Heinerblog

21.8.2007

Osso Bucco

Abgelegt unter: Allgemein — Heiner.Eberle @ 18:22

Man kann noch Entdeckungen machen, die erste Sahne sind.

Ich guck hin und wieder Joh. B. Kerners Kochsendung Freitag abends an und denke mir regelmäßig, dass die Köche und die Sendung ohne ihn fast noch besser funktionieren würden.

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Egal, ich behielt halbwegs grob im Kopf, was Rolf Zacherl in 45 Minuten gezaubert hatte: Beinscheiben auf Gemüse mit Vanille-Polenta. Warum ausgerechnet das? Weil es erstens toll aussah, mich zweitens die Polenta mit Vanille reizte und drittens Fleisch und Gemüse im Schnellkochtopf gemacht wurde, also einfach zuzubereiten war und vermeintlich wenig Arbeit machte. Das heißt, man kann sich nebenher voll und ganz der Polenta widmen, die etwas Pflege mit dem Besen braucht. Außerdem war das eher was Traditionelles und nichts so Spektakuläres wie “Langustinos” oder anderer neumodischer Esskram.

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Kurzum, vor einigen Tagen haben die Freunde in Gräfenhausen beim Metzger Osso Buco bestellt und eingekauft und was das Rezept sonst noch erforderte. Statt Kalbsscheiben waren es Beinscheiben vom Rind, was aber keinen elementaren Unterschied machte. Ist ja dasselbe Tier. Nur älter.

So wie oben und hier sieht es übrigens auf der Gräfenhausener Höhe aus:

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Da hinten unten liegt das Dorf:

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Das Rezept, um das es geht, findet man hier:

http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/4/0,1872,5566276,00.html
Das Ergebnis ist ohne Diskussion phänomenal. Ein heißer Nach-Koch-Tip. Die Polenta muss schlonzig (also cremig) sein, sonst ist das kein so großer Spass. Die Mischung aus Vanille, Olivenöl und Parmesan, zusammen mit dem fruchtigen Gemüse ist ein Erlebnis zum sich Reinlegen. Und das Fleisch, das von den Beinscheiben schon beim Hingucken abfällt, hat durch den Dampfkochtopf (in nur 40 Minuten) einen ganz intensiven Geschmack.

Und die Töpfe waren dann auch fast leer:

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Die Polentareste nochmal in groß (beim Draufklicken):

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Manchmal lohnt sich Fernseh-Gucken doch.

20.8.2007

Frau W. und Herr M. / 7

Abgelegt unter: Tiere, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:50

Eines schönen Sonntages - Frau Weichbrodt und Herr Mindernickel waren gerade unterwegs, um ein schönes neues Parkett für ihre gemeinsame Wohnung auszusuchen, (ja wirklich: dazu hatten sie sich durchgerungen) lag ein riesiges fettes totes Insekt vor ihren Füßen auf dem Weg. So einen Brummer hatten sie noch nie gesehen.

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Frau Weichbrodt rief per Handy sofort Cabel-Joe an, damit er zur Unglücksstelle komme und helfe oder zumindest sage, was sie jetzt tun sollten. Weder sie noch Herr Mindernickel (sie nannte ihn übrigens manchmal vertauensselig “Der kleine Nick”) wussten, wie man in so einem Fall vorgehen sollte.

Herr Mindernickel registrierte mit Verwunderung und Erstaunen, dass Frau Weichbrodt die Nummer von Joe auswendig kannte bzw. in ihrem Handy abgespeichert hatte. Und der alte bohrende Verdacht stieg wieder in ihm auf.

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Joe kam zu ihnen und brachte auch gleich Mowing Girl, das Mähchen mit (vielleicht war ja auch was zu mähen..), was Herrn Mindernickel besonders freute. Aus mehreren Gründen.

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Joe wusste, was zu tun war. Er rief Bruder Lully zu der Stelle, damit er die richtigen Worte fand, um der Fliege das letzte Geleit zu geben. Frau Weichbrodt und Herr Mindernickel hieten sich ehrfürchtig dabei im Hintergrund.

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In diesem Falle ging es nicht um Aussegnung, Bestattung usw, sondern um den Abtransport im Unimog. Gottseidank war Circus Krone gerade in der Nähe, die den schwierigen Transport übernehmen konnten.

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Gemeinsam nahmen sie Abschied von der Fliege, obwohl sie sie ja nie richtig kennengelernt hatten. (Sie war immer so schnell weg gewesen…) Auch Bruder Lully hatte Probleme gehabt, die passenden Worte zu finden.

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Aber noch bevor die Leiche abtransportiert war, merkte Herr Mindernickel dass Frau Weichbrodt nicht ganz bei der Sache war.

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Ihre Augen wanderten immer zu Calbe-Joe. Sie hingen an ihm. Und es war ihr offensichtlich nicht einmal peinlich.

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Schließlich kamen noch einige Arbeiter aus der nahegelegenen Bandfabrik dazu, die froh waren, dass die Fliege endlich das Zeitlich gesegnet hatte. Sie hätten ganz besonders unter dem Biest zu leiden gehabt. (Das will man sich lieber gar nicht so genau vorstellen.)

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Sie bedankten sich bei Mähchen, Joe und allen Beteiligten und wünschten sich ein baldiges Wiedersehen. So etwas musste ja begoseen werden. Und einer der Arbeiter, Hans oder Franz, versprach, bei der Verlegung des Parketts zu helfen. Wenn es dazu jemals kommen würde. Herr Mindernickel war sich da nicht mehr so sicher…

Das war dann doch noch ein schönes Ergebnis für diesen aufregenden Tag.

19.8.2007

Rosen etc.

Abgelegt unter: Reisen, Pflanzen, Tiere, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:53

Ich wollte noch mal ein paar Supperfotos von Rosen und anderer Flora zeigen.

Hier geht es los. Und zwar mit saftigen Trieben einer Madagaskarpalme:

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Jetzt aber zu den nassen Rosen:

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Wenn man oben im mittleren Bild genau hinguckt, sieht man im linken Wassertropfen ein Spiegelbild des Fotografen beim Fotografieren.

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And now to something completely different…

Die folgenden Bilder habe ich an einem nassen Abend in der Gegend vom Steinbruch bei Birkenfeld / Dietlingen aufgenommen.

