Lully im Pilz

Wie das angefangen hat, weiß Bruder Lully selbst nicht mehr so richtig. Er übte die Pose des Caspar David Friedrichschen „Mönch am Meer“, allerdings „mit Pilz“ und bei besserem Wetter (bei Regen ging er ja nicht mehr raus – das tat seiner Hüfte gar nicht gut. Er ging ja auch schon ganz schief und stehen konnte er auch kaum noch aufrecht. Kam alles von den kalten Mönchszellen…)

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Er meinte in seiner Andacht auf einmal eine leise, wimmernde Stimme zu hören. Sie schien aus dem Innern des Pilzes zu kommen. Es waren sehr betörende Laute, die ihn um Hife zu rufen schienen. Er glaubte, er sollte hier dringend etwas unternehmen.

Lully kannte die Geschichten von jungen Mädchen und Frauen sehr wohl, die nachts, völlig unerwartet und völlig wehrlos wie sie waren, sich von dem Pilz überwältigen ließen und danach von ihm gefangen gehalten wurden. An solchen Grausamkeiten hatte der Pilz offensichtlich großes Vergnügen. Und niemand hatte ihm bisher Einhalt gebieten können.
Bruder Lully reagierte auf die Hilferufe, wie es seine Art war: Mutig und entschlossen wollte er den Dingen auf den Grund gehen. Und stieg dem Pilz aufs Dach.

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Er kam höher und höher und stieg gleichzeitig immer weiter in die inneren Schichten des Pilzes hinein. Die Stimmen der jungen Frauen sogen ihn geradezu an. Er trat vorsichtig-unsicher auf dem weichen Untergrund auf, rutschte einmal kurz weg…:

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Und es war passiert: Er stürzte direkt in die Lamellen hinein, die mit dem übel riechenden Verdauungssaft des Pilzes getränkt waren. Lully war sich sicher: Es war um ihn geschehen.

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Er sollte hier und jetzt bei lebendigem Leibe verdaut werden. Von einem hundsgemeinen, handelsüblichen Champignon. Er ahnte auch langsam, wo die veführerischen Stimmen herkamen: Es war der leichte Luftzug, der am Rand des Pilzschirmes vorbeipfiff. Das hörte er jetzt ganz deutlich, denn er war jetzt ganz nahe dran. Da kamen die Geräusche her.

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Er rief um Hife. Lange. Oft. Er wollte nicht verdaut werden. Nicht heute. Nicht so. Lange hörte er nichts. Wer sollte ihn auch schon hören?

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Doch dann – wieviele Stunden mochten vergangen sein? – vernahm er von oben ein dumpfes „Ja da schau her, der Lully!“, die Stimme von Hans, dem Arbeiter am Band, der auf dem Heimweg mit Francesco war und des Bruders Hilferufe gehört hatte. Obwohl sie beide schon mehrere Bierchen intus hatten, war klar: Hier musste geholfen werden.

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Und gleich kam auch Francesco herunter, der eigentlich schon zuhause hätte sein sollen. Seine Frau würde ihm wieder die Leviten lesen. Sie war so streng. Das ahnte er jetzt schon. Weil er nach der Arbeit nicht sofort nach Hause gekommen war. Aber – vielleicht würde sie es ja verstehen, wenn er als Retter von Bruder Lully nach Hause kam? Als Held? Vielleicht…

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Mit vereinten Kräften schafften sie es, Bruder Lully aus den scharfen und ätzenden Lamellen zu ziehen (seine Schuhe waren schon ziemlich angegriffen) und ihn auf den Boden zurückzubringen.

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Per Handy hatte Francesco in der Zwischenzeit Mähchen an den Ort des Grauens gerufen. Damit sie mit dem Champignon mal rede. So konnte es ja auf keinen Fall weitergehen. Das „Ding“ war ja eine Gefahr für alle friedliebenden Menschen…

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Zuerst richtete Mähchen aber ein deutliches Wort an Bruder Lully. Damit er sich zukünftig etwas vorsichtiger bewege und vernünftger benehme – er sei doch auch nicht mehr der Jüngste. Er solle doch solche Gefahren und Abenteuer bitte sein lassen. Dafür gäbe es erfahrenere Helfer wie sie oder Cable-Joe z.B.

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Luly konnte soche Standpauken gar nicht ertragen. Es war ihm zutiefst unangenehm. Er wäre am liebsten im Boden versunken. Es war jedesmal dasselbe. Er wollte nur helfen und bekam immer die größten Schwierigkeiten.

Mit den Trocken-Rosen war das ja ähnlich gewesen.

(Davon demnächst mehr.)

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Ein Kommentar zu Lully im Pilz

  1. Rita sagt:

    Mönch, das war knapp! 🙂

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