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Archive für 16.8.2007
Ritzel
16.8.2007 von Heiner.Eberle.
Ein Buch, einen Krimi, empfehle ich heute.
Ulrich Ritzel: “Uferwald”, btb Taschenbuch, 380 Seiten, € 9.00.

Es geht um eine Gruppe von Menschen, die sich während ihrer Studentenzeit zusammen gefunden haben - zu einer “Clique” - und alle etwas damit zu tun haben, dass einer ihrer Freunde vor einigen Jahren ums Leben kam.
Das stellt sich aber erst heraus, als Kriminalbeamtin Tamara Wegenast (ein Zögling von Kommissar Berndorf, der sich in Berlin zur Ruhe gesetzt hat) und Kommissar Kuttler ein Tagebuch des Toten analysiert haben, das bei seiner Mutter gefunden wurde, die jetzt erst, nach Monaten in ihrer Wohnung tot aufgefunden wurde. Nicht ermordet, sondern einfach so gestorben. Es geht in dem Buch also um den Fall des Sohnes, nicht der Mutter.
Der idyllische Schauplatz für diese Geschichte ist wie immer bei Ritzel die Gegend auf und um die schwäbische Alb, Tübingen, Ulm, Bodensee. Heimelig, dörflich, sauber, konservativ. Es lohnt sich, wenn man die Gegend ein bisschen kennt. Ist aber nicht Voraussetzung.

Was fiel mir beim Lesen auf?
Die schöne Beobachtung, dass Studentinnen immer unterm Dach wohnen, während die Studenten ein Kellerloch haben. (Bei mir war es genauso.)
Ein unangenehmes Gefühl, das man beim Lesen über die “Clique” von damals bekommt und wie das ist, wenn alte Erinnerungen plötzlich aufgewärmt werden. Wenn Beziehungen von damals mühsam nicht angesprochen werden, weil man mittlerweile ja darüber “hinweg” ist und in ganz anderen Lebenszusammenhängen steht. Wie Gruppenzwang immer noch das Verhalten der Leute zueinander bestimmt, obwohl die Gruppe seit Jahren nicht mehr exstiert. “Wenn allen alles von früher wieder hochkomt…” (S. 78)
Es geht in dem Buch um das Aufeinander-Achten, das Sich-Kümmern, das Sich-Einsetzen, das Nicht-Darüberhinwegsehen, das Nicht-Seine-Ruhe-Haben-Wollen, sondern Sich-Als-Verantwortlich-Betrachten gegenüber Unrecht, Abzockerei, etc. Es geht um das Schuldig-Werden aus Unachtsamkeit und Nichts-Tun. Und um die danach weiter herumgetragene Mit-Schuld, Verdrängung und kriminelle Verleugnung. Die Figuren des Pfarrer Rübsam, Luzie und Schleicher, z.B. kann man danach fragen. Gut beobachtet und beschrieben, wie sie alle weggeguckt haben.
Die Umstände des Falles zeigen auch die falschen Zustände von Abhängigkeiten und die Spiele der Macht auf, von der bestraft wird, wer etwas zu deutlich sagt. Luzie von der Wohnungsbaugesellschft wird von ihrem Chef und ihrer Behörde dafür bestraft, dass sie Anteilnahme zeigt und Fehler aufdeckt.
(Vielleicht eine unzulässige Verallgemeinerung, aber handelt es sich dabei nicht um ein generelles und schädliches Verhaltensmuster von autoritären Institutionen?)
Erst der Loser, der mit dem Obdachlosen Schach spielt und sich um dessen unterschlagenes Schmerzensgeld kümmert, nachfragt und das Unrecht sieht, hebt sich heraus (wenn auch nur, um seine “Solveigh” zu beeindrucken), und wird umgehend als Nestbeschmutzer von den anderen diskriminiert, ausgestoßen, letztlich beseitigt.
Die mittlerweile etablierten, linksliberalen, fahrradfahrenden Frohfamilien jedoch zeigen eine besondere Form der sozialen Verantwortung, indem sie gemeinsam eine Bürgerinitiative gegen den Bau eines Obdachlosenheims in ihrer Dorf-Neubau-Siedlung gründen. Weil sie das nicht in ihrer Nähe (und nicht in der Nähe ihrer Kinder) haben wollen. Außerdem würde das Gebäude, so wie es geplant ist, den Blick auf den Hausberg verdecken und das geht gar nicht. (S. 207)
Schön beschrieben ist auch einer der niederträchtigen Abzocker, die ständig darüber reden, dass sich Leistung wieder lohnen muss (S. 366), ein “Siegertyp”, der über Leichen geht (”weil das Leben halt einmal so hart ist”).
Ja, der Krimi ist zuweilen etwas zu konstruiert, muss man zugeben. Dafür ist alles sehr dicht und schnörkellos zielführend zusammengeschrieben. Bei einem Banküberfall, der während des Verhöres mit dem Abzocker in der Bank stattfindet, während draußen die Demo der Bürgerinitiaive gegen die Obdachlosen stattfindet und den Fluchtweg blockiert, fragt man sich, ob das nicht ein paar Koinzidenzien zu viel sind. Aber gut.
Auf S. 234 taucht ein hervorragend zynischer, mit allen politischen Wassern gewaschener, hochgradig opportunistischer Oberbürgermeister der “Staatspartei” auf. Der hat mir sehr gefallen. Wenigstens war er ehrlich.
Die Verflechtungen und Verschlingungen der “Clique” in den Fahrradunfall oder besser “Mord” vor einigen Jahren an ihrem Trink-Bruder und unentschlossenen Loser Gossler werden mit jeder Seite sichtbarer und unheimlicher.