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Und jetzt noch was Versöhnliches:

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Bis demnächst.

18.8.2007

Das Wurstbuch

Abgelegt unter: Kunst, Bücher, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:48

Ich habe am 29.06.07 davon geschrieben, welche Bücher noch auf meinem Stapel liegen. So nach und nach kann ich die als erledigt abhaken. Dazwischen haben sich ja aber andere eingeschlichen, die nicht vorgesehen waren. So so ist das nun mal: Der Stapel lebt.

Heute also folgendes: “WURST” von Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach und Vincent Klink. Köln 2006 (DuMont Kunst- ud Literaturverlag), 158 Seiten, schön in rotes Leinen gebunden, Fadenheftung, dickes Papier, mit vielen durchgängig vierfarbigen Gemälden zur Wurst.

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Gekauft am 2.1.2006, ich denke ich wollte es meinem Onkel zum Geburtstag schenken, habe es dann aber aufgepackt, weil ich doch mal reingucken wollte, konnte nicht an mich halten, habe drin gestöbert und schließlich innerlich schon so davon Besitz ergriffen, dass ich es nicht mehr herschenken konnte. Brauchte also ein anderes Geschenk.

Jetzt lag es also im Regal und musste warten, bis ich wieder darauf aufmerksam wurde. Das Rezept mit dem Wurstsalat hat mich zwar nicht so überzeugt, aber ansonsten ist das eine richtige Kaufempfehlung. (Vielleicht gibt es mittlerweile sogar eine Taschenbuchausgabe davon… Hauptsache die Bilder sind in Farbe drin!)

Denn die sind fast das Wichtigste. Was Nikolaus Heidelbach da in alter Manier malt, ist wirklich ganz außerordentlich. Man kennt ihn ja von nahezu allen Buchillustrationen und Buchumschlägen des gotthabihnselig Haffmans Verlages und dem einen oder anderen Band mit Zeichnungen, die leicht jugendgefährdend waren. Aber hier lässt er seine Gedanken und seine Pinsel dermaßen lieb und phantastisch an der Wurst aus, dass jedes Bild zum Einrahmen schön ist.

Das zum Beispiel, gehört am Rande zu einer Geschichte von Vincent Klink über 2 Küchen-Kollegen aus Afrika, die - weil Moslems - noch nie Schweinefleisch gegessen hatten und auf dem Münchener Oktoberfest zum ersten Mal von einer bayrischen Roten Wurst probierten. Wie das ausging sage ich aber nicht.

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Vincent Klinks Geschichten sind das zweitbeste im Buch, folgen aber nur ganz kurz hinter den Highlight-Gemälden von Herrn Heidelbach. Klink ist daneben ja auch Herausgeber des “Häuptling eigener Herd” (mit W. Droste), hat früher bei Haffmans (da ist er schon wieder) die “Rübe” herausgegeben und immer noch bei Klett-Cotta den “Kulinarsichen Almanach”. Er kann also schreiben. Er kann auch musizieren und daneben die Wilhemshöhe (1 Michelinstern) in Stuttgart führen und im Fernsehen kochen. Wann lebt der Mensch eigentlich?

In der Einführung philosophieren sie gemeinsam über das Universum Wurst und dass doch nur durch die Wurst alles erklärt werden kann usw. usf. Mir blieb dabei nur das Wort “darmummantelt” hängen, das wie bei Mosebachs “Bambussopha” ein von mir bislang ungelesenes war. Es sieht auch schon so aus.

Das Buch hat einen hohen Nutzwert, wenn den jemand sucht. Z.B. lernt man ab S. 30 viel über Roh-, Brüh- und Kochwürste und was der Unterschied zwischen den dreien ist. Oder die Einsicht Herrn Klinks auf S. 54: “Würste sind wie das Leben: kaum zu greifen.” Weil es beim Wurstmachen so glitschig zugeht, natürlich.

Ich zitiere mal, damit man versteht, warum mir das gefällt: (S. 57) “Jetzt geht es ans Verpacken. Was wir brauchen, ist nun nicht ein schweinisches Darmende, sondern ein Schweine-Enddarm, vulgo Last-Exit der lebenden Sau. Diese schlauchartigen Dinger kann uns jeder Metzger besorgen.” Oder “Mexter”, wie unsere Oma immer sagte.

Das stimulierende (potenzierende) Geheimnis des “Rhaz el Hanout”, eines Gewürzes, das in französischen Meguez verwendet wird, findet man übrigens auf Seite 68.

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Auch eine schöne Einsicht: “Fett ist prima, solange man es sieht.” Und “Nur der Herrgott weiß, was in der Wurst ist. Man erfährt hier endlich mal, was der Unterschied zwischen Frankfurter und Wiener Würstchen ist (und dass Frankfurter besser sind).

Das Lesen macht Lust, mal neue Sachen auszuprobieren. Zum Beispiel Kalbsnierenfett (”hat einen dermaßen guten Geschmack”). Dann aber ist es auch wieder genug, wenn man sich z.B. vorstellt, zuhause im Topf 2 Schweinskopfhälften und Bauchlappen, Schweineleber und Milz zu einem Wurstbrei zu verkochen, aus dem man dann letztendlich eine Leberwurst wird.

Wiglaf Drostes Beiträge sind so launisch, wie seine Beiträge inmer sind. Er hackt halt gerne herum: Auf die hilflosen Biker z.B. (S. 88).

Klink erwähnt die Räucherkammer von Metzger in Maloja, der völlig zurecht beschrieben “so aussieht als hätte er seit 400 Jahre ohne Barbier verbracht.” Dafür kann er ziemlich gut spanische Gitarre spielen. Das weiß man aber nur, wenn man bei ihm mal gewohnt hat. Man muss den Fahr- oder Fussweg am Ortseingang (von Sils her) rechts abzweigen, wo es auf den Lunghin hoch geht. Nach ein paar Minuten kommt man in eine Senke, dort steht das Wohnhaus, das Gästehaus (da haben wir gewohnt, unvergesslich), die Scheune, der Schweinestall und: die Räucherkammer vom Metzger PILA, den Klink “Giovannoli” nennt, “weil sowieso alle in Maloja Giovannoli heißen”.

