Geiselberger (Hrsg.) – Und jetzt?

Es geht um dieses Buch:

„Und jetzt? Politik, Protest und Propaganda“ Herausgegeben von Heinrich Geiselberger. Frankfurt (edition suhrkamp 2500), 2007, 364 Seiten € 12,–

„Über diese Versuche, über zeitgenössische Formen von Politik, Protest und Propaganda berichtet „Und jetzt?“. 16 Akteure, Projekte und Organisationen werden vorgestellt. Der Überblick ist naturgemäß selektiv: Es fehlen die adbuster, die argentinischen Fabrikbesetzer, die kleine Organisation Freifunk Augsburg, die Gaspreisboykotteure in NRW (…) Doch Systematik geht hier vor Vollständigkeit. Erörtert werden der Zustand, die Problem und die Chancen von drei Typen von Akteuren (Parteien, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen) sowie drei Typen des politischen Handelns außerhalb der klassischen Arenen: Protest, politischer Konsum und Medienaktivismus.“ (S. 12/13)

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Zum Thema Gewerkschaften will Klaus Dörre in seiner Einleitung den Gedanken noch lange nicht aufgeben, dass sie auch im 21. Jahrhundert noch eine gewaltige Rolle spielen werden (S. 56). Das wollen wir alle hoffen.

Heinrich Geiselberger beschäftigt sich mit den amerikanischen Varianten der Gewerkschaftsbewegung („Tomaten des Zorns“), von denen man sich hier in Deutschland vielleicht noch was abgucken kann, vor allem deren strategische Einbindung der Öffentlichkeit und der Verbraucher. (S. 81). Der (das?) „Social Movement Unionism“ geht gegen Großkonzerne vor und setzt dabei nicht am Verhältnis Arbeiter und Firma an, sondern an der Beziehung des Unternehmens zu den Konsumenten. „Die Images und Marken, mit milliardenschweren Kampagnen auf Hochglanz poliert, sind heute die Achillesferse der Großkonzerne.“ (S. 83) Wäre auch mal eine Idee für die Lokführergewerkschaft.

Ein weiterer Bericht zum Thema (von M. Candeiras und B. Röttger) handelt über die erfolgreiche Beteiligung der Basis und die Schaffung einer Öffentlichkeit bei dem Konflikt um die Heidelberger Druckmaschinen Fabrik in Kiel.

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Iris Nowak beschäftigt sich danach in „Euromayday“ mit den Schwierigkeiten des Phänomens „Prekariat“, allerdings ohne weiteren Erkenntnisgewinn.

Das Interview mit Chantal Mouffe habe ich schlichtweg nicht verstanden.

Den Begriff „NGO“, der danach (S. 131, Einführung von Tanja Brühl) behandelt wird, möchte ich lieber nicht verwenden, weil er mir zu viel Heterogenes umfasst. Er definiert ja nur, was die Organisationen nicht sind, also lässt er alles nach außen offen. Das ist nicht beschreibbar. Zu vielfältig.

Im Artikel über „attac“ von Klaus Raab habe ich zum erstenmal erfahren, dass die Gruppe mit dem Thema Devisenbesteuerung angefangen hat. „Steuersysteme beziehen sich auf den Nationalstaat und nicht auf die globalisierte Welt. Transnationale Konzerne und Finanzmärkte sind dagegen international organisiert. Die Konsequenz muss sein, Steuern auf internationaler Ebene zu erheben, analog zur globalisierten Wirtschaft, um Fehlentwicklungen der neoliberalen Globalisierung entgegenzuwirken und zwar international koordiniert.“ (S. 152)

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Hindeja Farah schreibt in „Corporate Accountability International“ über die Kampagne gegen „schädliches Verhalten internationaler Konzerne“ am Beispiel Nestlè 1977-1984 (das Thema damals: Säuglingsmilch in der Dritten Welt), die ursprünglich von „Infact“ gestartet worden war. Heute ist die Gruppe vor allem im Bereich „Wasser“ aktiv. Auch hier gegen den Einfluss und die Oligopole der Großkonzerne, Coca Cola, Nestlè usw. („Think outside the bottle“.) CAI verlangt eine objektive Kontrolle und Rechenschaftspflicht (accountability) der Unternehmen, nicht nur eine freiwillige „social corporate responsibility“.