Natürlich ist es etwas unfair, dass die Polizei durch das Tagebuch des Tilmann Gossler, des Ermordeten, mehr Macht und Wissensvorsprung den handelnden Personen gegenüber hat als gewöhnlich. Aber es macht auch dem Leser Freude, wie die Menschen zappeln und hilflos sind in ihrer Ratlosigkeit und ihrem Gefühl, permanent beobachtet worden zu sein.
Ein Gedanke kam mir zwischendurch: Warum nimmt man das, was jemand in ein Tagebuch schreibt, eigentlich immer für wahre / bare Münze? Muss das, was darin steht, weil es geheim ist (und so persönlich), deshalb schon wahr oder richtig sein?
Man kann doch darin am besten lügen. Niemand ertappt einen dabei. Auch Stasi Unterlagen z.B.: Warum soll das, was Spitzel unter hohem Erfolgsdruck zu den Akten geben, glaubhafter sein, als das, was reale Personen heute dazu sagen?
Am Ende gibt es eine schön enggeführte, Agatha-Christie-mäßige Rekonstruktion der Nacht, in der der Mord passierte. “On site.” Kommissar Kuttler spielt Hercule Poirot und übernimmt gleichzeitig die Rolle des Ermordeten (S. 355). Das liest man immer wieder gerne, wie sich langsam etwas zuzieht, wie sich alle gegenseitig belauern und irgendwann anfangen, sich gegenseitig zu beschuldigen.
Es geht dann etwas zu lange und zu oft in dem Drama um eine beschädigte Stoßstange und die Frage, welches Auto in welcher Werkstatt, etc. stand, aber das kann man verschmerzen.
Insgesamt hat der Krimi viel Spass gemacht. Gute Sprache, routinierte Führung des roten Fadens, der Leser muss sich nicht die Handlung selber zusammensuchen: 8 von 10 Punkten gebe ich.
Auf diesem Regalauschnitt sieht man die anderen Ritzel-Krimis:
Aber lieber Bertelsmann / random house Verlag oder wie du jetzt heißt:
Es ist völlig egal, ob das Bild und Euer Verlagslogo auf dem Buchrücken rechts herum oder links herum lesbar sind. Nur bitte, wenn Ihr euch einmal entschieden habt: Bleibt dabei. Egal, was man euch erzählt. Es macht keine Sinn, ständig den look der Bücher zu ändern. Guckt Euch mal Diogenes an! Die haben das nicht nötig. Zumindest lasst es so wie es ist, solange Herr Ritzel bei euch Bücher verlegen lässt.
Mit herzlichem Gruß vom Amateurverein der Regalästheten.
Ach so, ja, das habe ich vergessen: Ulrich Ritzel ist geborener Pforzheimer, Jahrgang 1940. Und die anderen Krimis von ihm sind genauso zu empfehlen.
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