Wenn man ihn sucht, fragt man am besten nach dem “Pila”, so ist er auch auf guten Wanderkarten verzeichnet. Oder fragt einfach mich. Ich erkläre es gerne. Jedenfalls hat er das beste an Räucherwürsten, Bündner Fleisch und vor allem das derbe Hirsch-Bündner Fleisch. Das habe ich sonst noch nirgends gefunden. Und wenn man es doch irgendwo findet, dann kommt es mit Sicherheit vom Pila.

Hier noch ein Tip zum Weiterlesen: Iso Camartin “Die Bibliothek von Pila”, Suhrkamp Taschenbuch 2723. Aber ich ufere aus. (So ist das halt, wenn eins mit dem anderen zusammenhängt.)
Zurück zum Buch über die Wurst:

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Die doofen Wurst-Kalauer von Herrn Droste tragen nicht viel zur Erheiterung bei. “Wo die Wurst den Tag umarmt” das ist nur albern. Oder was ist witzig an “Moby Wurst”, “Bei Anruf Wurst”, “Die Würste am Quai”? Hätte man auch lassen können. Den Geschmack einer Wurst, die er mal auf einer Transitstrecke-Raststätte in der DDR gegessen hat, beschreibt er als “metallurgisch”. So wohlfeil es ist, altes DDR Essen schlecht zu finden, denke ich, er meinte doch eher “metallisch”. Metall kann ja einen Geschmack haben, die Metallurgie sicherlich nicht. Gell, Herr Droste? Nächstesmal genauer hinschauen.

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Dagegen sind Vincent Klinks Beobachtungen und Beschreibungen ganz exzellent, genau und nachfühlbar. Z.B die Krachatmosphäre im Franziskaner in München zum vormittäglichen traditionellen Weißwurstessen.

Nur zur Warnung: Bei den Rezepten, die Vincent Klink auch aus alten Kochbüchern abguckt, geht es natürlich nicht um leichte Salat- oder Nudelgerichte, sondern um Eisbein, Kalbsfuß, Schwarten, Speck, Fett, Darm und andere derbe Sachen. Aber die gehören auch zur Küche und sind wohl nicht so ungesund wie sie sich anhören.
Eine klare Kaufempfehlung. Guten Gewissens. Kein tieferer Sinn, sondern nur die Lust am Essen und Zubereiten und Herausfinden was drin ist in der Wurst. Und am Angucken von wundersam schönen Bildern des Herrn Heidelbach.

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17.8.2007

Frau W. und Herr M. / 6

Abgelegt unter: Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:05

Frau Weichbrodt und Herr Mindernickel fanden es hin und wieder ganz charmant, sich an ungewöhnliche Orte zurückzuziehen und sich über Gott und die Welt zu unterhalten.

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Sie benahmen sich dabei wie auf einer Cocktail-Party oder einer Vernissage, als ob sie von wichtigen Leuten beobachtet würden und warfen sich mit ihren Argumenten regelrecht in Pose:

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Aber natürlich hörte niemand zu. Sie sprachen auch viel zu leise, als ob das irgend ein Mensch hätte verstehen können. Es ging letztlich ja auch niemanden etwas an, wenn sie mal wieder über zukünftige gemeinsame Kinder sprachen oder über die polnische Innenpolitik.

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Herr Mindernickel war an diesem Abend nicht ganz bei der Sache. Ihn plagte etwas. Ihm ging ein erschütternder und furchterregender Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, der ihm heute beim Zähneputzen gekommmen war: Er hatte den leisen Verdacht, dass zwischen Frau Weichbrodt und Cable-Joe irgend etwas gewesen war. Oder immer noch ist. Mehr als sonst üblich.

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Er beobachtete sie genau. Joe’s Verhalten beim Autokauf war ihm etwas zu freundschaftlich vorgekommen. Und Frau Weichbrodts Reaktion und Verhalten Joe gegenüber etwas zu überschwenglich und überdreht. Hatten die beiden sich eigentlich schon früher gekannt? Bevor er die Bekanntschaft von Frau Weichbrodt gemacht hatte?

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Der Gedanke nahm mehr und mehr Gestalt an, je länger er sich das ausmalte und stand plötzlich wie ein Klotz zwischen ihnen beiden. Oder redete er sich nur etwas ein? Beweisen konnte er ja sowieso nichts. Es war ein dumpfes Misstrauen, ein (noch) unscharfes Eifersuchts-Gefühl rumorte unordentlich in ihm.

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War es möglich, dass sie gerade anfingen, sich auseinanderzuleben? Gerade jetzt, wo sie sich so prima verstanden und eigentlich immer auf derselben Wellenlänge lagen? Oder war das krankhaft / neurotisch von ihm? Wie sollte er damit umgehen? Er musste es klären. Er spürte einen leichten Stich in der Herzgegend. Das konnte er nicht ertragen.

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16.8.2007

Ritzel

Abgelegt unter: Bücher, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:02

Ein Buch, einen Krimi, empfehle ich heute.

Ulrich Ritzel: “Uferwald”, btb Taschenbuch, 380 Seiten, € 9.00.

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Es geht um eine Gruppe von Menschen, die sich während ihrer Studentenzeit zusammen gefunden haben - zu einer “Clique” - und alle etwas damit zu tun haben, dass einer ihrer Freunde vor einigen Jahren ums Leben kam.

Das stellt sich aber erst heraus, als Kriminalbeamtin Tamara Wegenast (ein Zögling von Kommissar Berndorf, der sich in Berlin zur Ruhe gesetzt hat) und Kommissar Kuttler ein Tagebuch des Toten analysiert haben, das bei seiner Mutter gefunden wurde, die jetzt erst, nach Monaten in ihrer Wohnung tot aufgefunden wurde. Nicht ermordet, sondern einfach so gestorben. Es geht in dem Buch also um den Fall des Sohnes, nicht der Mutter.

Der idyllische Schauplatz für diese Geschichte ist wie immer bei Ritzel die Gegend auf und um die schwäbische Alb, Tübingen, Ulm, Bodensee. Heimelig, dörflich, sauber, konservativ. Es lohnt sich, wenn man die Gegend ein bisschen kennt. Ist aber nicht Voraussetzung.

