Frau W. und Herr M. / 9

Frau Weichbrodt hatte ein Problem: Sie wollte wieder auf eigenen Füssen stehen. Nicht mehr abhängig von ihrem Ersparten oder von Herrn Mindernickels zugegeben großem Vermögen sein. Sie wollte wieder ihrem Beruf als Lehrerin nachgehen, den sie in den letzten Jahren nicht mehr ausgeübt hatte.

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Sie träumte davon, wieder zu unterrichten und sie hatte von Irene (Frau von Tümmler) auch schon eine Stelle angeboten bekommen (Irene hatte gehört, dass man dort jemand suchte): In einer gepflegten Privatschule, einem Gymnasium, für 20 Stunden die Woche, also auch nicht zu anstrengend, mit Aussicht auf mehr.

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Allerdings war die Stelle ganz tief in Bayern und das hatte sie mit Herrn Mindernickel noch nicht besprochen. Als er an diesem Abend auf den Stecker kam, erwähnte sie es ganz beiläufig.

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„Wo ist das?“ fragte er entsetzt, „bei Passau? Willst du denn da leben? So auf dem Land? Glaubst Du, Du erträgst das?“

Er fand ein Argument nach dem anderen, warum Frau Weichbrodt lieber nicht so weit weg gehen sollte (keine Opern, keine Designerklamottenläden). Was er nicht wusste: Hans hörte die ganze Zeit zu.

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Er war in letzter Zeit immer in der Nähe. Sehr ungewöhnlich. Blieb immer hängen, auf dem Weg nach Hause. Spionierte er ihnen nach? Im Auftrag von wem?

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Jedenfalls eskalierte die Diskussion zusehends. Frau Weichbrodt pochte auf ihre Freiheit und ihren Wunsch, was Eigenes, Neues auf die Beine zu stellen. Schließlich müsste sie ihrem Leben ja auch wieder einen Sinn geben und könne nicht nur passiv und gelangweilt („gelangweilt?“ erwiderte entsetzt, weil persönlich angegriffen, Herr Mindernickel) zuhause sitzen und in zweifelhaften kulturellen Vereinen tätig sein.

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Erbost ob des völligen Unverständnisses und der unnachgiebigen Ablehnung von Herrn Mindernickel zog sie sich zurück. Seine ganzen Argumente hatten sie davon überzeug, dass sie dringend weg musste. Distanz würde gut tun.

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Auf der anderen Seite tat es ihr natürlich leid. Hans, der erstaunlicherweise Frau Weichbrodt sehr gut verstehen konnte, versuchte, Herrn Mindernickel zu beruhigen und zu trösten.

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Der aber, weil er ja gerade den Eifersuchtsschock überstanden hatte (Joe = Bruder von Frau W.), sah ein weiteres mal eine nicht-rosige Zukunft als alleinstehender vermögender alter Herr vor sich und empfand eine tiefe sauertöpfische Enttäuschung.

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Aber in der Sache sollte noch nicht das letzte Wort gesprochen sein. Lully kam vor bei und versuchte zu verstehen und zu raten: „…darüber schlafen, morgen ist auch noch ein Tag, da sieht die Welt wieder ganz anders aus…“ usw., seine übliche Leier.

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Und Hans versuchte desgleichen, die beiden wieder zusammenzubringen. Er schlug sogar vor, Herr Mindernickel könne doch mit ins Bayrische ziehen. Es solle da sehr schöne Flecken geben. Sein Schwager käme ja auch aus der Gegend um Passau, er hätte Bilder gesehen, und ein tolles Bier würde es da geben…

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Und so endete dieser Tag. Herr Mindernickel und Frau Weichbrodt wagten erste Gedanken an eine gemeinsam neue Zukunft auf dem Land. Irgendwo an der österreichischen Grenze.

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