Caroline von Lowtzow schreibt über die Ansätze zu einer Online Demokratie: „Avaaz“, „MoveOn“, „Campact“. Aber: Obacht! Nicht zuviel erwarten! Das sollte man erst mal noch weiter beobachten, wie sich das Thema entwickelt.

Dieter Rucht analysiert in seiner Einleitung zum Kapitel „Protest“ („Das Elend der Latschdemos“) sehr schön die Aspekte der Aufmerksamkeit, die auf Zustimmung gerichteten öffentlichen Aktionen, die Toleranz des Werbens und Überzeugens von Protesten, sowie die Selbstbezüglichkeit des Protestes als Vergewisserung kollektiver Identität und Stärke (S. 184)

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Ein Zitat von Jakob Schrenk in seinem Aufsatz über die französischen Studentenproteste: „Die 68er wollten keine Spießer sein und wurden genau das. Die Jugendlichen von heute wären gerne Spießer, dürfen das aber nicht sein.“ (S. 207)

Nadja Klinger bringt eine bedrückende Reportage über Fred Schirrmacher, den Organisator der gescheiterten Montagsdemonstrationen gegen die Hartz IV Gesetze in Leipzig und anderswo.

Bettina Dyttrich erklärt die Hintergründe und beschreibt Proteststrategien und Taktiken gegen das World Economic Forum in Davos der letzten Jahre.

Im Interview setzt Ulrich Beck auf den mündigen Bürger und sein politisches Konsumentenverhalten, im Anschluss an sein Buch über die Weltrisikogesellschaft.

Boris Holzer gibt eine gute Einführung in das Thema „Politik im Supermarkt“ und den politischen Konsum.

Thomas Moorstedt wagt die Voraussage, dass nach dem design-orientierten Zeitalter das ethische Verbraucherverhalten in den Vordergrund tritt. Am Produkt wird gezeigt werden, welche Haltung der Käufer / Verbraucher hat. Immer stärker.

Die Einführung von Frank Apunkt Schneider / monochrom zum Thema „Medien“ ist sehr lesenswert. („Über die implizite Ideologie des Medienaktivismus, seine aktuellen Chancen und generelle Verstricktheit“). Die Empörung über die Zustände der Welt führt nicht zu interventionistischem Verhalten. Hat es noch nie geführt. Wie das Medium (Fernsehen) das falsche ist.

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Der Artikel über „Indymedia“ beschreibt die Bedeutung unabhängiger „News-Seiten“, und die Enttäuschung darüber dass auch sie von Falschmeldungen und Beeinflussern manipuliert werden. Die Erkenntnis, dass der „Schwarm“ in seiner Idealform nie existiert und deshalb auch praktisch nicht intelligent ist oder so einfach als Methode nicht verwendet werden kann, macht sich langsam breit.

Daneben gibt es in dem Band noch weitere Artikel, z.B. über die „yes men“, über Kommunikationsguerilla („gatt.org“) oder über „klein.org“ und die Mittel von Medien-Gegenmacht.

Im Ganzen gibt das Buch einen schönen Überblick über eine wimmelnde Masse von Gruppen und Projekten und Ansätzen und Theorien. Das alles ist in Bewegung, das sollte man auch so dort lassen. Vielleicht ist viel zu viel schon in Bewegung. Denn um Wichtiges durchzusetzen, braucht es eine große, einheitliche, kritische Masse. Die ist längst noch nirgends sichtbar. Zu zersplittert sind die Einzel- und Eigeninteressen und Motivationen.

Einiges von den berichteten Ansätzen macht Hoffnung, dass sich die Vernunft eine Stimme sucht und findet. Anderes sieht doch noch sehr naiv und experimentell aus. Bedauerlich finde ich die um sich greifende Hoffnung, dass der Konsument alles durch sein Verhalten regeln kann und soll. Das ist etwas zuviel von ihm verlangt. So mündig sind die Verbraucher jetzt dann doch auch wieder nicht. Beispiele dafür gibt es genügend.

Aber schützenswert und bedenkenswert sind alle Ansätze und Versuche.

Auf geht’s.

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