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Was fiel mir beim Lesen auf?

Die schöne Beobachtung, dass Studentinnen immer unterm Dach wohnen, während die Studenten ein Kellerloch haben. (Bei mir war es genauso.)

Ein unangenehmes Gefühl, das man beim Lesen über die “Clique” von damals bekommt und wie das ist, wenn alte Erinnerungen plötzlich aufgewärmt werden. Wenn Beziehungen von damals mühsam nicht angesprochen werden, weil man mittlerweile ja darüber “hinweg” ist und in ganz anderen Lebenszusammenhängen steht. Wie Gruppenzwang immer noch das Verhalten der Leute zueinander bestimmt, obwohl die Gruppe seit Jahren nicht mehr exstiert. “Wenn allen alles von früher wieder hochkomt…” (S. 78)

Es geht in dem Buch um das Aufeinander-Achten, das Sich-Kümmern, das Sich-Einsetzen, das Nicht-Darüberhinwegsehen, das Nicht-Seine-Ruhe-Haben-Wollen, sondern Sich-Als-Verantwortlich-Betrachten gegenüber Unrecht, Abzockerei, etc. Es geht um das Schuldig-Werden aus Unachtsamkeit und Nichts-Tun. Und um die danach weiter herumgetragene Mit-Schuld, Verdrängung und kriminelle Verleugnung. Die Figuren des Pfarrer Rübsam, Luzie und Schleicher, z.B. kann man danach fragen. Gut beobachtet und beschrieben, wie sie alle weggeguckt haben.

Die Umstände des Falles zeigen auch die falschen Zustände von Abhängigkeiten und die Spiele der Macht auf, von der bestraft wird, wer etwas zu deutlich sagt. Luzie von der Wohnungsbaugesellschft wird von ihrem Chef und ihrer Behörde dafür bestraft, dass sie Anteilnahme zeigt und Fehler aufdeckt.

(Vielleicht eine unzulässige Verallgemeinerung, aber handelt es sich dabei nicht um ein generelles und schädliches Verhaltensmuster von autoritären Institutionen?)

Erst der Loser, der mit dem Obdachlosen Schach spielt und sich um dessen unterschlagenes Schmerzensgeld kümmert, nachfragt und das Unrecht sieht, hebt sich heraus (wenn auch nur, um seine “Solveigh” zu beeindrucken), und wird umgehend als Nestbeschmutzer von den anderen diskriminiert, ausgestoßen, letztlich beseitigt.

Die mittlerweile etablierten, linksliberalen, fahrradfahrenden Frohfamilien jedoch zeigen eine besondere Form der sozialen Verantwortung, indem sie gemeinsam eine Bürgerinitiative gegen den Bau eines Obdachlosenheims in ihrer Dorf-Neubau-Siedlung gründen. Weil sie das nicht in ihrer Nähe (und nicht in der Nähe ihrer Kinder) haben wollen. Außerdem würde das Gebäude, so wie es geplant ist, den Blick auf den Hausberg verdecken und das geht gar nicht. (S. 207)

Schön beschrieben ist auch einer der niederträchtigen Abzocker, die ständig darüber reden, dass sich Leistung wieder lohnen muss (S. 366), ein “Siegertyp”, der über Leichen geht (”weil das Leben halt einmal so hart ist”).

Ja, der Krimi ist zuweilen etwas zu konstruiert, muss man zugeben. Dafür ist alles sehr dicht und schnörkellos zielführend zusammengeschrieben. Bei einem Banküberfall, der während des Verhöres mit dem Abzocker in der Bank stattfindet, während draußen die Demo der Bürgerinitiaive gegen die Obdachlosen stattfindet und den Fluchtweg blockiert, fragt man sich, ob das nicht ein paar Koinzidenzien zu viel sind. Aber gut.

Auf S. 234 taucht ein hervorragend zynischer, mit allen politischen Wassern gewaschener, hochgradig opportunistischer Oberbürgermeister der “Staatspartei” auf. Der hat mir sehr gefallen. Wenigstens war er ehrlich.

Die Verflechtungen und Verschlingungen der “Clique” in den Fahrradunfall oder besser “Mord” vor einigen Jahren an ihrem Trink-Bruder und unentschlossenen Loser Gossler werden mit jeder Seite sichtbarer und unheimlicher.

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Natürlich ist es etwas unfair, dass die Polizei durch das Tagebuch des Tilmann Gossler, des Ermordeten, mehr Macht und Wissensvorsprung den handelnden Personen gegenüber hat als gewöhnlich. Aber es macht auch dem Leser Freude, wie die Menschen zappeln und hilflos sind in ihrer Ratlosigkeit und ihrem Gefühl, permanent beobachtet worden zu sein.

Ein Gedanke kam mir zwischendurch: Warum nimmt man das, was jemand in ein Tagebuch schreibt, eigentlich immer für wahre / bare Münze? Muss das, was darin steht, weil es geheim ist (und so persönlich), deshalb schon wahr oder richtig sein?

Man kann doch darin am besten lügen. Niemand ertappt einen dabei. Auch Stasi Unterlagen z.B.: Warum soll das, was Spitzel unter hohem Erfolgsdruck zu den Akten geben, glaubhafter sein, als das, was reale Personen heute dazu sagen?

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Am Ende gibt es eine schön enggeführte, Agatha-Christie-mäßige Rekonstruktion der Nacht, in der der Mord passierte. “On site.” Kommissar Kuttler spielt Hercule Poirot und übernimmt gleichzeitig die Rolle des Ermordeten (S. 355). Das liest man immer wieder gerne, wie sich langsam etwas zuzieht, wie sich alle gegenseitig belauern und irgendwann anfangen, sich gegenseitig zu beschuldigen.

Es geht dann etwas zu lange und zu oft in dem Drama um eine beschädigte Stoßstange und die Frage, welches Auto in welcher Werkstatt, etc. stand, aber das kann man verschmerzen.

Insgesamt hat der Krimi viel Spass gemacht. Gute Sprache, routinierte Führung des roten Fadens, der Leser muss sich nicht die Handlung selber zusammensuchen: 8 von 10 Punkten gebe ich.

