Walser – Meßmers Reise

Ich bespreche heute: Martin Walser „Meßmers Reise“ (Roman?), Frankfurt (Suhrkamp) 2003, 191 Seiten. Die fadengebundene Leinenausgabe mit Lesebändchen wird derzeit für ein paar Euro verramscht und sollte im gut sortierten Antiquariat noch zu haben sein.

Nach ein paar Mal auf- und zuklappen habe ich festgestellt, dass die Illustrationen auf dem Schutzumschlag fast genau so aussehen wie die Notizen, die ich mir neben dem Lesen her vollkritzle. So entstehen also Bücher.

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Und so fängt das Buch also an: Einzelne Gedanken ohne Zusammenhänge, die teilweise banal sind (S. 38: „Unterwegs weiß er oft nicht, fährt er hin oder zurück.“) oder grob Meinungen oder diskutierfähige Erkenntnisse wiedergeben (S. 51: „Der Unterlegene muss dem, dem er unterlegen ist, zustimmen. Das ist der Tribut. Das ist der Grund aller Geschichtsschreibung.“), oder interessante Vorstellungen (S. 56: „Irgendwo stehen, wo Caspar David Friedrich ihn gemalt hätte.“)

Teilweise erscheint es wie dumpf-arrogantes Kokketieren mit Sachen, die er offensichtlich nicht versteht oder verstehen will (S. 89: „Vielleicht bin ich vorsteuerabzugsberechtigt?“)

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Die Geschichte baut sich aus Einzelsplittern nur ganz mühsam auf. Weil es auf S. 39 um die ehemalige DDR geht, spielt es also vor 1989. Der Schauplatz wechselt von Textblock zu Textblock. Mal in der Bahn, dann im Restaurant, mal spricht „er“, dann „wir“, dann ein „ich“. Auf S. 44 entdecken wir endlich, dass er (Meßmer) auf einer Vortragsreise ist.

Die Sprache und Formulierungen kommen  mir oft sehr angestrengt vor. Auf Teufel komm raus drechselt er Sätze, sucht die ungewöhnlichste Art, etwas auszudrücken, das vielleicht in ein Aphorismenbuch passen würde.

Das ist ganz alte Schule. Richtige Dichtung. Vom Schwaben Walser. Man muss sich ihn am Bodensee vorstellen, mit Hut, Brille und buschigen Augenbrauen, wie er um jedes Wort ringt. Eine Mischung aus Qual und Ironie. Man hat etwas Mitleid mit ihm. Alles kommt überlegt und langsam, gut gewogen und abgestimmt. Ernst und wichtig. Sätze für die Ewigkeit. Bedeutungsvoll. Wie Millionen anderer Sätze eben auch (S. 76: „Die unbeliebte Depression. Halbirre Paare nisten in ihren Zimmern, und Einzelne, dreiviertelirr, stehen auf Stühlen und ragen in die Einsamkeit“.) Bin ich nur einfach nicht empfänglich für so was?

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Das zweite Kapitel handelt von seiner Kalifornienreise. Dass es sich um eine Gastprofessur an der UCLA handelt, erfährt man glücklicherweise auf Seite 148. (Warum dieses Nicht-Informieren des Lesers? Aus welchem Grund?) Schöne und witzige Beschreibung des universitären Literatur- und Professorenbetriebes. Da wird der Erzählfluss weitaus konsistenter und lockerer.

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Weil ich 2 Lesezeichen habe, passierte es mir einmal, dass ich an der falschen (späteren) Stelle weiter gelesen habe. Versehentlich. Und es fiel mir zuerst gar nicht auf. Ich habe nichts vermisst. In der Erzählung hat nichts gefehlt. Ein gutes Zeichen? Ein schlechtes?

In Teil 3 gehen dann alle depressiv dem Abgrund zu. S. 179: „Was nützt es denn, wenn man in einem abstürzenden Flugzeug sitzt, sich einzugestehen, dass man in einem abstürzenden Flugzeug sitzt?“ Oder auf S. 181: „Das größte Glück ist, wenn ich jemanden anrufe und ich erreiche ihn nicht.“

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In der Konsequenz hat das Buch dann wieder etwas Großes. Aber so ganz klar ist das alles mir nicht geworden.

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