr Professor verwendet für sein zweigeteiltes Leben die Metapher eines Blatt Papieres, bei dem auf beiden Seiten ein Text steht. Dieses Bild wird später (S. 76) – für meine Begriffe unzulässig – vom Autor übernommen, auf andere Personen angewendet und von denselben für sich in Anspruch genommen. Das ist etwas komisch, fühlt sich nicht gut an. Hätte ich nicht gemacht. Na egal.

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Alles in allem ein tolles Buch. Bitte lesen. Ist rundherum empfehlenswert. Wie die anderen Krimis von Herrn Dahl. Bis auf „Rosenrot“. Wurde zwar viel gelobt, konnte ich aber noch nicht lesen und beurteilen. Ich schätze, dass es trotzdem gut ist.

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