Auf diesem Regalauschnitt sieht man die anderen Ritzel-Krimis:

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Aber lieber Bertelsmann / random house Verlag oder wie du jetzt heißt:

Es ist völlig egal, ob das Bild und Euer Verlagslogo auf dem Buchrücken rechts herum oder links herum lesbar sind. Nur bitte, wenn Ihr euch einmal entschieden habt: Bleibt dabei. Egal, was man euch erzählt. Es macht keine Sinn, ständig den look der Bücher zu ändern. Guckt Euch mal Diogenes an! Die haben das nicht nötig. Zumindest lasst es so wie es ist, solange Herr Ritzel bei euch Bücher verlegen lässt.
Mit herzlichem Gruß vom Amateurverein der Regalästheten.

Ach so, ja, das habe ich vergessen: Ulrich Ritzel ist geborener Pforzheimer, Jahrgang 1940. Und die anderen Krimis von ihm sind genauso zu empfehlen.

15.8.2007

Frau W. und Herr M. / 5

Abgelegt unter: Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:37

Frau Weichbrodt brauchte dringend wieder einen fahrbaren Untersatz. Seit ihrem Unfall vor 2 Jahren, als sie sich das Bein so schwer verletzte (die dicke Wade sieht man heute noch auf der rechten Seite), hatte sie aufs Selber-Fahren ganz verzichtet und sich nur von Bussen, Bahnen, Taxen und von Bekannten befördern lassen.

Sie schnappte sich Herrn Mindernickel und beide fingen bei der Landwirtschaftsausstellung an. Dort gab es günstig Traktoren zu erstehen. Sie bewunderten eine dieser großartigen John-Deere Wundermaschinen,…

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… als Cable Joe vorbeikam, ihnen heftigst von einem so unpraktischen, großen Ding abriet und sie zu einem Automarkt ganz in der Nähe brachte.

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Das erste Auto, von dem Frau Weichbrodt überwältigt war, war ein Cabrio ganz aus Holz, modernste Hybridtechnologie also. Es war ihr aber dann auch wieder etwas zu groß. Das Einsteigen allein fand sie ziemlich anstrengend - vor allem in ihrem engen Kostüm…

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Dann verliebte sie sich spontan in den VW Bus der Berliner Feuerwehr (”Da kann man prima Campingurlaub darin machen!”)

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Herr Mindernickel vesuchte sie, von einem “vernünftigen” Gefährt zu überzeugen. Beispielsweise von dem ausrangierten, gelben Postkäfer (”Muss man nur Kopfstützen einbauen, dann ist der Eins A!”) oder dem sehr gepflegten THW Kübelwagen.

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Den fand Frau Weichbrodt auch sehr stylisch, vor allem, weil es wieder ein “Convertible” war, in dem man sich im Sommer auf der Landstraße so elegant den Wind durch die Haare wehen lassen konnte (wenn man jemals diesen verdammten Haarfestiger aus den Haaren rausbekam…)

Cable Joe schaute kurz vorbei, ließ despektierliche Bemerkungen über so eine “alte Schüssel” fallen und machte sie auf ein ganz schnittig silbrig-modernes Teil aufmerksam, das “viel eher heutigen Sicherheitsanforderungen und Umweltschutzüberlegungen” genügen würde. Der alte Besserwisser. (Ausgerechnet er mit seinem Quad!).

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Von dem TT war Herr Mindernickel ganz von den Socken: Ein sportlicher Zweisitzer. Super.

Ganz unerwartet stolperte plötzlich ein schwarzer Hengst (Italian Stallion) auf den Platz und war nur schwer zu beruhigen.

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Frau Mindernickel überlegte kurz, ob sie statt auf 4 Räder lieber auf 4 Hufe umsteigen sollte, um sich zukünftig per Pferd statt per Auto fortzubewegen. Aber sie verwarf den Gedanken schnell wieder. Nicht nur, weil das Pferd vor allem von hinten unangenehm roch, …

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…es würde ja auch jede Menge Arbeit machen. Und davon hatte Frau Weichbrodt schon genug. Sie wollte sich einen solchen pflegebedürftigen Klotz keinesfalls ans Bein binden.

Ein anderer VW Käfer, diesmal ganz in Weiß, aus einem knuffigen Plastik fand kurzfristig Gefallen…

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…doch Joe zeigte ihnen, was er tolles entdeckt hatte. Und das war dann auch das neue Auto von Frau Weichbrodt. Wieder ein VW Kübelwagen, dunkelgrün, eine modernere Version, gut in Schuss, mit heruntergeklapptem Cabrioverdeck und unbeschädigter Windschutzscheibe.

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Das war es schließlich. Ihr Herz schlug höher. Damit sollte Fahren wieder richtig Spaß machen. Die Gedanken an ihren Unfall vor 2 Jahren waren verflogen. Ihrem Unternehmungsgeist waren jetzt keine Grenzen durch Fahrpläne o.ä. mehr gesetzt. Sie fühlte sich fast irgendwie “befreit”.

Und sie bedankte sich sehr bei Cable-Joe, ohne den sie auf das Auto nicht aufmerksam geworden wäre.

Jetzt konnten die Ausflüge losgehen. Herr Mindernickel war fast ein bisschen neidisch.

14.8.2007

Lully Charpentier Buxtehude

Abgelegt unter: Bücher, Platten, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:28

Heute ein kurzer und lobender Plattenhinweis.

3 CDs von Harmonia Mundi, die eine großartige Mid-Price Serie haben, die “musique d’abord” heißt und viel weniger “mid-pricig” daherkommt als die Reihen anderer Firmen.

Es sind Aufnahmen von 1980, 1985 und 1990, technisch durchweg ziemlich sauber aufgenommen.

Über die Interpreten kann man nur das beste sagen, wenn es nicht schon gesagt worden ist. René Jacobs leitet beim “Membra Jesu Nostri” das Concerto Vocale (ich glaube aus Gent), mit Andreas Scholl als Counter-Tenor, und sehr souveränem Chorauftritt.

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Buxtehude, geb. 1637 hat dieses Jahr 370sten Geburtstag und 300sten Todestag wenn ich das richtig rechne. Dafür hört man überraschend (und auch wohltuend) herzlich wenig von ihm. Er wird verständlicherweise nicht so aufdringlich begangen wie Mozart im letzten Jahr z.B.

