Spiegel das Kätzchen

Aus aktuellem Anlass empfehle ich eine Erzählung aus Gottfried Keller „Die Leute von Seldwyla“.

(Es ist wohltuend und beruhigend, wenn aus mehreren Richtungen Hinweise auf einen Text kommen, denen man dringend nachgehen muss und die betreffende Textstelle dann tatsächlich im Regal findet….)

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Aber erst mal langsam und der Reihe nach:

Das Buch, das die Erzählung (es ist ein Mähchen) enthält, ist das hier: Gottfried Keller „Die Leute von Seldwyla“ (womit man uns in der Schule schon geärgert hat); Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch, Band 10, Frankfurt 2006, € 15,–; entspricht Band 4 der Edition von Gottfried Keller „Sämtliche Werke in 7 Bänden“, hrsg. Thomas Böning, FFM 1989; 600 Seiten Text und 270 Seiten Kommentar und Anmerkungen, so ziemlich das beste was es an Edition zu Gottfried Keller gibt, Suhrkamp sei Dank. Zu einem Hundertseitenpreis von 1,72, dagegen kann man nichts sagen.

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Um was geht es? Um Spiegel, ein Kätzchen, das seine Besitzerin verliert, verlassen ist, verkommt, nahe am Verhungern ist, und dann einen Deal eingeht mit dem Stadthexenmeister Pineiß, der ihm seinen „Schmer abkaufen möchte“, weiß Gott, wofür er den braucht. Jedenfalls schlägt Spiegel ein, denn es hat einfach Hunger. Und Essen ist das wichtigste für ihn.

„Herr Pineiß war ein Kann-Alles, welcher Hundert Ämtchen versah, Leute kurierte, Wanzen vertilgte, Zähne auszog und Geld auf Zinsen lieh; er war der Vormünder aller Waisen und Witwen, schnitt in seinen Musestunden Federn, das Dutzend für einen Pfennig, und machte schöne schwarze Dinte; er handelte mit Ingwer und Pfeffer, mit Wagenschmiere und Rosoli, mit Heftlein und Schuhnägeln, er renovierte die Turmuhr und machte jährlich den Kalender mit der Witterung, den Bauernregeln, und dem Aderlassmännchen. (…) Überdies machte er das Wetter in schwierigen Zeiten, überwachte mit seiner Kunst die Hexen und wenn sie reif waren, ließ er sie verbrennen; für sich trieb er die Hexerei nur als wissenschaftlichen Versuch und zum Hausgebrauch, so wie er auch die Stadtgesetze, die er redigierte und ins Reine schrieb, unter der Hand probierte und verdrehte, um ihre Dauerhaftigkeit zu ergründen.“ (S. 245 f)

Spiegel schafft es einmal, durch eine „Abmagerungskur“ dem sicheren Tod (durch Abkochen?) zu entgehen, worauf er von Pineiß verärgert verschärfte Mästung aufgezwungen bekommt.

Beim zweiten Mal geht er es intelligenter an. Er lässt sich eine halbwahre Geschichte einfallen, die seinen Unterdrücker und Vertragspartner an seiner Ehre, seiner Eitelkeit und Geldgier packt und schafft es, frei zu kommen, mithilfe einer Eule, ganz besonderem Schnepfengarn und einer Hexe, die nachts mit dem Besen ausreitet, tagsüber eine strenge und fromme Begine ist.

http://de.wikipedia.org/wiki/Beginen_und_Begarden

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Sehr lieb, sehr schön, und eine schöne Sprache. Liest man nicht schnell, dafür aber mit viel Genuss. Kann abhängig machen.

Das war dieser Teil der Geschichte. Der aktuelle Anlass dazu ist dieser hier:

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„Der Schrecksenmeister“, ein kulinarisches Märchen aus Zamonien von Gofid Letterkerl (wie albern). Neu erzählt von Hildegunst von Mythenmetz. Aus dem Zamonischen übersetzt und illustriert von Walter Moers. München, Piper seit letzten Freitag endlich erhältlich; 382 Seiten, Hardcover, € 22,90.

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Wer das Interview mit Hildegunst von Mythenmetz aus der FAZ vom 18. August 2007 lesen möchte oder die Erwiderung von Walter Moers in der „ZEIT“ vom letzten Donnerstag auf die Vorwürfe und Beschimpfungen von Mythenmetz’, er, Moers, habe geistigen Diebstahl begangen, miserabel übersetzt und willkürlich gekürzt, möge sich bitte bei mir melden.

Ich hoffe, dass das öffentliche Waschen der schmutzigen Wäsche der beiden Streithähne damit ein Ende hat. Schließlich geht es ja auch um andere Bücher, die noch einer Übersetzung und Veröffentlichung harren…

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Ein Kommentar zu Spiegel das Kätzchen

  1. MB sagt:

    Hallo,
    bin großer Zamonien-Fan und hätte gerne den FAZ-Artikel an meike212@gmx.de

    Vielen Dank, tolle Seite und das Buch ist wirklich klasse, MB

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