Dafür weiß man aber, dass Buxtehude komponiert hat, was das Zeug hielt. Allein 120 Vokalwerke, die nur für Gottesdienste geschrieben wurden, stammen von ihm. Vieles aus seinem Werk ist noch nie für CD eingespielt worden. Vielleicht wird das ja demnächst (ich vertraue auf “the long tail”) wenigstens per iTunes oder anderer Plattformen dem geneigten Hörer zugänglich gemacht.

Nächstes: Les Arts Florissants singen und spielen 3 Oratorien von Marc-Antoine Charpentier, einem französischen Barocker, nur 3 Jahre älter als Buxtehude.

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Vor allem das “Filius Prodigus” fand ich hier ganz herausragend.

Alle CDs haben übrigens ein kleines Booklet mit kurzer Werkeinführung (in 2-3 Sprachen) und den kompletten Text. Den muss man sich bei vielen günstigen Angeboten heute ja aus dem Internet besorgen, und wer will das schon (ausdrucken, wohin damit…?)

Letze Empfehlung aus dem Weltklasse Musikverlag in Arles: 2 “grand motets” von Jean-Baptist Lully, noch einem Franzosen, geboren wiederum 2 Jahre vor Charpentier.

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Philippe Herreweghe ist so heftig gelobt worden (erst jetzt wieder mit seinen Bruckner Symphonien), dass ich das hier nicht auch noch machen muss. Chor und Orchester der “La Chapelle Royale” spielen sehr gut aufgelegt. Macht Spass zuzuhören. Vor allem, wenn man den alten Text im Ohr hat und die Art, wie z.B. Verdi mit dem “Dies Irae” umgeht. Man vermisst nicht das Donnergrollen und das “Wehgeschrei”. Das passt hier alles dramatisch sehr gut zusammen.

Zu Lully, den man als Ehrgeizling, Lebemann und Lüstling bezeichnet hat, und seinem Erben an der Pariser Oper, Jean-Philippe Rameau, muss ich noch das Buch ewähnen, das die musikalische Auseinandersetzung von damals (1730 ff) in Verbindung bringt mit den Unruhen in den Pariser Vorstädten 2003: Wolfgang Schlüter “Anmut und Gnade”, Die Andere Bibliothek Band 265, Frankfurt 2007 (Eichborn). Schönes Buch. Spannender Versuch. Wurde ausschließlich und hoch gelobt. Ich habe es auf dem Stapel. Wenn ich es fertig gelesen habe, schreibe ich hier etwas darüber. Versprochen.

Für heute ist es genug. Hier sind noch einmal alle CDs zusammen:

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Jaja, mit dem kleinen dicken Mönch, für den ich noch keinen Namen habe. Ich könnte ihn ja Pater oder Bruder Lully nennen, oder?

Jemand eine andere Idee?

13.8.2007

Mowing Girl 6 / Stachelpilz

Abgelegt unter: Pflanzen, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:31

Wie sie aufgebrochen war, habe ich ja schon vor einigen Tagen berichtet. Ihr war es langweilig mit der Hausarbeit, hatte das notwendigste erledigt und machte sich wieder mal auf in die weite Welt.

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Sie war auf der Suche nach dem Stachelpilz, der ungeahnte Heil- und Klebekräfte haben sollte, wenn man ihn kühl und trocken lagerte und man ihn dann richtig zubereitete. Dummerweise konnte er auch tödliche Folgen haben, wenn man bei der Zubereitung etwas falsch gemacht oder nicht alle Regeln befolgt hatte.

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Sie musste an den Madagaskarstacheln vorbei und war heilfroh, dass sie sich heute so friedlich verhielten.

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Und wirkllich, sehr versteckt fand sie ein Prachtexemplar des Stachelpilzes. Der hatte zwar gar keine Stacheln, seinen Namen hatte er aber daher, dass er ausschließlich in enger Symbiose und immer in der Nähe des Stachelmadagaskar vorkam.

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Plötzlich hörte sie jemanden um Hilfe rufen. Eine weibliche Stimme, die sie irgendwoher kannte. Jedoch sah sie niemand, so angestrengt sie auch die Gegend und den Boden absuchte.

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Dann entdeckte sie in einer Mulde etwas, das der Farbe nach nur das Kleid von Frau Weichbrodt sein konnte. Und tatsächlich. Moving Girl zog sie mit großer Mühe aus dem Loch, in das sie getürzt war und putzte sie erst einmal gründlich ab.

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Frau Weichbrodt kam allmählich wieder zu sich und bedankte sich anständig und überschwenglich bei Mähchen für die Rettung “Was hätte ich bloß ohne Dich gemacht? Alleine wäre ich da nie mehr rausgekommen!”

Und dann fiel es ihr plötzlich wieder ein: Herr Mindernickel musste ja noch immer in der Palme stecken. Sie war zwar rechtzeitig mit einem beherzten Sprung nach rückwärts in die Tiefe der Umklammerung entkommen, aber er hatte die Gefahr zu spät erkannt. Ihn hatte die Pflanze mit ihren Stacheln nicht mehr losgelassen.

Sie machte sich auf, ihn zu retten. Koste es, was es wolle. Gegen alle Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten oder sie zurückhalten wollten.

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Von Ferne sah sie Herrn Mindernickel ganz unglücklich und völlig reglos in den Stacheln hängen. Ob sie ihn da jemals wieder lebend herausbekäme?

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Frau Weichbrod rief Mähchen mit ihrer Rasenmähermaschine…

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…und gemeinsam gingen sie mit vereinter Kraft der Killerpflanze an die Wurzeln.

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Sie zwangen den Stachelmadagaskar, Herrn Mindernickel, der das alles mit ziemlicher Fassung ertrug, oder auch wie gelähmt über sich ergehen ließ, freizugeben. Frau Weichbrodt ging sogar soweit, dass sie selbst todesmutig noch einmal die Pflanze bestieg, sie in den Schwitzkasten nahm und sie mit ihrer Handtasche bearbeitete.

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Schließlich hatten sie die Pflanze soweit gedemütigt und gequält, dass Herr Mindernickel befreit heruntersteigen konnte und erschöpft aber glücklich mit ihr Arm in Arm den Heimweg antreten konnte. Beide freuten sich auf eine schöne Tasse Tee zuhause. Solche Gefahren waren sie nicht mehr gewohnt. Das strengte sie mittlerweile ganz schön an.

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Mähchen war unterdessen schon wieder weitergefahren. Sie hatte einen Date mt Joe und musste vorher noch dringend die Stachelpilz-Teile, die sie geerntet hatte, zuhause in das Gefrierfach legen.

12.8.2007

Geschmackssache

Abgelegt unter: Kunst, Bücher, Allgemein — Heiner.Eberle @ 20:09

Ich möchte ausdrücklich loben und verweisen auf die samstägliche FAZ Kolumne “Geschmackssache” von Jürgen Dollase.

Nicht nur kulinarisch-gastronomisch kann man da noch einiges lernen - vor allem solche “Redundanzesser” wie wir - sondern auch sprachlich bietet Herr Dollase ein Niveau, das ich bisher in diesem Metier noch nicht gelesen oder gehört habe. (Ich bin aber da auch nicht so bewandert.)

Dazu kommt eine Überzeugung, ein Verständnis von geradlinig Richtigem und zweideutig Falschem in der Kochkunst, dass man denkt, es gäbe tatsächlich noch Koch-Werte, die unbedingte und letztendliche Gültigkeit haben. Alle Achtung: Das verdient Respekt.

Wer ihn und seine Texte kennt, kann jetzt weg- und woanders weiterlesen. Für alle anderen habe ich ein paar Beispiele aus Kolumnen der FAZ der letzten Monate zusammengebaut.

Genauso ein Genuss sind übrigens die den Texten beigegebenen Miniaturen von Oliver Sebel - ganz wunderbare Zeichnungen, die ich teilweise hier zum Anklicken und Vergrößern eingeklinkt habe. De facto haben sie z.T. kaum Spaltenbreite. Wie kleine Kostbarkeiten, die die Geduld, das Augenmaß, die Mühe, den Witz und die Akribie des Künstlers erkennen lassen. Liebe zum Detail und Versessenheit im Umgang mit dem Thema. Bei Kritiker und Zeichner. Sonst nichts.

Nr. 216/06:

Essen als Geschmacksakkord vs. serielles Essen: “Bei der ersten Variation wird mit Hilfe einer Frischkäsecreme plus Langustinenjus eine sehr homogene Verbindung zu einem kalten Gurkengelee installiert.” Durch die “ausgeprägt wirksame Funktion des “Gewürzraumes” (des Nachhalls von Aromen im Mund) ergeben sich beim sozusagen seriellen Essen immer neue Zusammenhänge.” “Die Gemüse (…) bieten eine mit viel Gespür für die Verzahnung von Aromen aufgebaute Begleitung“. “Eine Brickteig-Scheibe (…) gefällt durch ein breites Texturen- und Aromenspektrum sowie eine klare, erfrischend wirkende Säuresteuerung.” “Diese Variation kann seriell oder gemischt gegessen werden.” “Krosse Bananenscheiben und ein gleichfalls mit Krossheitswerten spielender Streusel von Brioche, Koriander und schwarzem Pfeffer sorgen für eine sehr schöne Originalität“.

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Nr. 11/07:

Bei einem belgischen Koch, Viki Geunes, lobt Dollase, wie “handwerkliche Meisterschaft mit einem hervorragenden Nachdenken über Proportionen und Beziehungen kombiniert sind.” Dass “Ravioli, Air und Schäumen eine klare aromatische und sensorische Funktion zugedacht wird“. Es gibt “einen feinst abgestimmten sphärischen Raviolo aus Knoblauchcreme mit einem Tropfen Paprikapüree“. Der Koch arbeitet “durchgehend mit der additiven Aromenbildung der strukturalistischen Küche“. Es ist die Rede von der “hochintelligenten Feinmechanik” der “Strukturen von Jakobsmuscheln“. Dollase schmeckt den “nötigen Hauch” der Foie gras, einen “kleine Blitz” vom Räucheraal und bewundert “die einseitig angerösteten Würfeln der Petersilienwurzel”, weil “eine Rundum-Röstung zuviel des Krossens gewesen wäre.”

Nr. 35/07:

Optimierung von klassisch österreichischer Küche von unten: “Die dünnen Gurkenstreifen werden durch eine leichte Crème-fraiche-Hülle dezent gehalten und ein paar Fäden Olivenöl schaffen eine minimale Irritation, die dem Akkord einen Hauch von Individualität gibt.”

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Nr. 47/07:

Emanzipation der schwäbischen Regionalküche anhand von Blutwurst und allem vom Kalb: Es gibt “Kalbsbries mit Topinambur und Salat von gepökeltem Kalbskinn im Kalbskopfcanneloni mit Petersilienvinaigrette“. Daraus ergibt sich “zunächst ein Akkord, der wie ein veredelter Kartoffelsalat wirkt“. (!?) Das “Kalbskopfcarpaccio” liegt tellertechnisch jenseits des Petersilienpürees, “das in der Lage ist, die ganze Komposition umzudeuten und ihr eine ungemein erdige Komponente zu geben.” Dann gibt es ein “Ragout von geschmorten Schweinebäckle mit Kartoffelstampf und Sauerkraut (ein “teildekonstruierter Schweinebraten”)“. Die Knödel haben einen “ständig changierenden Leberwurstanteil“. Das Zanderfilet liegt danach auch auf gesäuerten Kalbskopfgraupen, Kalbskopfwürfeln und einem Kalbskopfchip.

Nr. 65/07:

Kritik an der elsässischen Harmonie. Horizontale und verikale Geschmacksebenen, Kritik an der Zurückhaltung: “Im Zusammenhang mit dem Linsenpüree bleiben die getrockneten Muschelstreifen aromatisch blass, die Passionsfrucht ist kaum zu identifizieren, und das kalte Foie-gras-Puder aus dem Paco-Jet ist ebenfalls sehr zurückhaltend dosiert. Es bleibt so etwas wie eine aromatische Luftaufnahme, bei der sich die Konturen der Aromen nicht genügend aus der Ebene lösen“. Man versteht schon so langsam irgendwie, wo der Esser hin will, oder? Obwohl “der horizontalen Ebene der harmonisierten Aromen (…) sozusagen ein aromatisch und texturell vertikales Element hinzugefügt” wird, beibt der Eindruck, dass die Ideen des Koches “zwar Potential haben, die befreiende Klarheit in der Ausführung aber vermissen lassen“. Tough. Dann geht es aber doch noch besser: “Was in der Summe (also alles zusammen gegessen) undifferenziert bleibt, ermöglicht als Wechselakkord (also in Reaktion mit dem Gewürzraum, den Reh und Aromen aufschließen,) eine spannende Degustation.” Puh.
Nr. 77/07:

Die Objekte der entwickelten Wahrnehmung: Man isst ein “Thunfischquadrat von etwa 5 cm Kantenlänge, Miniwürfel aus konfierter Steckrübe und Roter Rübe, die (…) noch über einen Eigengeschmack verfügen, der sich (…) knapp halten kann“. Minipuffreis sorgt “für eine texturelle Belebung“. Solche “Elemente brauchen im Prinzip über keinerlei Aroma zu verfügen weil ihre Funktion (…) eine nichtaromatische ist und ein identifizierbares Aroma sogar kontraproduktiv sein könnte. Eine solche Küche kann am Redundanzesser als angenehm frisches Häppchen vorbeirauschen.” Oder aber “zum Objekt einer entwickelten Wahrnehmung werden“.

Nr. 82/07:

Degustation und Dekonstruktion: “Die Dekonstruktion (grob: Veränderung der Form unter Beibehaltung des Aromas, etwa eine Gemüsesuppe in Geleeform) als Element des Aufbrechens von Wahrnehmungsautomatismen hat noch nicht ausgedient, schon gar nicht in den Kreisen der klassischen Gourmets.

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Nr. 93/07:

Struktur ist erste Priorität. Kritik an gleichförmiger Sensorik. Zu Gast bei Anne-Sophie Pic in Valence: “Schon die ersten Kleinigkeiten wie einige Blätterteigstangen mit Algen und “Epices doux” zeigen einen Gestaltungswillen, der kein Element als selbstverständlich oder normiert akzeptiert.” Herr Dollase kritisiert dann aber doch, wenn “die Kombination einer crème brulee aus Foie gras mit Apfelspuma und einem zu großen Stück Popcorn dann doch etwas aus der Spur gerät.” Denn “wenn das Popcorn-Aroma wegen der Größe des Stückes kurzzeitig dominiert, wird die Foie gras trivialisiert.”

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Nr. 110/07:

Hart am Rande zur Banalität - Kritik an Verschwommenheit statt filigraner Arbeit: Im Restaurant von Jean-Luc Rabanel in Arles. “Das Essen ist ganz wesentlich davon bestimmt, dass man ständig das Gefühl hat, hart am Rande zur Banalität zu stehen.” Aber dennoch ist zu loben: “Der Spargel wird von einer Gemüse-Pistazien-Crème wattiert.” Aber er hat eine Mengenproblem: “Der Wildlachs mit einer Emulsion aus Kartoffen und Sesam ist so karg dimensioniert, dass man kaum seine Qualität feststellen kann.” (Das ist dumm.) “Es folgt ein Mini-Lammkotelett mit viel Knoblauch, Kräutern und (…) etwas sinnfrei auf den Tellerrand gepinselter Schokolade.” Es hört sich nicht an, als sei Herr Dollase satt geworden.

Nr. 143/07:

Erlebsnisarchitektur: Er erlebt “eine wundervolle Deklination des Schmelzenden durch die Kombination des Kalbs-Carpaccios, mit einem Langustinen-Carpaccio und einem Morchel-Gelee.” Dann aber: “Ein Lamm-Carreè auf Lammherzragout mit Orangen-Thymian-Gnocchi und Saubohnen (!) hat in seiner souveränen Machart das Zeug zu einem Klassiker.” “Wie selbstverständlich liegt der Glattbutt auf einem mit Agar-Agar thermisch belastbar gebundenen Petersiliengelee, und überhaupt finden sich auch hier längst bestens adaptierte neue Gelierformen oder luftge Schäume.”

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Nr. 155/07:

Auf dem Weg zurück zur Spitzenklasse. Kritik an unangenehm deutlichem Aroma: Langustinen sind mit einer hauchdünnen Tempuraschicht umgeben, werden durch den “Pfeffer aromatisch dezent erweitert“. “Eine weitere Würze kommt von einer kleinen Menge Püree mit der Anmutung einer echten Fischsuppe (?). Dazu gibt es eine Art Texturtörtchen, dessen perfekt abgestimmte, aromatische und texturelle Proportionen das Essen ausgesprochen beleben.” Auch zum Wolfsbarsch gibt es dann ein “Texturtörtchen, das in diesem Falle mit einer dicken Kartoffelscheibe, Artischockenstückchen, kleinen Tintenfischen und extrem soufflierten “pommes de terre soufflèes” als krossem Element allerdings nicht ganz die Spannbreite der Langustinenbegleitung erreicht.” (Schade eigentlich.)
Nr. 161/07:

Geschmack nicht tarnen, sondern verstärken: “Erst die Zurücknahme des schnell penetranten Gurkenaromas ermöglicht ein Zusammenspiel von einem Hauch von Säure mit feinsten Gemüse- und Fruchtnoten, in dem schon einzelne Salz- oder Leinsamenkörner eine deutliche texturelle Funktion bekommen.”

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Nr. 167/07:

Gegen die Mehrheitsfähigkeit. Elharouchi lässt Meisterschaft erahnen: “Der warme Joghurt mit einem Kürbiseis, gerösteten Kürbiskernen und Olivenöl ist zwar eine instabile Angelegenheit, die schnell gegessen werden muss, dafür aber pure plastische Sensorik mit einem präsenten Eis, einem mild-warmen, wie wattiert wirkenden Hintergrund und den unterschiedlichen aromatischen Blitzen, die die gerösteten Kerne erzeugen.”

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Also bitte von hier aus weiteresen: Jeden Samstag in der FAZ (Feuilleton). Lohnt sich. Erweitert den Horizont und den Wortschatz.

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